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Die Probe – fast wie im richtigen Theaterleben

Das Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz sorgte mit „Orchesterprobe Traviata, III. Akt“ für ein herrliches Vergnügen.
Von Gerhard Heldt, MZ

Regensburg. Beim Gastspiel des Gärtnerplatztheaters bei den Theatertagen war „Orchesterprobe Traviata, III. Akt“ des Franzosen Jean-François Sivadier angekündigt. Vorgestellt wurde eine Bühnenorchesterprobe, die Partien aller drei „Traviata“-Akte enthielt. Im Mittelpunkt der Präsentation standen Divenherrlichkeit, Regisseurswillkür und Dirigenteneitelkeit, alles leicht bis drastisch überzogen, aber nie aus dem Ruder laufend.

Wirkungsvolle Karaoke-Auftritte

Anstelle der Orchestermusiker saß das Publikum an den Notenpulten im Orchestergraben, agiert wurde vor dem Eisernen Vorhang, auf zwei Rampen und auch im Zuschauerraum. Die Musik, eingespielt mit Solisten und dem Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz, kam vom Band, der Dirigent (und Regisseur/Kostümbildner Thomas Peters) hatte dazu wirkungsvolle Karaoke-Show-Auftritte.

Ein amerikanischer Akzent charakterisierte ihn perfekt als reisenden Pultstar mit verstiegenen Ansichten und Allgemeinplätzen, auf die eh kein Musiker reagiert; diese seinem Orchester mit dramatischer Geste zu vermitteln, wurde er nicht müde. Nur die seit Händels Auseinandersetzung mit den Diven Francesca Cuzzoni und Faustina Bordoni übliche Primadonnenresistenz gegenüber musikalischen wie regielichen Anweisungen bewegte ihn gelegentlich zu fluchtartigen Abgängen von seinem Pult.

Nicht alle Regisseure schreien – aber Marcus Morlinghaus blieb als regieführender Despot rollendeckend uneinsichtig gegenüber den musikalischen Argumentationen, die ihm versuchsweise vom Dirigenten und der Sängerin der Violetta entgegengehalten wurden. So starb die Kurtisane widerwillig am Schluss stehend statt auf dem Totenbett liegend mit gen Himmel gerichtetem Arm.

Der Regisseur fand seine Idee als Kontrapunkt zu Text und Musik genial, die Diva wird sie spätestens in der zweiten Vorstellung nicht mehr ausführen. Überdreht, aber – trotz aller Kreischausbrüche – nicht schrill, agierte Marianne Larsen als weltweit gefeierte Violetta, die diese Partie eben erst in London sang und ihre dortige Interpretation zum unverrückbaren Ideal auch der anstehenden Produktion erhob. Den Dirigenten ignorierte sie in der Probe ebenso wie den Regisseur, und überdies nahm sie ihren Ruhm zum Anlass, die junge Sängerin (Sibylla Duffe) zu gängeln, wo und wie sie eben nur konnte. Doch die bot mehr als einmal kräftig Paroli, vor allem in der kurzen „Gesangsstunde“, die sie gnädigerweise, gespickt mit überflüssigen Ratschlägen, von der großen Diva erhielt.

Die Pizzicati bitte grob!

Herrlich die zwei Auftritte des unsichtbaren Chors, denen aus dem Off Geräusche von Pausengesprächen des Publikums unterlegt waren. Anweisungen des Dirigenten wie „die Pizzicati bitte grob“, „kranker Klang“, „hören, was hinter den Tönen ist“, die Utopie der jungen Sängerin „Mehr Vorstellungen, Preise runter“ und die Feststellung des Dirigenten, gar nicht zu proben, sei einfach das Beste, erreichten gelegentlich die komödiantische Qualität von Karl Valentins „Orchesterprobe“. Überdreht indes waren wiederholte in höchster Rage vollzogene, von Türenschlagen begleitete Abgänge der drei Hauptakteure. Hier jonglierten Stück und Inszenierung gelegentlich am Abgrund, fanden aber im letzten Moment immer wieder zum halbwegs realen Theateralltag zurück.

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