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Das Mädchen Anne Frank bleibt in weiter Entfernung

Grigori Frids Monooper kann in Regensburg nicht ihre volle Wirkkraft entfalten.
Von Gerhard Dietel, MZ

Regensburg. Aus dem Zuschauerraum taucht sie auf, den Judenstern auf der Brust. Eben noch war Anne Frank eine von uns. Nun ist sie, als Folge der rassistischen Ideologie der Nationalsozialisten, aus der Gesellschaft ausgestoßen. Nur die Flucht in die Verborgenheit bleibt ihr. Ein symbolisches Fenster steht auf der Bühne, dahinter eine Treppe, die in eine nur mit einem Stuhl ausgestattete Dachkammer führt. Karg sind die Requisiten, mit denen Daniel Dvorák Grigori Frids „Tagebuch der Anne Frank“ ausstattet, und zusätzlich schief gegeneinander verkantet. Eine Welt ist aus dem Lot geraten. Statt unbeschwerte Jugendjahre zu verbringen, lebt dieses Mädchen in ständiger Todesgefahr.

Beklemmend ist die Szenerie, aber geht Heinz Lukas-Kindermanns Inszenierung wirklich so unter die Haut, wie es beabsichtigt ist? Mit einem Manko hat die Produktion des Münchner Staatstheaters am Gärtnerplatz in Regensburg zu kämpfen: das große Haus am Bismarckplatz bildet nicht den richtigen Rahmen für Frids einstündige „Monooper“, die sich am eindringlichsten in kleinen Räumen entfaltet, wo die klaustrophobische Situation von Anne Franks Leben für das Publikum sinnlich nachvollziehbar wird. Hier aber bleiben Spiel und Gesang in weiter, zur Identifikation nicht einladender Bühnendistanz, und die Positionierung des Kammerorchesters zwischen Zuschauern und Spielfläche macht es zusätzlich schwierig, jene Ausschnitte aus Anne Franks Tagebuch zu verstehen, die Frid seiner Oper zugrundegelegt hat. Gerade vom Nachvollzug der Texte mit ihren Wechseln der Gedanken und Stimmungen lebt jedoch jede Realisation dieses eigentlich handlungslosen Stücks.

Ein wenig schade ist’s, dass die hochengagierte Verkörperung der Titelfigur durch Thérèse Wincent unter diesen Umständen an Wirkungskraft einbüßt. Weniger in den ariosen, aber immerhin in den mehr rezitativischen Momenten ihrer Partie gelingt es ihr, Mädchenhaftigkeit glaubwürdig nachzuzeichnen. Zwischen nahezu unbeschwertem Backfisch-Unernst und erstaunlicher Frühreife siedelt Thérèse Wincent ihre Anne Frank an, zwischen dem Erträumen einer besseren Welt und existenziellen Angstausbrüchen, wenn Geräusche der Außenwelt die reale Bedrohtheit aus der Verdrängung wieder ins Bewusstsein heben.

Keine autonome, sondern eine illustrativ sich anschmiegende Theatermusik hat Frid für sein „Tagebuch der Anne Frank“ geschaffen. Profilscharf werden ihre wechselnden Ausdrucksebenen durch die von Oleg Ptashnikov geleiteten neun Musiker im Orchestergraben formuliert: Furcht und Aggression vermag sie in ihrer zwölftönigen Faktur Klang werden zu lassen, auch viel Munterkeit: Unterhaltungsmusik der 20er und 30er Jahre scheint durch, auch Jazzanklänge und ein Walzer lassen sich vernehmen.

Den Instrumentalisten bleibt es vorbehalten, das letzte Wort zu sprechen. Schlagartig geht eine Tür im Hintergrund auf; helles Licht fällt ein. Der Entdeckung des Verstecks folgt die Deportation Anne Franks. Textprojektionen verkünden das Ende: den Tod der eben 15-Jährigen im KZ Bergen-Belsen. Derweil formt sich die Musik zum Abgesang und wird in ihren letzten, beklemmenden Momenten geradezu zum Anne-Frank-Requiem.

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