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Eine Traumwelt mit Grinsekatze und Hummerballett

Der Künstler Markus Lüpertz hat sich Anfang der 80er Jahre von Lewis Carrolls mitunter bedrohlichem Wunderland inspirieren lassen

Markus Lüpertz: Das muss ein allerliebster Tanz seinFoto: Galerie Werner

Regensburg. Das englische Märchen „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll faszinierte schon Königin Victoria von England, den Schriftsteller Oscar Wilde und den im vergangenen Jahr verstorbenen Künstler Sigmar Polke. Auch für Markus Lüpertz waren Anfang der 1980er Jahre sowohl die Erzählung als auch die wundervollen Illustrationen des britischen Zeichners John Tenniel wichtige Quellen der Inspiration: Der Text aus dem späten 19.Jahrhundert strotzt nur so vor Absurditäten und Paradoxien, die durch die Bilder der Erstausgabe weiter zugespitzt werden.

Das Absurde und Widersprüchliche, gewürzt mit Ironie, gehören auch zum grundsätzlichen Handwerkszeug der Kunst von Markus Lüpertz. So entstand die Serie „Alice im Wunderland“, die in Teilen zurzeit im Kunstforum Ostdeutsche Galerie ausgestellt ist: Markus Lüpertz hat für uns in einem eigenen Raum des Museums die phantasievolle Traumwelt der kleinen Alice nachgebaut. Zum Glück müssen wir weder schrumpfen noch wachsen, um Einlass zu finden!

Beim Eintreten taucht vor uns die Bronzeplastik mit dem rätselhaften Titel „Weil es eine Grinsekatze ist“ auf. Um seine Arbeiten zu benennen, greift Lüpertz Textstellen aus dem Buch heraus. Im Märchen begegnet Alice einer Katze, die immer wieder auftaucht und wieder verschwindet, wobei manchmal nach dem Verschwinden ihr breites Grinsen zurück bleibt. Die mit Autolack bemalte Bronze von Markus Lüpertz zeigt auch uns die großen Katzenaugen und den breit lachenden Mund. Die Figur lässt in ihrer Vieldeutigkeit allerdings auch verschiedene andere Assoziationen zu. So erkennt man beispielsweise in der eben beschriebenen Bronze auch die Form einer Muschel.

Zwei weitere Plastiken nehmen Bezug auf andere Episoden des Märchens: zum einen die torsoförmige Arbeit „Das muss ein allerliebster Tanz sein“, zum anderen eine Plastik in der Form eines überdimensional großen Beils, bezeichnet mit „Seltsamer Traum, mein Liebling“. Das Beil taucht zudem immer wieder in den Kohle- und Tuschezeichnungen auf, die an den Wänden des Ausstellungsraumes hängen. Dadurch bekommt diese Lüpertzsche Traum- und Phantasiewelt eine bedrohliche Seite, die auch das Mädchen Alice im Märchen zu spüren bekam.

In ihrer Wunderwelt, die Parallelen zur damaligen Wirklichkeit aufweist, herrschen der grausame Herzkönig und die noch grausamere Herzkönigin über ihren Spielkarten- und Phantasiewesen-Staat: Vermeintliche Delinquenten werden wegen absurder „Verbrechen“ schnell zum Tode durch Köpfen mit dem Beil verurteilt – manchmal jedoch auch begnadigt.

Die dritte Bronzeplastik „Das muß ein allerliebster Tanz sein“ ist zugleich eine der rätselhaftesten: Wir erkennen zunächst einen schlanken Torso ohne Kopf und ohne Arme, die Beine enden mit den Oberschenkeln. Elegant gliedern schwarze und orange Farbflächen die Bronze. Sobald man um die Figur herum geht, entdeckt man auch an ihr ein unheimliches Detail: Der rechte Oberschenkel endet in einer Art Hühnerfuß.

Der Titel der Arbeit und dieses seltsame Detail könnten auf „Das Hummerballett“, eine Episode aus ‚Alice im Wunderland‘ anspielen, ein absurder Tanz verschiedener Meeresbewohner mit Vögeln und einem Greif. Obwohl das nur eine Vermutung ist, stehen wir Betrachter sicherlich ähnlich überrascht, staunend und fragend vor dieser Figur von Markus Lüpertz wie Alice im Wunderland vor dem nur für sie aufgeführten „Hummerballett“.

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