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Der Clown und das Rumpelstilzchen

Klassikerinszenierung einmal anders: Wie das Landestheater Schwaben Friedrich Hebbels Nibelungen plattmacht.
Von Susanne Wiedamann, MZ

Dino Nolting gibt einen merkwürdigen Siegfried, Michaela Fent stemmt eine durchaus beachtliche Kriemhild. Fotos: Landestheater Schwaben

Regensburg.. Es gibt Theatererlebnisse, die man nie vergisst. Und es gibt Erlebnisse, die man dem Theater nie vergisst. Friedrich Hebbels „Die Nibelungen“ in der Inszenierung von Walter Weyers, vom Landestheater Schwaben von Memmingen nach Regensburg gekarrt, hinterlässt nachhaltigen Eindruck. Wenn es nur Irritationen gewesen wären! Aber Verärgerung, Fassungslosigkeit trifft es eher. „Wir werden das auch noch überleben“, murmelt ein Zuschauer nach der Pause vor dem Velodrom und schubst seine Begleiterin sanft wieder zurück in Richtung Eingang. Andere waren weniger langmütig. Sie hatten die Pause genützt und das Weite gesucht.

Es fängt ganz harmlos an: Eine Erzählerin (Anke Fonferek) im Matrosenshirt mit Strohhut, und nach Chaplin-Art geschminkt, sorgt für erste Einsichten ins Geschehen. Von da an geht es rund auf der Bühne: Brunhild (Jessica Wall) lässt als japanische Samurai-Kriegerin das Schwert durch die Lüfte sausen, dass der zu Dekorationszwecken extra am linken Bühnenrand hingelagerte Hund (echt) erschrocken in die Höhe fährt. Er bekommt keinen weiteren Auftritt.

Ein Prolo ohne Heldenherz

Siegfried (Dino Nolting) erscheint als schlaksiger Pfau mit den Attitüden eines Rock-Idols, als Mick-Jagger- oder Freddy-Mercury-Verschnitt, inklusive Leder-Outfit, Griff in den Schritt und bisexuellen Anwandlungen, denn mal küsst er Kriemhild, dann Hagen, ein alkoholbeschwingter, vergnügungssüchtiger Unsympath, ein niemals gerade stehender Prolo, dem man keine einzige Heldentat zutraut, dafür aber Schweinereien en masse. Dass er durch eine Tarnkappe versteckt König Gunter (André Stuchlik) zum Sieg über Brunhild verhilft, ihr den Keuschheitsgürtel stielt, und sie so in eine ungewollte Ehe treibt, was wir alles nur von der Erzählerin wissen, denn die Tragödie wurde auf verträgliches Fernsehmaß zurechtgestutzt, ist für Siegfried eine leichte Übung.

Kriemhild darf als lebendes Kunstwerk ins Geschehen steigen, als auferstandene Anita Berber aus Otto Dix’ Bildnis der Tänzerin. Sie und Siegfried toben als pubertierende Partyjunkies durch die gute germanische Stube, der Partyclown und das Gangsterliebchen. Und zwischendurch geht Siegfried und spielt im Wald mit Pfeil und Bogen (was ihm nicht bekommt, wie wir alle wissen). Und Hagen Tronje (Fridtjof Stolzenwald), der alte Intrigant, der Siegfrieds Ermordung anzetteln und auch noch höchstselbst übernehmen wird? Er betritt die Bühne schwarz gekleidet, mit Nazi-Scheitel und SS-Mantel, und liefert eine Show ab, die in Mimik, Gestik, in der Art, wie er die Gesichtszüge zu jedem Wort verzieht, wie er spricht – „...wie hahahat eihhhn Lihindenblahatt“... –, wie er über die Bühne stelzt, hüpft, wie er das Spielbein vor das Standbein setzt, eine unselige Mischung aus Schmierenkomödiantentum, Stummfilmgestik, Schülertheater und Comicfigur. Ein Rumpelstilzchen. „Arrrrrghhhh“, entfährt es Hagen. Und: Arrrrrrghhh!, macht sich meine ebenso comicsprachegebildete Seele Luft.

Gothic-Fan oder Nazi-Scherge

Die übrigen Figuren haben Glück gehabt, außer vielleicht Rüdigers Tochter (Katharina Puchner), die als debiles Kind mit Bär, die Augen verrückt verdreht, auf einem Stuhl sitzen darf, bis sie später mal rasch für eine Vergewaltigung hergenommen wird. Aber die anderen – König Gunter, Rüdiger (Peter Höschler), Giselher (Martin Danielle Selle) und Volker (Helwig Arenz) mit Iwan-Rebroff-Haube – dürfen fast normal sprechen und sich bewegen, müssen nur damit fertig werden, dass sie auf Gothic getrimmt oder als Nazi-Schergen mit Stahlhelm oder Wehrmachtskappe unter Reichswehrflagge agieren müssen. Und auch als sie sterben, ist dies kein weihevoller Akt, und auch kein Gemetzel. Sie rutschen unmotiviert am Vorhang zu Boden.

Sie haben das nicht verstanden, nichts verstanden, beschwert sich wütend der Regisseur vor meinem geistigen Auge. Sie haben das Konzept dieser Inszenierung nicht kapiert! Genau!

Eroberungen in der Geschichte

Im Programmheft ist zu lesen von all diesen Dingen, die man den Nibelungen schon angetan hat: all die literarischen Adaptionen, die Eroberung dieser Erfolgsgeschichte durch die Neuzeit, durch Comic, RTL & Co., ihr Missbrauch durch Reichskanzler und Nationalsozialisten... Ja, ich versteh schon, das ist alles reingepackt. Der Versuch einer Persiflage. Aber wo bleibt Hebbel, wo das Nibelungenlied – wo der Theaterzauber, und wo bleiben Sinn und Verstand?

Dabei schimmert gerade nach der Pause etwas von dem Zauber durch, der Theater sein kann. Zaghaft zwar, aber deutlich ausmachbar. Michaela Fent als Kriemhild beispielsweise beherrscht das Handwerk, hat Ausstrahlung. Sie hat das Zeug zur großen Tragödin. Nur wollte Regisseur Walter Weyers überhaupt Tragödie inszenieren? „Ich kann die Nibelungen nicht verraten“, sagt Rüdiger im Stück. Ach ja? Der Applaus hält sich in Grenzen.

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