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Sie wurde wie ein rohes Ei behandelt

Daphne – Markus Lüpertz’ 800 Kilo schwere Groß-Skulptur – ist mit einem Spezialtransport in Regensburg angekommen.
Von Thomas Dietz, MZ

  • Noch schwebt der Koloss: Direktorin Andrea Madesta (r.) am Flaschenzug
  • Millimeterarbeit: Martin Braun (l.) und Manfred Stromberg bugsieren die kostbare Figur in die Ostdeutsche Galerie. Fotos: altrofoto.de

Regensburg. Die dicke Madame ist glücklich und wohlbehalten in Regensburg eingetroffen: Gestern um Punkt 13.02 Uhr rangierte ein gelber Lkw der Leverkusener Spedition Niesen rückwärts an den Portikus der Ostdeutschen Galerie heran. Er hatte Daphne auf der Ladefläche – das 3,50 Meter hohe und 800 kg schwere Haupt-Schmuckstück für die Ausstellung „Markus Lüpertz – Mythos und Metamorphose“, die am 19. November ihre Pforten öffnen wird.

Daphne besitzt, rein rechnerisch betrachtet, einen Body-Mass-Index von 65, was einer Fettsuchtstufe 8 entspräche. Aber die propere Bronzelady hat schwere Knochen. Von Umzugsdecken umhüllt, mit Tragegurten umzurrt und von Styroporplatten umpolstert zogen die sichtlich geübten Niesen-Männer die Skulptur liegend aus dem Wagen. Die viereckige Bodenplatte ruhte mit der Kante auf einer Europalette. Daphne ist die größte und schwerste Skulptur, die jemals ins Kunstforum transportiert wurde.

„Cool. Sie steht“

Der Weg in den großen Ausstellungssaal war mit Birkoplex-Bodenplatten mit Trageschlaufen gesichert – eine sinnreiche Einrichtung, um Beschädigungen der Fliesen zu vermeiden. Mit wenigen raffinierten Steckverbindungen stand ein Portalkran mit Laufkatze und Daphne wurde von einem laut rasselnden Flaschenzug in die Senkrechte gezogen. Als sie gerade halsbrecherisch in der Diagonale hing, schrillte das Handy von Niesen-Gruppenleiter Jürgen Liethen. Er sagte seelenruhig: „Das passt im Moment ganz schlecht.“ Direktorin Dr. Andrea Madesta, die vor dem üppigen Griechenweibe noch zierlicher wirkt, seufzte: „Das macht mich nervös. Bin immer froh, wenn das Zeug heil steht.“

Ein vorbereitetes weißes Podest mit solide verstärktem Unterbau wurde druntergeschoben, der Zettel mit der Beschreibung des gewichtigen Kunstwerkes lag schon parat: „MLP 154/0. Raum 1. Markus Lüpertz: Daphne. 2003. Bronze bemalt, Auflage3, Guß e.a., 350 x 150 x 150 cm, 800 kg“.

„Cool. Sie steht“, freute sich die erleichterte Direktorin. Die Filzdecken wurden abgenommen. Daphne schaut nach vorn mit dem Rücken zur Wand. Imposant: Sie lächelt uns an! Nun wird Michael Kotterer, Restaurator und Konservator der Ostdeutschen, jeden Zentimeter auf Transportschäden untersuchen und ein Bestandsprotokoll verfassen. Kurz vor Daphnes Abreise im Februar geschieht dasselbe nochmal. Daphne gehört einem Privatsammler und wurde über die Galerie Michael Werner (Sitz: Upper East Side New York und Köln) für die Regensburger Ausstellung vermittelt. Daphne besteht zwar aus robuster Bronze und wurde gleichwohl „wie ein rohes Ei behandelt“. Aber die Versicherungssumme ist enorm.

Dann kriegen die Niesen-Männer Kaffee und Mineralwasser. „Wir transportieren alles“, sagt Jürgen Liethen, „Reifen, Maschinen, Akten, Kunst. Alles, was fragil und difficil ist. Wir haben einem Sammler sogar schon ein Flugzeug in sein Wohnzimmer gehängt.“ Im Dezember werden sie die größte jemals transportierte Skulptur – den 18 Meter langen Herkules von Markus Lüpertz – in Gelsenkirchen auf einen 90 Meter hohen alten Förderturm stellen. Dafür wird eigens ein 140 Meter hoher Spezialkran aufgebaut. Es soll der krönende Abschluss des Jahresprogramms Kulturhauptstadt Ruhr 2010 werden.

Nachhilfe im Bogenschießen

Bildende Künstler schwören auf Niesen-Transporte. Bei Tony Craggs Edelstahl-Skulpturen dürfte nicht mal ein Fingerabdruck drauf kommen. Abraham David Christians Spiralen müssen tagelang verpackt werden, damit sie nicht verbiegen. Auch Objekte von Thomas Schütte, Per Kirkeby oder dem Autoschrott-Künstler John A. Chamberlain haben sie schon bewegt.

Außer der großen Daphne sind in Regensburg auch neun kleine Daphnes (57 bis 85 cm) und Zeichnungen zu sehen. Der antike Stoff ist aber auch wirklich apart: Angeblich hat Apoll den Eros geneckt, er solle doch mal Nachhilfe im Bogenschießen nehmen, er träfe ja immer die falschen. Woraufhin Eros (stinksauer) der von Apoll heiß begehrten Daphne einen Pfeil mit Bleispitze sandte, der sie veranlasste, sich Apoll zu verweigern. Sie blieb keusch und wurde in einen Lorbeerbaum verwandelt. Lüpertz dreht die Story um: Seine Daphne ist ein offensives Prachtweib. Sie tritt auf Apollos Kopf, der Baum steht im Hintergrund.

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