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Die hohe Kunst des Karikierens gleich in vierfacher Potenz

Die Bremer Stadtmusikanten als äußerst menschliche Liveband
Von Uta von Maydell, MZ

Regensburg.Welch ein Segen, dass zu Zeiten der Gebrüder Grimm Vuvuzela-Klänge noch unerhört waren! Nicht auszudenken, mit welchen Disharmonien die Bremer Stadtmusikanten unsere Ohrwascheln traktiert hätten.

Aber im Beipackzettel des Nürnberger Theaters Pfütze hieß es schlicht „Bremer Stadtmusik – live“ , und bei der Aufführung im Foyer Neuhaussaal gab man sich zeitgenössisch in der Besetzung: Gitarre, Schlagzeug, Posaune, Schifferklavier und dazu ein Koloratur-Sopran, der Gläser zum Bersten bringen kann. Theater-Fuchs Christopher Gottwald hat da eine wundervolle, in sich schlüssige Inszenierung vorgestellt, die vibriert von Spielwitz, Charme und Hintersinn – und die auch nicht eine Sekunde lang ranzig-altbacken daherkommt. So einiges führt er da auch ad absurdum: Mit der sattsam bekannten Tierpyramide etwa klappt’s trotz aller Liebesmüh nicht – die Viecherei findet letztlich eher im Etagenbett statt (sehr mobile Ausstattung von Beatrix Cameron und An-dreas Wagner). Damit wird die historische Vorlage köstlich konterkariert: Nur körperlich größer der Esel, pene-trant dominant dagegen der Gockel, hier hintersinnig als Frau Hahn apos-trophiert. Hund und Katze kämpfen virtuos im Mittelfeld, und jeder hat seine Macken, denkt an sich selbst zuerst und würde dem anderen nur zu gerne eins auswischen.

Der Gemeinschaftssinn des tierischen Quartetts ist lediglich der miserablen Lebenssituation eines jeden Einzelnen geschuldet: Von ihren Menschen-Herren wurden sie zu „sozial verträglichem Ableben“ verdonnert. Aber aus Nürnberg sind vier außerordentlich störrische Möchte-nicht-gern-Rentner angereist: blutjung Daniela Dillinger, Christof Lapler, Regine Oßwald und Martin Zeis. Egal ob Männlein oder Weiblein – sie haben allesamt so viel Verve, bersten geradezu vor Energie und Selbstbewusstsein, dass man sie wirklich noch nicht auf dem Altenteil erleben möchte: nicht beim Abdecker und nicht ersäuft im Teich, nicht einfach totgeprügelt oder in der Hühnersuppe. Dabei hat jede(r) für sich durchaus menschliche (und somit unsympathische) Züge wie Egoismus, Intriganz und Ärgeres. Aber eben aus dieser Gemenge-Lage hat Regisseur Gottwald ein wunderbares Stück Parabel geklöppelt, seinen Protagonisten Freiräume geschneidert, und packt zugleich jeden an seinen eigenen Schwachstellen.

Die Musikanten krakeelen sich bis in ein Räuberhaus, und wenn sie nicht gestorben sind... nun ja, da irgendwo endet des Chronisten Pflicht... Zum Fressen gern jedenfalls muss man die Darsteller haben für ihre hohe Kunst des Karikierens. Wer kann schon so eselsblöd schauen, wer an der eigenen Gockel-Eitelkeit schier zerbersten. Coole Miezen laufen ohnehin außer Konkurrenz. Und der Hund am Schlagzeug? Einfach umwerfend, auch von seinem urbayerischen Idiom her. Nur wenn ihm jemand ein Stöckchen wirft, fällt er in hündisches Urverhalten zurück. Unendlich viele Details also stecken in dieser Inszenierung, unendlich viel gut umgesetzte Spielfreude. Schade, dass nach der Aufführung die Zielgruppe (Kinder ab sechs) den Ort der Handlung geradezu fluchtartig verließ. Zum nächsten Bus? Wer weiß. Die Stadtmusikanten jedenfalls waren traurig, hätten mit dem sogenannten Publikum von morgen gern noch gemaunzt, gebellt und gegockelt bei Eselswurst und Mokka-Bohnen.

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