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Adolf Hölzel – eine Neuentdeckung, die längst fällig war

Die große Werkschau des Avantgarde-Künstlers Adolf Hölzel kommt auch nach Regensburg.

Adolf Hölzel: „Blüten“ (Komposition über geometrischen Formen; um 1920)

Von Harald Raab, MZ

Gibt es noch etwas zu entdecken oder wieder zu entdecken in der bildenden Kunst, ohne sich in der bedeutungsschwanger vagen Beliebigkeiten der Videoschnipselei verlieren zu müssen? Das gute alte Tafelbild ist auch noch für Überraschungen gut – und was für welche. Das gemeinsame Ausstellungsprojekt „Kaleidoskop Hoelzel in der Avantgarde“ des Kunstmuseums Stuttgart und des Kunstforums Ostdeutsche Galerie ist solch ein Höhepunkt. Die Ausstellung, die am Freitag in Stuttgart eröffnet wurde, ist Ende November in eigener Konzeption im Kunstforum zu sehen.

Hölzel wies Kandinsky den Weg

Sie beleuchtet mit einem Katalog, der schon als groß angelegtes wissenschaftliches Werk zu bezeichnen ist (Beiträge unter anderem vom Regensburger Kunstgeschichtler Christoph Wagner, Gerhard Leistner und Roman Zieglgänsberger, Ostdeutsche Galerie), das malerische, aber auch kunstpädagogische Lebenswerk des aus Olmütz in Mähren stammenden und in Stuttgart wirkenden Adolf Hölzel (1853-1934). Das Bedeutende: Die Kunstgeschichte über die Anfänge und Grundmotivation der abstrakten Malerei muss zwar nicht umgeschrieben, aber doch wesentlich neu akzentuiert werden.

Adolf Hölzel ein vergessener oder gar unbekannter Künstler? Keineswegs. Er hat nur wie der Tscheche František Kupka nicht in den Gründungsmythos der kämpferisch säkularen Moderne gepasst. Beide arbeiteten mit dem verpönten Ornament, sogar mit religiöser und auch folkloristischer Ausgangsmotivik. Das war konträr zum Zeitgeist. Man gab Wassily Kandinsky das Erstgeburtsrecht für Abstraktion, weiß heute aber, dass Hölzel nicht nur kunsttheoretisch 1901 mit dem Aufsatz „Über Form und Massenverteilung im Bilde“ der gegenstandslosen Malerei den Weg gewiesen hat. Und das 25 Jahre vor Kandinskys entsprechender Publikation.

Auch als abstrakter Maler ist er zumindest zeitgleich mit Kandinsky einzuordnen. Sein Diktum: Das Bild als Formproblem im Neben- und Miteinander von Farben, Linien und Flächen. Diese Aufgabe hat der Künstler zu bewältigen. Das Bild als autonomes Kunstwerk und nicht Abbild oder Nachahmung von Realem. Die Malmittel rücken ins Zentrum, um innere Erlebnisse zum Ausdruck, ja zum Klingen zu bringen. Harmonie und Rhythmus wie in der Musik, das war Hölzel eminent wichtig. Eine Neuentdeckung des umfangreichen Werks Adolf Hölzels war überfällig, der nicht von ungefähr Lehrer der großen Bauhauskünstler Johannes Itten und Otmar Schlemmer war, aber auch von Farbmagiern wie Willi Baumeister.

Mit vornehmer Opulenz

Ohne lokalpatriotisch zu werden: Es ist das Verdienst von Gerhard Leistner, dem Sammlungsleiter des Kunstforums Ostdeutsche Galerie, dass zum 75. Todestag Hölzels dem Avantgarde-Künstler die bisher umfangreichste Ausstellung seines Werkes ausgerichtet worden ist. Leistner setzt sich seit Jahren für eine Neubewertung Hölzels ein. Er stieß damit bei seiner früheren Direktorin Ulrike Lorenz und bei der Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart, Marion Ackermann, auf offene Ohren. Sie schufen die organisatorischen und finanziellen Voraussetzungen für das prominent eingestufte Unternehmen; mit im Boot ist die Ernst-von-Siemens-Kunststiftung.

Im Glaskubus des Stuttgarter Kunstmuseums lässt Kurator Daniel Spanke auf drei Ebenen einfühlsam und mit informativer Intelligenz die Entwicklung des Hölzel-Werkes mit vornehmer Opulenz nachempfinden. 220 Arbeiten werden gezeigt, beginnend bei seiner Dachauer Zeit, noch ganz im Stil des süddeutschen Realismus’ eines Wilhelm Leibl. Hier ist schon der Einfluss der französischen Impressionisten deutlich (Manet und Monet). Im zweiten Stock Arbeiten auf Papier mit der souveränen Betonung des Eigenwerts der Farbe als gestalterisches Prinzip. Motivisches, obwohl immer noch erkennbar, tritt zurück. Die malerischen Mittel übernehmen die dominierende Rolle. Flächenformen, oft durch Linien konturiert, strukturieren das Bild. Der Rhythmus des Farbkaleidoskops vermittelt sich unmittelbar dem Betrachter. In einem Raum werden nicht nur Glasfenster Hölzels gezeigt. Hier wird auch mit vielen Blättern auf sein immenses kunsttheoretisches und -pädagogisches Schaffen aufmerksam gemacht.

Auf der dritten Ebene präsentiert Kurator Spanke das malerische Fazit Adolf Hölzels: Gemälde aus der Stuttgarter Zeit und die beeindruckenden Pastelle mit ihrer geradezu suggestiven Leuchtkraft der volltonigen Farben. Was zu beweisen war: Adolf Hölzel ist auch deshalb so modern, weil er die Abstraktion nicht zum Fanal hochstilisiert hat, sondern seine in der Fläche rhythmisch atmenden Kompositionen der Phantasie Raum geben und so die Bilder zu wahren Erlebnissen werden.

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