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„Black Dogs“: Nicht nur die Krankheit beißt zu

Betroffene erzählen auf der Bühne von ihren Depressionen. Ist das noch Theater – oder „nur“ Dokumentation? Die Frage heizte das Turmtheater auf.
Von Claudia Bockholt, MZ

In Texten und Videos beleuchtet das Theaterprojekt „Black Dogs“ die Volkskrankheit Depression. Auf der Bühne spielen und lesen zwei Betroffene ihre eigene Geschichte. Foto: Landestheater Schwaben

Regensburg. Reality-Theater soll eine andere, direktere Sichtweise auf unsere Wirklichkeit eröffnen. Vorreiter der Bewegung ist unter anderem das junge Regie-Kollektiv Rimini Protokoll, das das herkömmliche Theater als artifiziell und selbstreferenziell ablehnt, stattdessen so genannte „Experten des Alltags“ castet und die Stücke sich bei den Proben selbst entwickeln lässt. Gecastet wurde für „Black Dogs“ nicht. Wer wollte, durfte mitmachen und seine Geschichte erzählen.

Einige Beteiligte taten es anonym: Ein Mann erzählt in einer Toneinspielung von seiner Kindheit. Als Jugendlicher musste er mitansehen, wie seine Mutter sich die Haare büschelweise ausriss, die Arme aufbiss und das Blut ableckte. „Es war unvorstellbar“. Zwei Jahre später war auch er in der Psychiatrie.

Die schwarzen Hunde kommen

Authentizität ist im Reality-Theater das Zauberwort. „Ein Schauspieler kann nie so viel Erkenntnis vermitteln“, sagt Regisseurin Astrid Kohlmeier über ihre Laiendarstellerinnen, die in „Black Dogs“ des Landestheaters Schwaben auf der Bühne stehen. In der „Unverfälschtheit“ liege der besondere Wert des Stücks.

Den Namen gab ihm Winston Churchill. „Black Dogs“ nannte der Staatsmann seine Phasen tiefer Depression. Elisabeth Ziegler und Anke Rencken sind den schwarzen Hunden schon oft begegnet. Auf der Bühne des Turmtheaters sprechen sie über ihr Leben mit der Krankheit. Hin und wieder liest am Rande der Bühne Peter Höschler, hörbar ein Profi.

Die Frauen zitieren aus Tagebucheinträgen, die beim Klinikaufenthalt entstanden sind, schildern ihre divergenten Erfahrungen mit Gruppen- und Beschäftigungstherapie. Es darf auch gelacht werden, als Elisabeth Ziegler ihre therapeutischen Aufträge aus dem Selbstsicherheitstraining nachspielt, ins Publikum geht und einen Mann bittet, ihr 20 Cent zu schenken.

Die Frauen konfrontieren die Zuschauer mit dem Unverständnis, das ihnen tagtäglich entgegenschlägt: Gedankenlose Sätze wie „Das wird schon wieder“ oder „Reiß’ Dich zusammen“ schlagen zusätzliche Wunden. Aufklärung tut not, so viel Information wie möglich über diese Volkskrankheit, ihre Symptome, ihren Verlauf, über Behandlungsmöglichkeiten. Laut Bundesgesundheitsministerium leidet jeder 20. Deutsche an einer depressiven Erkrankung. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Krankheit einen selbst, einen Familienangehörigen, Freund oder Kollegen trifft, ist groß. Man sollte wissen, wo man Hilfe bekommt, wie man mit Erkrankten umgeht, wie man sie am besten unterstützt. Vielerlei Informationen gibt „Black Dogs“, in sehr komprimierter Form, durch Video- und Toneinspielungen von Betroffenen und Helfern, durch die Texte derer, die die Krankheit zumindest so weit im Griff haben, dass sie es schaffen, vor Publikum zu treten. Die Texte sind einfach und eindringlich: „In meiner Haut möchte ich nicht stecken“.

Für ihren Mut und ihre Offenheit erhielten die Frauen am Dienstagabend langen, warmen Applaus des Publikums. Die solidarische Stimmung kippte unversehens, als Bayern-2-Moderator Christoph Leibold im anschließenden Theatergespräch die Regisseurin interviewte und zu hinterfragen versuchte, was eine solche Inszenierung jenseits des aufklärerischen Aspekts leisten will und kann. Der vom Kulturjournalisten zu Recht ins Spiel gebrachte Aspekt, dass Theater doch eigentlich nicht nur dokumentieren, sondern eine künstlerische Form der Kommunikation zwischen Ensemble und Publikum sein sollte, verärgerte die meisten Zuschauer, unter ihnen – wie sich zeigen sollte – sehr viele Betroffene.

So scheitert Kommunikation

Unverhüllte Aggressivität trat zu Tage. Der Moderator und ein Zuschauer, die weniger den gesundheitlichen als den künstlerischen Wert dieser Aufführung erörtern wollten, wurden heftig angegangen: „Wollen Sie moderieren oder wollen Sie sich auskotzen?“

Die Regisseurin unterstellte Leybold, dass er „schickes“ statt gesellschaftlich relevantes Theater wolle. Der Zuschauer, der anführte, dass ein zahlendes Publikum möglicherweise mehr erwarten könnte als Dramatherapie, wurde von einer um Fassung ringenden Darstellerin angeschnaubt, dass er sie „sehr, sehr wütend“ mache. Irgendwann verließ der Moderator wortlos die Bühne und setzte sich in den Zuschauerraum.

Zum Diskurs anregen, sagt Astrid Kohlmeier, will „Black Dogs“ und einen „Kommunikations-Raum“ schaffen. Normalerweise tauschen sich nach den Aufführungen Betroffene, Mitwirkende und Ärzte aus. Dass man hier bei den Bayerischen Theatertagen auf ein Publikum treffen könnte, das auch nach dem künstlerischen, dem dramaturgischen Ansatz fragt, darauf war offensichtlich niemand vorbereitet. So wurde der Kommunikations-Raum Turmtheater am Dienstagabend ungemütlich und eng.

Doch der heftige Diskurs wurde ungewollt ein fruchtbarer Teil des Abends. Er zeigte, wie und warum Kommunikation zwischen Kranken und Gesunden in der Realität scheitern kann: an Verletztheit, Voreingenommenheit und mangelndem Verständnis – auf beiden Seiten.

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