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Ein federleichter Traum aus Gedankenfetzen und Papier

Dramatische Kunst ganz leise: Das Nürnberger Mumpitz-Theater brachte Poetisches mit dem Stück „Adrian & Lavendel“ ins Velodrom.
Von Susanne Wiedamann, MZ

Regensburg.. Schaut man ein Stück mit über 40 Jahren noch mit den gleichen Augen an wie mit fünf? Ist man genauso bereit, sich auf die leisen Töne einzulassen? Bildern erst einmal Zeit zu lassen, zu wirken und sich zu entfalten? Falls die Erwachsenen sich gefragt haben sollten, ob das Kinderstück „Adrian & Lavendel“ nach dem Kinderbuch von Albert Wendt spannend genug war für sein kleines Publikum, so brauchten sie sich nur umzusehen – und hatten ihre Antwort: Die Kinder, die am Freitagnachmittag statt im Freibad zu plantschen ins Velodrom gekommen waren, verfolgten das Geschehen auf der Bühne fast bis zum Schluss mucksmäuschenstill.

Traumhaft schön war diese Bühne. Ein Garten, eingezäunt durch Schnüre, an denen mit Wäscheklammern Papierblätter und einige Kleidungsstücke aufgehängt sind. Ein Apfel baumelt von oben herunter und markiert den Apfelbaum. Ein Klavierhocker, ein Klavier. Das meiste in Weiß. Sehr minimalistisch. Gut zu gebrauchen, um alles und nichts darzustellen.

Dieser Garten gehört Adrian. Und all das Papier zeigt, was er ist: Ein Autor, ein Märchenschreiber. Allerdings einer mit Schreibblockade. Bis ein Wunder geschieht, und ihm eine zartgeflügelte Dampfwalze in den Garten plumpst. Lavendel, so heißt das hungrige und in mehrfacher Hinsicht ungenügsame Ding, liebt Märchen, so wie Adrian. Sie lässt ihn im Spiel die herrlichsten Geschichten erleben. Ein Trip in die Stadt bringt für beide die bittere Erkenntnis: „Die Welt ist nur unzureichend auf die Begegnung mit etwas Wunderbarem vorbereitet.“ Dieses Wunderbare, die Freundschaft eines dicken Autors mit einem Zauberwesen, die fantastischen Reisen, die die beiden in ihren Köpfen machen, das alles wird von Andrea Maria Erl, die Albert Wendts Kinderbuch dramatisiert hat, sehr zart inszeniert. Da kann die kleine Dampfwalze Lavendel (Panja-Kristin Rittweger) noch so stark in ihre Dreiklangtröte stoßen und vuvuzelaähnliche Klänge produzieren: der leise Ton herrscht vor. Auch bei Robert Stephan am Klavier. Sein Adrian gehört ohnehin eher zur ruhigen Sorte, auch wenn ihn Lavendel gehörig auf Trapp bringt.

Panja-Kristin Rittweger und Robert Stephan spielen die Geschichte ganz kindgerecht und machen aus ganz wenig viel: Mit wenigen Handgriffen formt Adrian aus Papier eine Taube, aus einem Handfeger wird Bodo, der borstige Bote des Bösen: ein Rabenvogel, ein Knorpelmurkser, ein Kirschbaumpupser, übertreffen die beiden sich im Schimpfnamenerfinden. Der Kampf mit den schwarzgefiederten Fresssäcken um die Kirschen beginnt. Faszinierend, wie aus wenigen Gesten, aus Andeutungen und winzigen Aktionen, aus Gedankenfetzen und etwas Papier Adrians Welt entsteht. Ein Paar Kirschen wird durch zwei Punkte und ein umgekehrtes V zu Papier gebracht. Und stellt man das Blatt dann auf den Kopf, schaut einen ein Rabenvogel an. So einfach, und doch so schlau. Und genauso einfach wird aus ein paar Akkorden ein großes Fest: die Verbrüderungsaktion aller geflügelten Kirschenliebhaber, das rubinrote Knorpelsüßkirschenfest.

Doch Adrian kann und muss wieder schreiben. Und weil der gelangweilte Lavendel stört, schafft er ihm eine Arbeit an: Lavendel soll aufräumen. Dass der sich dabei aus dem Staub macht, stößt bei den Kindern sichtlich auf Verständnis. Und Adrian sieht Lavendel wieder: Immer wenn ein Regenbogen am Himmel erscheint, sitzt darauf die kleine Dampfwalze.

Poetisch ist „Adrian & Lavendel“, richtig spannend ist es nicht, sondern erinnert von Tempo und Takt her an Einschlafgeschichten. Das Stück ist wie ein schöner federleichter Traum von Freundschaft, eine Fantasie, in die man sich gerne flüchten möchte, bevor man gestärkt wieder aufbricht zu neuen Abenteuern.

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