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Sammler mit Händchen und Hingabe

Ein Ausstellungsrundgang mit dem Filmausstatter Raimund Breinl, der die 20er-Jahre-Schau mit historischen Requisiten bereichert
Von Katharina kellner, MZ

Regensburg. Es ist kein gewöhnliches Klavier. Raimund Breinl hat sich davor gesetzt, die Füße ausgestreckt und betätigt damit einen Blasebalg. Die Tasten bewegen sich, eine Melodie ist zu hören und das wie von Zauberhand – Breinls Finger berühren die Tasten nicht. Das Instrument ist ein sogenanntes Walzenklavier. Es hat einen prominenten Platz in der 20er-Jahre-Ausstellung in den Räumen des Kunst- und Gewerbevereins. Dort, wo ein Spieler normalerweise seine Noten stehen hat, sieht man in den Eingeweiden des Klaviers eine durchlöcherte Papierrolle. „Symphonie Nr. 3 Mendelssohn“ steht darauf. Die eingestanzten Löcher und Striche beinhalten die Toninformation. Rechts und links befinden sich kleinere Blasebälge. Der durch die Fußbewegung erzeugte Luftstrom treibt die Mechanik an.

Besucher sind neben Breinl stehen geblieben und blicken fasziniert auf das Klavier. „Kann man auch normal spielen?“, fragt eine Frau. Breinl nickt und legt los. Während das Klavier alleine nur nach den in die Rolle gestanzten Löchern klimpert, kann Breinl Lautstärke und Dynamik variieren. „Walzenklaviere waren zwischen 1910 und 1920 relativ stark verbreitet, auch in Regensburger Etablissements und Kaffeehäusern“, erklärt er.

Das Klavier ist aber nur eines von Breinls Sammlerstücken. Sein „Historischer Requisitenfundus“, den er in einer alten Papierfabrik in Alling bei Regensburg untergebracht hat, ist schier unerschöpflich. Seine Stücke decken eine Zeitspanne von 1800 bis 1970 ab.

Normalerweise stattet Breinl Filme aus. Jetzt ist ein Teil seiner Sammlung in der 20er-Jahre-Ausstellung zu bestaunen. Blickfang der Ausstellung ist der Kaufladen in Lebensgröße aus dem Jahr 1926. Hier gibt es Wasch- und Reinigungsmittel, Shampoo, Seife, Zigaretten, Kekse, Tee, Spirituosen, Würstchen in der Dose, Schnupftabak. Breinl hat ein besonderes Faible für alte Warenverpackungen – vielleicht, weil er früher als Werbegrafiker gearbeitet hat. In seinem Fundus ordnet er sie nach Firmen und Produktgruppen. Er weiß genau, welche Reinigungsmittel beispielsweise die Firma Henkel in den 20er Jahren produziert hat: „Imi, Henko, Sil und Ata. Persil kam schon 1907 auf den Markt“, erklärt er.

Überhaupt wird das Sammeln für ihn erst interessant, wenn er die Dinge historisch einordnen kann: „Ich möchte genau wissen, was aus welcher Zeit stammt oder ob die Firma das Produkt deutschlandweit oder nur regional verkauft hat.“ Zum Beispiel die Firma Bahlsen, die ihre Kekse deutschlandweit vertrieb, während der von der Regensburger Schnupftabak-Firma Bernard produzierte „Schmalzlerfranzl“ bis nach Übersee geliefert wurde.

Breinl scheut fast keine Mühen, um an seine Sammlerstücke zu kommen: Im Umkreis von rund einhundert Kilometern stöbert er in Kellern, Scheunen, in alten Läden, auf Dachböden. Bei der Bergung seiner Schätze muss er schwer schleppen und hat sich schon oft genug das Kreuz verrissen. Doch er tut es aus Leidenschaft: „Sammler sind irgendwie kranke, aber auch glückliche Menschen“, sagt er mit einem Lächeln. „Ich bin zunächst von diesem Virus verschont geblieben, aber vor 20 Jahren hat es mich gepackt. Ich habe mich schon immer für historische Dinge interessiert, für mich zählt der Aspekt des Bewahrens.“ Als Ende 2008 die Sternbrauerei am Galgenberg abgerissen wurde, bekam Breinl einen Tipp und rettete einige Kisten mit Original-Stempel, in denen früher Bierflaschen verschickt wurden. „Die waren unheimlich schwer“, erinnert er sich.

Dass Breinl so gut über seine Schätze Bescheid weiß, kommt den Filmleuten zu Gute, die in seinem Depot nach zeitgemäßen Requisiten für ihre Filme suchen. In der Regel stattet Breinl Filme aus, die vor dem Zweiten Weltkrieg spielen. Bei zwei jüngeren Produktionen gab es eine Ausnahme: Für Bernd Eichingers „Baader-Meinhof-Komplex“ hatte er die passenden Zigaretten und Spirituosen.

Und die Macher von Josef Vilsmaiers Bergsteigerfilm „Nanga Parbat“, der 1970 spielt, fanden bei Breinl Lebensmittelverpackungen und 40 Spanfässer, in denen die Film-Sherpas Vorräte ins Basislager transportierten. Breinl hat mittlerweile einen Blick dafür, was Filmleute brauchen können: Zum Beispiel 20 Schiefertafeln mit Griffeln und Schwämmchen für eine Klassenzimmer-Szene oder 50 Leitz-Ordner aus den 70er Jahren für ein Büro. „Leere Ordner hätte ich früher liegen lassen. Aber mein Spektrum erweitert sich durch die Nachfrage“, sagt er.

Er ist vor dem Friseurstuhl stehen geblieben, packt ihn an den Armlehnen, zieht ihn zu sich heran. „Mal sehen, ob der Wendesitz noch funktioniert“, murmelt er und drückt einen Hebel. Tatsächlich löst sich das Sitzkissen aus der Verankerung und dreht sich einmal um sich selbst. „Für jeden neuen Kunden hat man den Sitz gewendet, damit keine Haare an die Kleidung kamen“, erklärt er. Der Stuhl hat eine höhenverstellbare Kopfstütze, die mit Papier überzogen ist, das sich durch Weiterdrehen erneuern lässt. Die Trockenhaube neben dem Stuhl erinnert mit den Eisengestängen an ein Folterinstrument. Die Haube ist mit Dampf-Düsen versehen. „Die Temperatur konnte man auf ,warm’ oder ,heiß‘ einstellen“, sagt Breinl.

Ausprobieren möchte man das gute Stück heute nicht mehr. Es hat sich überlebt, wie auch das Walzenklavier. Die Exemplare, die übriggeblieben sind, begeistern heute nicht Friseure oder Musikfans, sondern Liebhaber wie Raimund Breinl.

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