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Fehlende Menschenliebe im Dienst eines lieblosen Gottes

Das Landestheater Coburg brachte Esther Vilars provozierend-beunruhigende „amerikanische Päpstin“ zum Festival – fesselndes Theater
Von Uta von Maydell, MZ

Regensburg. „Der Kirche“ klingt genauso absurd wie „Die Papst“. Esther Vilar hat dieses Terrain abgesteckt, mit einer guten Handvoll Feminismus, mit der Ratlosigkeit aller, die ihren Glauben begründet sehen wollen. Und mit ihrer überbordenden Lust am Provozieren. Der „liebe Gott“ hat absolut schlechte Karten, und sein früh verstorbener Sohn Jesus kommt nur wenig besser weg.

Zum Nachdenken nötigte jetzt Elga Mangold auf der eher spartanischen Haidplatz-Bühne. Vom Landestheater Coburg kam sie, um Vilars Gratwanderung zwischen Frömmigkeit, Hinterfragen und Aufbegehren plausibel zu machen. Ihr wurde assistiert von Hildegard Gall, die Licht-Impulse ebenso gut plazierte wie sie die Sprache des kryptisch-heiligen Kosmos in seinen Bahnen hielt. Der beunruhigende Text der Vilar dürfte Christen, Anti-Christen und ganz normalen Theatergängern längst in Fleisch und Blut übergegangen sein – hat er doch schon knapp dreißig Jahre auf dem Buckel.

Aber das ewig Hinterfragende steht eben nach wie vor im Katalog der Betroffen. Olaf Schmidt hat die Thematik eben erst vom Tänzerischen her aufgearbeitet, mit Schauspielerin Sylvia van Spronsen als in sich zerrissene Päpstin Johanna Nummer II. Den O-Ton Vilar hat sie hierorts schon vor langer Zeit gegeben und war gespannt auf die Umsetzung der Elga Mangold. Sie hat das Haus ohne Groll verlassen – mit der Gewissheit, dass Vilars Text nicht abhanden gekommen ist bei der Suche nach Neuem: Gott als Gnadenloser, Jesus als übertölpetes Opfer, Maria als ausgenutztes Muttertier.

Elga Mangold, sehr streng, aber doch unbedingt feminin, deckt das ganze Spektrum ketzerischer Gedankenabläufe wunderbar ab.

Sie macht durchaus glaubwürdig, dass Papst-Sein nicht eben ihr Lieblings-Beruf ist. Aber irgendwie kann sie eben einfach nicht mehr anders, muss ihrer Menschenliebe entsagen im Dienst eines lieblosen Gottes. Eine Päpstin wider Willen also, der sehr wohl klar ist, zum Scheitern verurteilt zu sein. Vilar hat ihre Zukunftsvision ins Jahr 2022 verordnet. Aber was soll’s? Wer an Orwell & Co. denkt, weiß genau, wie schnell die Zukunft zum Überhol-Sprint ansetzt.

Rein sprachlich ist Mangold auf höchste Disziplin festgeschrieben und bleibt kaum eine Halbsilbe schuldig, macht ihre eigene Zerissenenheit deutlich – aber auch ihren verzweifelt-resignativen Zorn. Regisseur (und Ausstatter) Volkmar Henke hat seinen Aktricen Freiräume gelassen, aber doch sehr strenge Maßstäbe gesetzt: Vilar pur eben, mit all ihrem Aufbegehren, eingebettet in karges Hell-Dunkel, mit Papst-Thron aus Kunststoff und Spannungsfeldern zwischen Schwarz und Weiß. Beim Publikum angekommen ist ein durchaus fesselndes Stück Theater, das noch nicht viel Staub angesetzt hat und jeden angeht.

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