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Regensburg entdeckt die 20er

Bürger haben eine Schau erarbeitet, die das Zeitbild der Stadt in einem lebendigen und kreativen Jahrzehnt zeichnet.
Von Katharina Kellner, MZ

Regensburg. „Es ist eine Lust, zu leben“, hat der Schriftsteller Alfred Kerr geschrieben – wer die 20er-Jahre-Ausstellung im Regensburger Kunst- und Gewerbeverein besucht, der kann das nur bestätigen. Die Schau, die sich Kerrs Zitat zum Motto gewählt hat, zeigt einen reichhaltigen Querschnitt durch ein faszinierendes Jahrzehnt. Das Lebensgefühl der wilden „Goldenen Zwanziger“ hat zwar vor allem in den großen Metropolen Spuren hinterlassen. Doch der Glanz und das kreative Potenzial dieser Epoche machte auch vor Regensburg nicht Halt. Dort zeugen Bauwerke, Kunstobjekte und technische Neuerungen von dieser Zeit des Aufbruchs. Dass die Epoche zwischen Krieg und Nazi-Diktatur nicht nur eine goldene Zeit war, wird nicht verschwiegen: Ausstellung und Begleitbuch zeigen auch die wirtschaftliche Not, die Folgen der Inflation und die Nachwirkungen des zu Ende gegangenen Ersten Weltkriegs auf.

„Die Ausstellung präsentiert nicht nur einzelne Aspekte, sondern die ganze Struktur einer Epoche“, sagt Klaus Caspers, auf dessen Initiative die Ausstellung zurückgeht. Caspers ist Künstler und dritter Vorsitzender des Kunst- und Gewerbevereins. Es störte ihn, dass der Verein seine eigene Geschichte nicht genau kannte. Nachforschungen ergaben, dass der Verein 1925 durch eine Fusion zweier Vorläufervereine entstanden war: Des 1838 gegründeten Kunstvereins und des 1847 gegründeten Gewerbevereins. Beide hatten vor dem Zusammenschluss gedarbt, gemeinsam fanden sie zu neuem Schwung. Nach der erfolgreichen Fusion kam es zu Umbauarbeiten am Vereinshaus in der Ludwig-straße. 1928 bekam es eine neue, moderne Fassade. Sie fiel, so wollte es der Zeitgeist, betont sachlich aus. Am Portal wurden zwei Terrakotta-Plastiken des Bildhauers Ludwig Kunstmann angebracht. Somit ist das Vereinshaus nicht nur Ausstellungsraum, sondern zugleich eine Art „Über-Exponat“.

Infiziert mit dem 20er-Jahre-Virus

Weil die 20er die prägende Epoche für den Verein waren, begann Caspers zusammen mit Eginhard König vom Arbeitskreis Kultur, genauer nachzuforschen. Sie stellten fest, wie stark Entwicklungen und Zeugnisse aus dieser Zeit Regensburg heute noch kennzeichnen – die Idee zur Ausstellung war geboren. Damit lag vor den Organisatoren ein riesiger Berg Arbeit, der Caspers heute sagen lässt: „Das ist das größte Projekt, das ich je gemacht habe.“ Parallel dazu hat das Team um Caspers ein Programm mit zeitgenössischem Film, Musik, Lesungen, Vorträgen, einem 20er-Jahre-Ball und einem Varieté-Wochenende organisiert. Positive Reaktionen und der Besucherandrang zeigen, dass sie es geschafft haben, die Stadt mit dem 20er-Jahre-Virus zu infizieren. „Vor ein paar Tagen hat noch jemand ein Transistor-Radio vorbeigebracht“, berichtet Caspers.

Die Schau will verdeutlichen, dass die Ereignisse in Regensburg in einen großen Zusammenhang eingebunden waren: Nach Weltkrieg und Ende des Kaiserreichs gab es auch dort politische Turbulenzen. Diese fielen aber weit gemäßigter aus als in den Großstädten.

Die 20er Jahre haben auch das Stadtbild geprägt, wie die Ausstellung dokumentiert: 1924 erweiterte sich das Stadtgebiet durch einen „Sprung über die Donau“: die Siedlungen im Norden wurden eingemeindet. Damit wuchs Regensburg in der Fläche um mehr als das Doppelte.

In den 20ern wurde in Regensburg fleißig gebaut – das Thema Architektur nimmt in der Ausstellung breiten Raum ein. Zu sehen sind Modelle, die Studierende der Hochschule angefertigt haben. Um die Wohnungsnot nach dem Krieg zu mildern, schufen die Kommunen günstigen Wohnraum. Baugenossenschaften wollten „kleinen Leuten“ ein besseres Wohnen ermöglichen. Ein Beispiel ist die Kleinwohnsiedlung Margaretenau. 1927-30 errichtete der Orden der Barmherzigen Brüder an der Prüfeninger Straße ein Krankenhaus im Stil der Zeit. Die Formen des Gebäudes mit seinen klaren Fassaden, Flachdächern und einer Innenausstattung, die an die „Bauhaus“-Ästhetik anknüpfte, wurden von der Funktion bestimmt. Die Architektur war bei den Zeitgenossen ebenso umstritten wie die 1928 erbaute RT-Halle.

Krisenfeste Regensburger Firmen

Die Ausstellung beschränkt sich nicht auf die Räume des Kunst- und Gewerbevereins. Caspers und sein Team haben Regensburger Firmen ins Boot geholt: „Die Ausstellung zeigt, dass es in Regensburg etwa 160 Firmen gibt, die sich als so krisenfest erwiesen haben, dass sie seit den 20er Jahren Teil der Geschäftswelt sind.“ Die Organisatoren sind überzeugt, dass die familiengeführte Struktur dieser Firmen wesentlich dazu beigetragen hat, dass diese die Zeitläufte unbeschadet überdauert haben. Einige Firmen begleiten die Ausstellung mit Objekten und Material aus ihren Archiven.

So ist die 20er-Schau ein großes Bürgerprojekt geworden – und darauf ist Caspers, der auch das „Fest im Fluss“ initiierte und einer der Ideengeber für das Regensburger Bürgerfest war, stolz. „Wir haben es mit unserer Ausstellung geschafft, dass die 20er in aller Munde sind. Das muss ein Museum erst einmal zustande bringen. Unsere Ausstellung hat einen vergleichbaren Mehrwert wie eine Landesausstellung. Insofern profitieren Stadt und Staat von unserem ehrenamtlichen Engagement.“ Nun hat Caspers nur noch einen Wunsch offen: „Vielleicht regt die Ausstellungen ja eine Forschungsarbeit über die 20er Jahre in Regensburg an.“ Material gibt es genug, das haben er und seine Mitstreiter bewiesen.

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