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Gestreift vom Glanz der Avantgarde

Im Regensburg der Zwanziger waren große Künstler zwar dünn gesät. Gegeben hat es sie aber, wie die große Zwanziger Jahre-Schau beweist.
Von Katharina Kellner, MZ

Regensburg. Der junge Künstler Alfred Zacharias staunte nicht schlecht über seinen Tischgenossen, mit dem er da im Regensburger Ratskeller saß. Als dem Maler Josef Achmann, 14 Jahre älter als Zacharias, der Schweinebraten serviert wurde, goss er ein Glas Rotwein darüber, um das Gericht zu verfeinern. Viele Jahre später erinnerte sich Zacharias in einem Gespräch mit Stefan Reichmann an die Episode.

Bei Reichmann sind solche Anekdoten gut aufgehoben: Der Berufsschullehrer ist Experte für Regensburger Kunst und Künstler. Er hat über einzelne Künstler geschrieben, zum Beispiel im Regensburger Almanach. Zur Zwanziger Jahre-Ausstellung steuert er seine Expertise bei. Für das Begleitbuch zur Ausstellung hat er einen Beitrag mit Kurzporträts von Regensburger Künstlern verfasst. Die Ausstellung, die einen Schwerpunkt auf Kunst und Kunsthandwerk der 20er setzt, ist für Reichmann überfällig.

Reichmann geht es nicht nur um die Kunst, sondern auch um den Künstler als Menschen. Er schreibt keine kunsthistorischen Abhandlungen, sondern dokumentiert die Spuren, die ein solch kreatives Leben hinterlassen hat: „Ich habe das Bedürfnis, diese Persönlichkeiten dem Vergessen zu entreißen.“ Er kennt sie alle, die Regensburger Künstler und Kunsthandwerker der 20er-Jahre: Einige von ihnen gehörten zur zweiten Generation von Expressionisten. „Der Erste Weltkrieg war ein Einschnitt. Die Gasangriffe, die zerschossenen Gesichter auf den Fotos ließen die Künstler mit den Elementen der Vorkriegszeit brechen“, erläutert Reichmann.

Auf der Weltausstellung prämiert

Wer Reichmann zuhört, merkt: Obwohl Regensburg tiefe Provinz war, gab es herausragende Persönlichkeiten, die es sich wiederzuentdecken lohnt. Im Kunsthandwerk-Bereich ist das zum Beispiel Eugen Wiedamann, der 1902 den väterlichen Zinngießereibetrieb übernahm. Er schuf Kannen, Leuchter, Zuckerdosen oder religiöse Kultgegenstände nach eigenen Entwürfen und nach denen von Künstlern wie Wolfgang von Wersin, Friedrich Adler, Jo Lindinger und Christian Metzger. „Diese Werkstatt produzierte grandiose Qualität“, sagt Reichmann. Sohn Richard Wiedamann, der die Arbeit des Vaters fortsetzte, wurde auf der Pariser Weltausstellung 1937 mit dem „Grand Prix“ ausgezeichnet.

Auf dem Gebiet der Bildenden Kunst nennt Reichmann den Eisenbahningenieur und Tierplastiker Christian Metzger, der als Architekt auch Häuser entwarf, aber auch Postkarten, Plakate und Firmenlogos gestaltete. „Metzger ist im Prinzip vergessen“, sagt Reichmann. Tiere faszinierten den Künstler: Er schuf Eulen, Affen, Katzen, Schildkröten, einige von ihnen zeigt die Ausstellung. „Er wollte das Innere des Tieres erfassen und in einer modernen Formensprache wiedergeben“, sagt Reichmann.

Den 1901 geborenen Alfred Zacharias hat Reichmann noch persönlich kennengelernt. Als er ihn zum ersten Mal traf, war Zacharias über 80 Jahre alt. Die beiden unterhielten einen jahrelangen Briefwechsel. 1997 organisierte Reichmann die erste Alfred-Zacharias-Einzelausstellung im Diözesanmuseum, die der damals 96-jährige Künstler noch erlebte. Zu sehen waren dessen Holzschnitte aus der Zeit von 1920 bis 1980. Alfred wurde als Sohn des Hoffotografen Rudolf Zacharias in der Oberen Bachgasse 23 geboren. Sein Vater unterhielt dort ein Fotoatelier, in dem Künstler, reiche Bürger und Angehörige der Familie Thurn und Taxis ein- und ausgingen. Zacharias’ Onkel Otto betrieb im gleichen Haus eine Werkstätte für Dekorationsmalerei. Sein Bruder Kurt Zacharias war als junger Mann einige Zeit mit Monika Mann, einer Tochter von Thomas Mann, liiert.

Alfred fand in dem Maler, Grafiker, Illustrator und Kunsterzieher Oskar Birckenbach nicht nur seinen Lehrer, sondern „einen Mentor fürs Leben“, wie Reichmann sagt: „Er animierte ihn, sich an Holzschnitten zu versuchen, was Alfred sein Leben lang beschäftigt hat.“ Über Birckenbach bekam er Kontakt zu Josef Achmann und Georg Britting, die 1919 in ihrer Heimatstadt die expressionistische Kunst- und Literaturzeitschrift „Die Sichel“ gründeten – und damit für kurze Zeit Regensburg zu einem Zentrum der künstlerischen Avantgarde machten. Mit der Sichel standen sie in Verbindung mit anderen expressionistischen Künstlern in ganz Deutschland, die solche Zeitschriften als Diskussionsforum nutzten. Durch Kunst wollten sie die Welt verbessern, sie versuchten, „einen ‚neuen‘ Menschen zu erschaffen“, wie Wilhelm Amann im Begleitbuch zur Ausstellung schreibt: „Im expressionistischen Sinne sollte sich der Schnitter mit der Sichel einen Weg durch die ‚überkommene‘ Kunst schlagen und Platz für das Neue schaffen.“ Das Erscheinen der Sichel brachte die konservative Lokalpresse auf – der Regensburger Anzeiger wollte die Herausgeber sogar in die „Irrenanstalt“ Karthaus-Prüll einweisen lassen.

Die Sichel steckt in der Wand

In der Sichel erschienen Erstdrucke von Lyrik, Prosa und Grafik junger, avantgardistischer Autoren und Künstler. Die Sichel-Künstler, die auch für andere expressionistische Zeitschriften in ganz Deutschland arbeiteten, wurden über Regensburg hinaus bekannt. Symbol für die Sichel ist das Ölbild „Die Brennsuppenesser“ von 1919, gemalt von Josef Achmann. Es zeigt ihn und Britting beim Essen im Haus seiner Eltern im Königshof 2. Dort befanden sich sein Atelier und die Redaktion der Zeitschrift. Auf der linken Bildseite steckt eine Sichel in der Wand, auf einem zeitgenössischen Foto ist sie im Türrahmen zu sehen. Achmann hat den Schriftsteller Britting schwarz gekleidet gemalt, er selbst trägt einen blauen Malerkittel und einen gelben Schal. Nach nur zwei Jahren stellten die beiden Freunde das Kunst- und Literaturprojekt im Dezember 1921 ein. Achmann und Britting zogen nach München. Das verschlafene Regensburg bot offenbar nicht das beste Pflaster für avantgardistische Ideen.

Der 1885 in Regensburg geborene Achmann ist eine der herausragenden Künstlerpersönlichkeiten der Stadt. 1919 wurden seine Arbeiten in München mit Werken von Max Pechstein, Otto Mueller, Erich Heckel und George Grosz präsentiert. 1931 war er zum Vorsitzenden der Münchner Sezession gewählt worden, später erteilten die Nationalsozialisten ihm Ausstellungsverbot. Die 20er-Ausstellung zeigt ein Bild Achmanns: „Selbstporträt des Malers Josef Achmann München“, steht auf der Rückseite. Er hat ein älteres Bild übermalt. „Das bedeutet nicht, dass er unter Materialknappheit litt“, erklärt Reichmann und mustert den Mann auf der Leinwand. „Vielmehr hat er das Bild nicht mehr gebraucht. Er hatte die Phase des Provinziellen überwunden. Man sieht: Ihm geht es gut, er hat sich mit Büchern gemalt und einem Glas Wein.“ Regensburg war für Achmann zwar zu klein geworden, doch die Stadt war sein Sprungbrett. Auch andere, wie Alfred Zacharias, zogen fort, blieben Regensburg aber zeitlebens verbunden. Die Ausstellung zeigt, dass der Glanz der Avantgarde Regensburg streifte.

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