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Die RT-Halle galt als öde, schmucklos und kalt

Die 20er Jahre waren eine Epoche des Aufbruchs. Für die Architektur war es die Geburt der klassischen Moderne.
Von Thomas Dietz, MZ

  • Die Halle der Regensburger Turnerschaft auf dem Oberen Wöhrd, heutiger ZustandFoto: RT e.V.
  • Das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, heutiger ZustandFoto: Stadt Regensburg, Amt für Stadtentwicklung

Regensburg. Die Umbrüche jener Zeit waren gigantisch: Krieg verloren, Kaiser im Exil, Millionen Männer tot oder lebenslang verstümmelt, Revolution auf den Straßen, das ganze Land ausgehungert und ausgepowert. Die 20er Jahre stehen für die Geburt eines neuen Lebensgefühls, die ekstatische Befreiung vom Düsteren, Alten, Militaristischen, das man endlich abschütteln wollte. Alles sollte neu und anders werden, die Künste sprengten souverän und heroisch ihre Formen, selbst die Gesellschaftstänze wurden wild und ungestüm. „Eine neue Zeit bricht an“, schrieb der berühmte Kunstkritiker Kurt Scheffler 1919, Nietzsches Satz von der „Umwertung aller Werte“ wurde oft gebraucht.

In der Architektur richtete sich das Interesse auf das „Bauhaus“, jene legendäre Kunstschule von Walter Gropius, die 1925 von Weimar nach Dessau umzog. Der Einfluss des Bauhauses war und ist ungeheuer groß, so groß, dass der Begriff „Bauhaus“ noch heute weltweit meist eins ist mit „Moderne“, „Sachlichkeit“, „Funktionalität“ oder „Guter Form“.

Der gedankliche Ansatz des „Bauhauses“ war unerhört. Man lehnte die schweren, schwülstig-überladenen Dekore des wilhelminischen Historismus ab und schuf klare, transparente Konzepte und Bauten von hoher kunsthandwerklicher Qualität in einer damals vollkommen neuen, schockierend ungewohnten Formensprache. Architektur sollte zum Gesamtkunstwerk werden, dem sich die industrielle Fertigung unterordnet.

Gebändigter Expressionismus

Auch in Regensburg wurde in den 20er Jahren viel gebaut – Siedlungshäuser, Wohnhäuser, Geschäftsbauten, Kirchen. Als bedeutende öffentliche Gebäude seien die Neubauten der RT-Halle auf dem Oberen Wöhrd (Schopperplatz) und das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder an der Prüfeninger Straße genannt. Beide Großbauten, die für uns Heutige doch eher den charmanten Reiz der Bauhaus-Philosophie in einem gemäßigt-gebändigten Expressionismus ausstrahlen, trafen den damaligen Publikums-Geschmack der Regensburger überhaupt nicht. Vielen galt die neue Sachlichkeit als „öde“, „schmucklos“, „kalt“.

Allerdings wurde über die RT-Halle des Regensburger Architekten Albert Reiss vom Büro Gath & Reiss offensiver geschimpft als über das Krankenhaus-Design des Landesbaurates Prof. Albert Boßlet (1880-1957) aus München, vor dem man mehr Respekt hatte. Reiss hatte ja Anfang des Jahrhunderts noch ganz in der Art des Jugendstils gearbeitet und entwarf z.B. 1902/03 das Mietshaus Von-der-Tann-Straße 10/12 mit reicher und zeittypischer Fassadendekoration.

Nach Gründung der Regensburger Turnerschaft (RT) 1928 beschloss man den Bau einer neuen großen Turnhalle mit Bühne, Galerie, Küche, Kegelbahn und „Schankstätte“, die auch für kulturelle und gesellschaftliche Zwecke geeignet war. Dazu gibt es im Turnhallensaal eine an drei Seiten freitragende Galerie. Die RT-Halle ist ein klassisches Architektur-Beispiel jener Zeit in Regensburg und besitzt mit seinen waagerecht umlaufenden Klinkerbändern, dem wuchtig verkleideten Sockelgeschoss und den senkrechten Linien an den Fenstern die typische zurückhaltende Eleganz der klassischen Moderne. Besonders reizvoll sind die leuchtenden, gläsernen Viereckpfeiler über dem Eingang. Die RT-Halle musste, u.a. auch wegen Problemen mit der donaunahen Durchfeuchtung, mehrfach aufwändig saniert werden.

Der gedrungene Turmkörper

Die medizinische Versorgung der Regensburger Bevölkerung und der Heerscharen von Invaliden aus dem Ersten Weltkrieg war in den 20er Jahren kritisch. Man brauchte dringend ein neues Krankenhaus. Die Stadt konnte nirgendwo Geld aufbringen und nahm das Angebot des Ordens der Barmherzigen Brüder, auf seine Kosten ein Krankenhaus zu errichten, dankbar an und spendierte im Gegenzug den großen Bauplatz an der Prüfeninger Straße. Ordensbruder Eustachius Kugler (1867-1946) wurde dafür am 4. Oktober 2009 seliggesprochen.

Die Krankenhausanlage entstand 1927-30 nach Entwürfen des Architekten Prof. Boßlet und wird „in ihrer Strenge der Formgebung und in ihrer kubischen Geschlossenheit“ stets als bedeutendes Werk der Architektur der 20er Jahre bezeichnet. Besonders die Krankenhauskirche St. Pius mit ihrem gedrungenen Turmkörper wurde zum Stadtsymbol im Westen.

Form und Farbe des Baus sollen nach Boßlets Willen Lebensfreude und Lebensbejahung ausdrücken, die Räume Licht und Luft hereinlassen. Das war nach all den Epochen, in denen öffentliche Bauten eher Herrschaftsanspruch und Autoritätsgefüge zum Ausdruck brachten und die Kleinheit des Untertans oder Individuums unterstrichen, ein Entwurf, für den man Courage haben musste. In den 20ern haben mutige Männer und Frauen Pionierarbeit geleistet, von der wir noch heute zehren.

Labore und OP-Säle entsprachen den neuesten Erkenntnissen der Medizin, die Aufenthaltsräume waren mit den berühmten Laccio-Stahlrohrtischen und -stühlen möbliert, die der Bauhaus-Architekt und -Designer Marcel Breuer (1902-1981) entwarf und die noch heute gebaut werden. Breuer schuf u.a. die Möbelklassiker „Stahlclubsessel B3“ und den Freischwinger.

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