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Formen wie beim Blick durch ein Kaleidoskop

Am Sonntag wird im Kunstforum Ostdeutsche Galerie die Ausstellung „Kaleidoskop – Adolf Hölzel in der Avantgarde“ eröffnet.
Von Ulrich kelber, MZ

Regensburg. Der Bildtitel heißt schlicht „Komposition in Rot“. Farbfelder in unterschiedlichen Rot-Tönen sind hier in einer stimmigen Weise miteinander kombiniert worden. Erst beim genauen Hinsehen erkennt man eine Frauengruppe und ein paar landschaftliche und architektonische Details. Eigentlich nichts Ungewöhnliches – wenn da nicht ein Datum wäre. Als Entstehungszeit des Gemäldes wird nämlich das Jahr 1905 genannt.

Aber stammt das erste abstrakte Bild der Kunstgeschichte nicht von Wassilij Kandinsky? Und datiert dieses nicht von 1908? Ist es also dem Maler Adolf Hölzel so ergangen wie vielen anderen Vorreitern von Entwicklungen, die dann mit ansehen mussten, dass jemand anderes den Ruhm einheimste?

Mehr Räume als bei Corinth

Doch jetzt soll Adolf Hölzel endlich Gerechtigkeit widerfahren, seine Bedeutung für die Avantgarde ins rechte Licht gerückt werden. Schon seit 20 Jahren plante das Kunstforum eine Hölzel-Ausstellung. Aber das Projekt ließ sich lange Zeit nicht realisieren, weil ein unbedingt nötiger Partner und Leihgeber – die damalige Galerie der Stadt Stuttgart – nicht mitzog. Stuttgart, wo Hölzel von 1905 bis zu seinem Tod 1934 lebte, besitzt den größten Bestand an Werken des vielseitigen Künstlers. Auch ein Großteil der „Pelikan-Sammlung“ – der Inhaber der berühmten Schreibwarenfirma in Hannover hatte 1918 die Werke einer großen Hölzel-Retrospektive in der Kestner-Gesellschaft kurzerhand komplett angekauft – befindet sich heute in Stuttgart. Endlich hat die Kooperation geklappt. Zunächst – vom Juli bis zum 1. November, war das Kunstmuseum Stuttgart mit der Präsentation dran. Nun steht die Eröffnung im Kunstforum bevor: Zehn Räume sind gefüllt – mehr als bei der ambitionierten Lovis-Corinth-Ausstellung.

Gerhard Leistner als Regensburger Kurator stellt die Unterschiede heraus: „Wir setzen andere Schwerpunkte als Stuttgart“. Während es dort um „Hölzel zwischen den Techniken“ ging, setzt das Kunstforum auf ein anderes Konzept. Leistner: „Wir fragen, woher kommt er, wie entwickelt er sich.“ Die Absicht dabei: „Wir wollen Hölzel in der Moderne verankern.“ Die Akzentverschiebung zeigt sich auch in der Werkauswahl: „30 Prozent der Bilder sind anders“ – vor allem bei den empfindlichen Papierarbeiten.

„Hölzel war kein revolutionärer, sondern ein evolutionärer Künstler“, betont Leistner. Seine Vielseitigkeit werde aber erst jetzt gewürdigt: „Sein Werk weist nach vorne.“ Der Künstler war schon über 50 Jahre alt, als er den Weg zur Abstraktion fand. Da hatte er schon ein umfangreiches Schaffen vorzuweisen, das vom Realismus zum Impressionismus und zum Jugendstil geführt hatte. Doch den späten Hölzel könnte man dann gar als Ahnvater der informellen Malerei nach 1945 bezeichnen, so modern muten seine um 1917/18 entstandenen „Tubenbilder“ oder seine ornamentalen Tuschezeichnungen an.

Vier Städte spielen im Künstlerleben des 1853 in Olmütz geborenen Hölzel eine bedeutende Rolle. Neben Stuttgart sind das Wien, München und das ländliche Dachau. Er studierte zunächst an der Akademie in Wien, wechselte 1876 nach München, wo er Meisterschüler von Wilhelm von Diez wurde. Der wichtigen bayerischen Komponente in Hölzels Schaffen widmet das Kunstforum viel Raum.

Moorlandschaft mit blauem Himmel

Neben der menschlichen Figur wird bald die Landschaft zum großen Thema, denn 1887 übersiedelte Hölzel nach Dachau, das damals schon beliebte Künstlerkolonie war. Eine Reise nach Paris hatte zuvor die Begegnung mit den Impressionisten gebracht. Die Eindrücke finden Niederschlag in vielen Bildern. Da ist die Moorlandschaft dann gar nicht düster, sondern lichtdurchflutet mit blauem Himmel.

Parallel dazu entstehen ganz andere, symbolschwangere Landschaften mit mächtigen Bäumen. Und da zeigt sich dann schon der Wandlungsprozess zu einer immer flächiger werdenden Darstellung und einer Reduzierung auf einfache Grundformen, wobei die Farbe an Bedeutung gewinnt. Der experimentelle Weg, den Hölzel beschreitet, lässt sich hier gut nachvollziehen. Der Künstler gehörte 1897 zu den Mitbegründern der Wiener Secession, in deren Zeitschrift „Ver Sacrum“ er seine erste theoretische Schrift „Über Formen und Massenvertheilung im Bilde“ veröffentlichte. Das Ornament, das so wichtig ist beim Wiener Jugendstil, beschäftigte Hölzel stark. Schon 1898 gibt es von ihm ornamental-abstrakte Tuschezeichnungen. Hölzels Bestrebungen hätten – so Kurator Leistner – darin bestanden, „das Bild als harmonisches Ganzes zu begreifen, große einfache und vereinfachende Gegenstandsformen zu verwenden sowie ein farbharmonisches Sehen der Natur unter Bevorzugung und Anwendung des simultanen Farbkontrastes zu propagieren.“

Gut möglich, dass das Ausloten der malerischen Möglichkeiten von Hölzels kunstpädagogischem Engagement beflügelt wurde. 1892 hatte er in Dachau eine bald stark besuchte Malschule eröffnet. Emil Nolde und Ida Kerkovius gehörten dazu. Später an der Stuttgarter Akademie zählten Willi Baumeister, Oskar Schlemmer und Johannes Itten zum Studentenkreis.

Welch ein Schwelgen in Farben! Vor allem der große Ausstellungssaal des Kunstforums leuchtet in Rot und Gelb. Zwischen Kreisformen, Dreiecken und Rauten lassen sich Figurengruppen erkennen. Mutiger noch als die Ölgemälde sind die vielen Pastellzeichnungen. Auch sie werden geprägt von einer ungemein kräftigen Farbigkeit. Und hier lösen sich die Formen wirklich zu den Prismen auf, die an den Blick durch ein Kaleidoskop erinnern. Diese Strukturen finden sich ebenso in den faszinierenden Glasfenstern. Auch fürs Stuttgarter Rathaus hatte Hölzel Glasfenster gestaltet. Sie wurden 1938 vor einem Hitlerbesuch wieder entfernt. Hölzel passte nicht zur Kunst-Ideologie der Nazis. Er gehörte wirklich zur „Avantgarde“. Die Begegnung mit Hölzel im Kunstforum lohnt sich!

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