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Die große Depression regiert vor und hinter den Kulissen

Wie inszeniert man die Wirtschaftskrise im Theater? Über diese Frage tauschten sich Theaterexperten im Presseclub aus.
Von Katharina Kellner, MZ

Die Krise bewegt die Theatermacher, wie sich im Regensburger Presseclub zeigte. Im Vordergrund Schauspieldirektor Bernhard StengeleFoto: altrofoto.de

Regensburg. Obwohl jedes Theater selbst wählen konnte, welche Inszenierung es zu den Bayerischen Theatertagen mitbringt, hatten in diesem Jahr mehrere Bühnen Stücke zur aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise im Gepäck. Damit habe sich unbeabsichtigt ein Schwerpunkt herauskristallisiert, sagte MZ-Chefredakteur und Presseclub-Präsident Manfred Sauerer. Er begrüßte am Donnerstagabend fünf Theaterprofessionelle, die mit der Moderatorin, MZ-Kulturredakteurin Susanne Wiedamann, über die Umsetzung der Wirtschaftskrise auf der Bühne und über die wirtschaftliche Situation der bayerischen Theater diskutierten.

„Mit Musik geht es leichter“

Zu Gast bei der Veranstaltung von Presseclub, MZ und Bayerischen Theatertagen waren Katrin Breschke, Dramaturgin am Staatstheater Nürnberg, Klaus Kusenberg, Schauspieldirektor am Staatstheater Nürnberg, Markus Trabusch, Schauspieldirektor am Theater Augsburg, Bernhard Stengele, Schauspieldirektor am Mainfranken-Theater Würzburg und Christof Wahlefeld, Dramaturg am Landestheater Coburg. Jede dieser Bühnen hat ein Stück zur Wirtschaftskrise inszeniert. Nicht immer ein leichtes Unterfangen, wie sich zeigte, als Wiedamann fragte, wie man das schwierige Thema als Schauspiel umsetze und an das Publikum bringe.

Das Theater Würzburg hat „Die große Depression“, ein Schauspiel von Arthur Miller, inszeniert. Als sich die Finanzkrise „in mythologischer Dimension“ ereignete, „war klar, da machen wir was“, sagte Stengele. Um ein breiteres Publikum anzusprechen, habe man entschieden, das Stück als Revue auf die Bühne zu bringen. Stengele: „Wenn Musik dabei ist, geht’s leichter.“ Trabusch gab eine gute Mischung im Spielplan zu bedenken. Er habe darauf geachtet, in Augsburg Alternativen zu dem sperrigen Kapitalismus-Drama „Das harte Brot“ anzubieten.

Das Theater greife nicht einfach Themen auf, sagte Kusenberg. Es sei „die Instanz, die den Menschen in den Mittelpunkt rückt“. Ein weiterer Gesichtspunkt: „Ein Stück muss in die Stadt passen. Allzu abgehobenes hat es in Nürnberg schwer.“ Dort wagte man sich an einen spröden, aber hochaktuellen Text: „Die Kontrakte des Kaufmanns“ von Elfriede Jelinek. Eine Herausforderung, denn einerseits hatte Jelinek den Text zur dramaturgischen Bearbeitung freigegeben, noch während sie daran arbeitete. Das bedeutete, dass er sich erweiterte und veränderte, während in Nürnberg schon fleißig inszeniert wurde. Andererseits war der Text, der nicht eindeutig abgrenzbaren Sprechern zuzuordnen ist, schwere Kost: „Der Text ist so verdichtet, dass man ihn entzerren muss“, erklärte Dramaturgin Breschke. Antworten zu präsentieren, sieht sie nicht als Aufgabe des Theaters an, vielmehr „Fragen zu stellen, die Finger in die Wunden zu stecken“.

Die finanzielle Not hat die Theaterlandschaft bereits regiert, als die jetzige Wirtschaftskrise noch gar nicht abzusehen war. Die Situation der kommunalen Häuser ist dabei aufs Engste mit der Haushaltslage der jeweiligen Stadt verzahnt. So schilderte Schauspieldirektor Trabusch den Verfall des Augsburger Theaters: „Wir fürchten täglich, dass eine Probebühne geschlossen wird, weil der Putz von der Wand fällt. Ständig bekommen wir Horrornachrichten von allen Seiten.“ Schlimmer habe es auch in Bitterfeld zu DDR-Zeiten nicht sein können. Augsburgs Haushaltslage sei klamm, der Etat für das Theater extrem gering. Die Stadt hat errechnet, dass eine grundlegende Sanierung der Spielstätten rund 100 Millionen Euro kostet.

Dagegen freut sich Kusenberg über das soeben sanierte Nürnberger Theater: „Es geht uns erstmal gut. 37 Millionen Euro sind in die Generalsanierung geflossen. Unsere Arbeitsbedingungen haben sich dadurch dramatisch verbessert“, sagte er. Das neue Haus stelle Mehreinnahmen in Aussicht. Allerdings könnte „das dicke Ende für uns noch kommen“. Kusenberg spielte damit auf eine zeitlich verzögerte Auswirkung der Krise an.

Dass die privaten Sponsoren immer wichtiger werden, je mehr es an öffentlichen Geldern fehlt, ist für die Theaterleute nicht immer einfach. Denn oftmals gehen die Sponsoren soweit, sich in die Gestaltung von Spielplänen oder die Besetzung von Posten einmischen zu wollen.

Hart an der Leistungsgrenze

Dass Politiker noch immer glauben, viel Geld einsparen zu können, indem sie bestimmte Sparten abschaffen, sah die Runde unisono als Fehleinschätzung an. In der Regel erwische es zuerst Ballett und Schauspiel, zwei Sparten, die im Vergleich zum Musiktheater ausgabenmäßig kaum ins Gewicht fallen. In Coburg habe es ein Jahr lang kein Ballett gegeben, berichtete Wahlefeld, nun ist die Sparte zurück. Einzelne Stellen im Ensemble zu streichen, wirke sich als extreme Belastung für die verbliebenen Schauspieler aus. Kusenberg: „Die Leute, die Arbeit haben, arbeiten immer mehr, während die anderen nur zugucken. Man muss aufpassen, dass man dem Einzelnen nicht zu viel aufbürdet.“ Wahlefeld sagte, obwohl er versuche, die Ensemblemitglieder zu schonen, bewegten sie sich an der Leistungsgrenze. In Coburg bestreiten aktuell zwölf Schauspieler den Spielplan. Ein Problem, da waren sich alle einig, sei auch die rigide Einsparung von Technikerstellen. Ohne Personal, das die Bühnen umbaut, geht die Programmvielfalt verloren.

Auch wenn klar wurde, dass die Depression längst hinter den Theaterkulissen regiert, kam auch die Freude an der Arbeit zur Sprache: Stengele: „Es ist wunderbar, dass man in diesem Beruf arbeiten darf, ich kenne keinen Schauspieler, der das nicht so sieht.“

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