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Die Daphne-Bozzetti: kleines Format – große Wirkung

Im Kunstforum Ostdeutsche Galerie sind neun kleine Nymphen zu sehen, die die Erwartungen des Betrachters gegen den Strich bürsten
Von den Mitarbeitern desKunstforums ostdeutsche Galerie

Markus Lüpertz, Modell zur Daphne, 2002, Bronze bemalt, 23x8x7 cm Foto: Galerie Michael Werner Berlin

Regensburg. Es sind die gewichtigen Themen der Geschichte, Mythologie und Religion, deren Repräsentation seit Jahrtausenden Aufgabe der Kunst ist. Markus Lüpertz (geboren 1941 in Reichenberg, heute Liberec) nimmt für sich und seine Kunst nichts Geringeres in Anspruch, als einerseits auf die Entwicklung und Geschichte der Kunst Bezug zu nehmen. Andererseits schreibt er die Kunstgeschichte weiter, indem er in seinem Werk neue Ausdrucksformen findet. Seit Mitte der 1980er Jahre beschäftigen den langjährigen Direktor der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf Themen der antiken Mythologie wie Ganymed, Apoll, die Drei Grazien und Daphne.

Sie flieht vor dem liebestollen Apoll

2002 beauftragt das ALTANA Kulturforum Markus Lüpertz eine Daphne-Skulptur für das Herbert-Quandt-Haus in Bad Homburg v.d. Höhe zu schaffen. Damit beginnt die für den Künstler so typische intensive inhaltliche und formale Auseinandersetzung mit diesem Mythos der Metamorphose par excellence: Auf der Flucht vor dem liebestollen Apoll verwandelt sich die Nymphe Daphne in einen Lorbeerbaum.

2003 entsteht die monumentale bemalte Bronzeplastik, die gleich drei Mal gegossen wird. Zur Daphne-Thematik erarbeitet der Künstler auch neun Bozzetti. Diese kleinformatigen Plastiken sind aber nicht im klassischen Sinne als Vorstudien zu verstehen. Vielmehr, so Lüpertz, zeigen sie Möglichkeiten auf, wie man Ordnung und Struktur in die unendliche Variationsbreite bringen kann.

Jede kleine Daphne ist ein autonomes Kunstwerk. Jede ist es wert, in Bronze gegossen und koloriert zu werden. In seiner gestischen Ausformulierung transportiert dabei der Bronzeguss die Knetspuren des Gipsmodells eins zu eins. Sowohl die Bozzetti als auch die große Plastik der Daphne bürsten die Erwartungen des Betrachters gegen den Strich. Lustvoll-provokant variieren formale und inhaltliche Überraschungsmomente: Daphne schwebt nicht als Inbegriff zarter weiblicher Schönheit, harmonisch proportioniert in ihre Verwandlung zum göttlichen Lorbeer. Vielmehr steht sie wie die Venus von Willendorf auf kleinen Füßen, fest verwurzelt mit dem Sockel vor uns.

Im Gegensatz zur Großfigur, deren linker, deutlich deformierter Fuß triumphierend auf Apolls abgetrenntem Kopf ruht, ist bei den Bozzetti die Figur des Apoll nicht einmal angedeutet. Auch der Lorbeer scheint nicht zwingend notwendig und kann sich ironisch in seine eigene Karikatur verwandeln.

Deformation und Verstümmelung

Sowohl die klassische Proportionslehre als auch der Kontrapost mit Stand- und Spielbein werden ad absurdum geführt. Die bemalten Kleinplastiken sind gekennzeichnet von Deformation und Verstümmelung, die Lüpertz’ Figuren zu Chamäleons zwischen weihevoller Archaik und beißender Karikatur werden lassen. Die neun Daphne-Bozetti sind – ebenso wie die 3,5 Meter große Monumentalskulptur – noch bis zum 13. Februar 2011 in der Ausstellung „Markus Lüpertz – Mythos und Metamorphose“ im Kunstforum Ostdeutsche Galerie zu sehen.

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