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Die Katastrophe nach gewandtem Selbstbetrug

Das Kleine Theater Landshut inszeniert Williams’ „Endstation Sehnsucht“ sensibel und werkgetreu. Doch die Intensität der Gefühle kommt nicht an.
Von Susanne Wiedamann, MZ

  • Julia Jaschke spielt die Blache.
  • Ein traumhaftes Bühnenbild schuf Helmut Stürmer für Williams’ Psychodrama. Fotos: Kleines Theater Landshut

Regensburg.. Theatertage, das heißt auch, Theaterräume neu zu entdecken. Beim Gastspiel des Kleinen Theaters Kammerspiele Landshut gibt es im Velodrom eine Überraschung: Die Zuschauerplätze sind auf die Bühne verlegt, wo Tennessee Williams’ Stück „Endstation Sehnsucht“ allerdings brav in der Guckkastenperspektive präsentiert wird. Intime Nähe zum Bühnengeschehen, nahezu auf gleicher Ebene, das packt unmittelbar, verstärkt die emotionale Berührtheit des Zuschauers, möchte man meinen. Doch Sven Grunerts Inszenierung des amerikanischen Klassikers um Lebenssehnsüchte und Begierde lässt einen weitgehend kalt.

Das liegt vor allem an Hauptdarstellerin Julia Jaschke. Bedingt vielleicht durch den ungewohnten Bühnenraum kommt ihre Stimme zu dünn und zu wenig tragend beim Publikum an, auch im Vergleich zur kraftvollen Präsenz des restlichen Ensembles. Auch mag man Jaschke die über alle Maßen distinguiert auftretende Höhere Tochter Blanche nicht abnehmen. Zu künstlich und zu wenig wahrhaftig ist ihre Art, sich mit Williams’ wohlgesetzten Worten in die Hysterie hineinzureden. Der Figur mangelt es an Glaubwürdigkeit, lange bevor sich ihre stückimmanente Zwiegespaltenheit und Doppelgesichtigkeit offenbart.

Die Jaschke übrigens gekonnt bewältigt: Das Umswitchen von der lebensuntüchtigen, peniblen Oberlehrerin zur, den Schwager hemmungslos reizenden Femme fatale, vom Opfer zur Lügnerin, von der scharf kalkulierenden Spielerin zum seelischen Wrack – all diese Wandlungen weiß Jaschke handwerklich zuverlässig und gewandt umzusetzen. Und dennoch vermag sie so wenig zu fesseln, dass des Zuschauers Gedanken in einer der anrührendsten Passagen, als sie ihrem Auserwählten Mitch vom Selbstmord ihrer ersten großen Liebe erzählt, stark versucht sind, spazieren zu gehen.

Doch, diese Inszenierung hat auch Stärken. Und die liegen nicht nur in einer Werktreue, die Williams’ Psychodrama sensibel gerecht wird, in Helmut Stürmers grandiosem Bühnenbild über drei Etagen, einer Regie, die die Bühne in wunderbar diffuses Licht taucht, die mit Hilfe der Musik den Seelenzuständen gemäße Atmosphären schafft. Diese Inszenierung hat starke Momente, vor allem dann, wenn Blanches Schwager Stanley das Tier aus sich herauslässt, wenn er so gewalttätig ist, dass man ansatzweise beginnt, mit den Opfern zu fühlen. Mit Blanche und mit ihrer von Dagmar Geppert erfrischend und glaubwürdig dargestellten Schwester Stella, die ihren Mann und Blanche liebt und von beiden benützt wird. Andreas Sigrist spielt mit vollem Körpereinsatz den bauernschlauen, in seiner Brutalität beängstigenden Macho Stanley. Gnadenlos bringt er Blanches Kartenhaus aus Lügen zum Einsturz. Wie sehr Blanche sich selbst betrügt, wie krank sie ist, lässt ihn ganz kalt. Er treibt das Spiel bis in die Katastrophe.

Bei aller Brutalität – das letzte Quäntchen Mut fehlt Sven Grunert für seine Inszenierung. Dass Stanley Blanche wie eine überdimensionierte Barbiepuppe zur Vergewaltigung hinter die Lamellen-Rollos zerrt und nicht gleich an Ort und Stelle über sie herfällt, ist unglaubwürdig und verschenkt Wirkung. Echte Beklemmung kommt nicht auf.

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