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Der K.o. im Boxring der Beziehungstäter

Das Theater Hof zeigte „Oder Argentinien“, eine Ehegeschichte von Alexandra Helmig.
Von Ulrich Kelber, MZ

Noch herrscht Glückseligkeit. Doch bald ist das Paar mit voller Fahrt im Beziehungs-Clinch. Foto: Theater Hof

Regensburg. Argentinien deklassiert – aber nur im Fußball. 90 Minuten nach dem Abpfiff in Südafrika geht es in Regensburg auf der Bühne des Velodroms weiter mit einem prächtigen Theaterstück, das den etwas rätselhaften Titel „Oder Argentinien“ trägt. Zu sehen sind: zwei Ehepaare und ein Liebhaber. Das ferne Land ist für sie Fluchtpunkt und Sehnsuchtsziel für einen Neustart nach dem Scheitern.

Wenn man die großen Beziehungsdramen wie Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“ oder Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ im Kopf hat, könnte man das Stück der jungen, in München lebenden Schauspielerin und Autorin Alexandra Helmig zunächst als nettes Drehbuch für eine Seifenoper des Fernsehens lesen, wenn da nicht tückische Fallstricke eingebaut wären: Ein lockeres, mit witzigen Pointen gespicktes Plaudern um unterschiedliche Lebensentwürfe.

Ehrgeizige Karriere-Frau mit Schickeria-Leben; der Ehemann tickt ähnlich, ist ein bisschen langweilig, aber dafür gibt es ja den jungen Lover; Kinder undenkbar, sie sind nur störend. Das Kontrastprogramm: Schwangerschaftsseligkeit, Elternglück und damit einhergehende Infantilisierung. Verraten sei: Beide Modelle klappen nicht, am Ende sind alle Beziehungen kaputt.

Spätestens wenn in einem Wutausbruch ein wertvolles Gemälde zerschlitzt wird, denkt man an Yasmina Reza, die ihre Stücke ebenfalls in einem gutbürgerlichen Milieu spielen lässt – und die die Mittel des Boulevardtheaters zu nutzen weiß, dabei aber keineswegs platt wird. Das gilt auch für das Stück von Alexandra Helmig. Es ist unterhaltsam, provoziert viele Lacher, aber es hat einen ernsten Kern, trifft den Nerv der aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussion.

„Oder Argentinien“ wurde 2008 mit dem „Förderpreis der deutschen Landesbühnen“ ausgezeichnet, die Uraufführung erfolgte vor wenigen Monaten am Theater Hof. Das Konzept von Regisseurin Helga Fleig ist stimmig. Es setzt auf Stilisierung. Schlaglichtartig reihen sich die Szenen aneinander. Es gibt keine Wohnzimmer-Idylle, die Bühne bleibt fast kahl, nur ein leicht erhöhtes, rundes Podest wird sichtbar – der Begriff „Boxring“ ist hier wörtlich genommen worden. Auf leichtes Geplänkel folgen bald grobe Treffer. Man merkt, dass Autorin Alexandra Helmig selbst Schauspielerin ist; ihr Text ist Zucker für die Darsteller, alle Rollen gleich bedeutsam. Das Quintett aus Hof bietet eine stimmige Ensembleleistung, niemand fällt ab.

Ehepaar 1: Anne und Johannes, die Erfolge als Galeristen feiern. Nina Machatz und Peter Kampschulte geben dieses mondäne Paar, sie sind jovial und zugleich überheblich, boshaft in ihren Sticheleien. Opfer ist Ehepaar 2: Margret (Lydia Fuchs) und Gregor (Jens Hollwedel) bekommen Zwillinge und gehen (zunächst) geradezu in ihrer neuen Elternrolle auf.

Doch dann wird genüsslich durchexerziert, wie die Positionen brüchig werden, sich die Konstellationen zwischen den befreundeten Paaren verändern. Herrlich temperamentvoll ist Nina Machatz beim Ehekrach, schreiend komisch ihr auf zwei Stunden limitiertes Stelldichein mit dem unvermutet störrischen Liebhaber (John Peter Altgelt).

Der schön sarkastische Peter Kampschulte zelebriert richtig lustvoll das Zerplatzen aller Ehelügen. Höchst amüsant sind Lydia Fuchs und Jens Hollwedel, wenn sie den Frust überstrapazierter Eltern schrill karikieren. Wiedererkennungseffekte für die Zuschauer sind garantiert!

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