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Ein realistischer Horrortrip, erzählt wie im Videospiel

Zwei Schauspieler des Landestheaters Coburg bringen „Unsichtbar“ eindrucksvoll für ihr junges Publikum auf die Bühne.
Von Katharina kellner, MZ

Regensburg. „Ich wünschte, ich wäre eine X-Box“, sagt Kyle (Vivian Frey). Gelächter aus dem Publikum. Aber Kyle macht keinen Spaß. Für den Zwölfjährigen ist die Realität so unerträglich, dass er in die Traumwelt einer Spielkonsole flüchten will.

„Unsichtbar“ heißt das Stück der australischen Autorin Angela Betzien über Kinder zwischen Armut, Gewalt, Überforderung und Verwahrlosung, das das Landestheater Coburg in deutschsprachiger Erstaufführung umgesetzt hat. Bei den Theatertagen spielen Frey und Kathrin Molsberger erstmals in einem Theaterraum. Normalerweise ziehen sie mit dem Stück durch die Klassenzimmer, wo ihnen Lehrerpult und Tafel als Ausstattung dienen. Im Foyer Neuhaussaal haben sie einen schlichten Ersatz: Eine Wand mit klappbaren Flügeln, davor ein Tisch. Mit diesen einfachen Mitteln fesseln die beiden Darsteller ihr Publikum, Schüler der 7. und 8. Klassen, über 60 Minuten hinweg: Ihr Spiel, das nicht nur die Bühne, sondern auch den Zuschauerraum ausnutzt, ist intensiv, ihre Sprache authentisch.

Autorin Betzien erzählt in „Unsichtbar“ die Geschichte eines Horrortrips von drei Kindern: Kyle und seine zehnjährige Schwester Jessie (Kathrin Molsberger) werden mit ihrem Bruder, dem Baby Troy, von ihrer Mutter alleine im Auto zurückgelassen. Sie müsse nur schnell etwas besorgen, sie sollten warten. Die Kinder schwanken zwischen Hoffnung, Illusion und Verzweiflung. Dramaturg Christof Wahlefeld und Theaterpädagogin Sabine Bahnsen erzählen das Stück als Collage einzelner Szenen: Die Schauspieler unterbrechen die Rahmenhandlung im Auto für Rückblenden oder „special features“ oder schlüpfen blitzschnell in die Rollen von Nebenfiguren. Wie im Videospiel sind Frey und Molsberger die „Spielmacher“: „Wir sind die Herrscher über Vorspulen, Pause und Zurückspulen.“

Eindringlich verdeutlichen die beiden Schauspieler die soziale Misere, in der die Kinder stecken. Der Vater schlägt die Mutter. Die ist finanziell völlig abgebrannt, gerät in Bedrängnis. Die Kinder verwahrlosen, erfahren aber auch von Dritten keine Hilfe.

Dass sie „Unsichtbare“ sind, also außerhalb der Gesellschaft leben, hat die Kinder geprägt: Jessie weigert sich hartnäckig, ihren Pullover auszuziehen, er ist für sie eine Art Schutzwall gegen das Draußen (und verbirgt eventuell auch Blaue Flecken, der Fantasie des Zuschauers sind da keine Grenzen gesetzt). Kyle flüchtet sich in Macho-Gehabe, ballert – wie im Video-Spiel – alle um sich herum virtuell ab oder hyperventiliert mit dem Kopf in einer Plastiktüte, was einige Mädchen in der zweiten Reihe beunruhigt. Die Situation der Geschwister spitzt sich zu: Die Mutter bleibt aus, Baby Troy, in Wirklichkeit nur eine Puppe, schreit und wird krank. In dieser Not flüchten sich die Geschwister in Träume: Kyle stellt sich vor, auf geflügelten Nike-Turnschuhen über die Stadt zu fliegen, Jessie fantasiert von einer Barbie-Puppe.

Und doch haben die beiden keine Chance, aus der Notlage gestärkt hervorzugehen. Drei Varianten, wie die Geschichte ausgehen könnte, bieten die Schauspieler ihren Zuschauern an. Die positivste davon gleicht einem modernen Hänsel- und Gretel-Drama: Kyle und Jessie verlassen das Auto, legen der Mutter eine Gummibärchen-Spur und holen Hilfe, Troy überlebt.

Das unkonventionell gespielte Stück ist packendes Jugendtheater, das ein brennend aktuelles Thema berührt. Für Jugendliche und Erwachsene bietet dieses anregende Spiel reichlich Diskussionsstoff über familiäre Gewalt, gesellschaftliche Kälte und das Versagen der Hilfsmechanismen.

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