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Geiz war schon vor 350 Jahren geil

Mit „Der Geizige“ nach Molière bot das Landestheater Coburg eine fetzige, bildgewaltige Pop-Revue auf.
Von Katharina Kellner, MZ

Cléante und Élise sind die Kinder des „Geizigen“ und träumen von einer Zukunft im Reichtum. Foto: Landestheater Coburg

Regensburg. „Geiz ist geil“ – das brachten zwar erst PR-Strategen eines Elektromarkts im 21. Jahrhundert so zugespitzt auf den Punkt, doch schon der französische Dramatiker Molière hat tief in die Abgründe geldgieriger Mitmenschen geschaut und ihnen mit seiner Komödie „Der Geizige“ einen Spiegel vorgehalten, als das Stück 1668 in Paris uraufgeführt wurde.

In Zeiten von gierigen Bankern und Managern ist dieser alte Schinken wieder hochaktuell und Intendant Detlef Altenbeck und Dramaturg Christof Wahlefeld haben ihn noch kräftig aufgepeppt und eine schrill-bunte und leicht verdauliche Pop-Revue aus der Komödie gemacht. Molières Vorlage haben sie ordentlich gestrafft und mit aktuellen Anspielungen angereichert – und mit ziemlich allen gängigen Popsongs, in denen es um Geld geht: Angefangen vom unvermeidlichen „Money, Money, Money“ von ABBA über Grönemeyers „Luxus“ bis hin zu „Geld oder Leben“ von EAV.

In den gesprochenen Texten wird durchaus über das Geld, den Geiz und die Gier reflektiert: „Moral ist keine Währung“ sagt „der Geizige“ lässig zu seinem Sohn – und meint das auch so. Solche Denkanstöße gehen aber in einer wohligen Woge aus quietschbunten Kostümen, wunderbar eingängigen Popsongs, Discokugel-Geglitzer und Theaterbühnennebel leicht unter.

In diesem Stück lechzen alle nur so nach dem schnöden Mammon: Die Hauptperson Harpagon, genannt „der Geizige“, hat einen Koffer voller Geld im Garten vergraben und keine einzige ruhige Minute mehr: Sein Schatz könnte gestohlen werden – was dann auch passiert. Helmut Jakobi spielt ihn grandios als Verkörperung der ihm zugeschriebenen Untugend: Er ist ein schmieriger Typ mit ungepflegter schwarzer Kleidung, der, den Unterkiefer weit vorgereckt, fast körperliche Schmerzen empfindet, wenn ihn jemand um Geld bittet – und am Ende seine wiedergefundenen Scheine ableckt wie ein Liebhaber seine Geliebte.

Der Witwer hält seine beiden Kinder Élise (Simone Ascher) und Cléante (Peter Fischbach) finanziell an der kurzen Leine und heckt Heiratspläne aus. Für seinen Sohn hat er eine Witwe ausgeguckt, für seine Tochter den mysteriösen Sizilianer Signore Corleone, den Stephan Mertl als optische Mischung zwischen Sonnenkönig und Bud Spencer verkörpert. Élise ist aber in den Diener Valère (Nils Liebscher) verliebt, Cléante in Mariane (Kathrin Molsberger). Ausgerechnet Mariane hat aber der Geizige als Partie für sich selbst ausersehen und die Heiratsvermittlerin Frosine auf sie angesetzt. Anja Lenßen spielt sie köstlich mit einem giftgrünen Kleid und überkandidelten Feder-Kopfputz. Sie säuselt Harpagon vor, Mariane habe eine Schwäche für ältere Männer und finde sein asthmatisches Husten sexy. Der selbstverliebte Harpagon glaubt es, das Publikum kriegt sich kaum ein vor Lachen.

Ein weiterer schräger Vogel ist Niklaus Scheibli als gewitzter Koch. Auch er will Geld, denn er möchte zur Verlobung etwas Ordentliches auf den Tisch bringen. Mit seinem Schweizer Akzent spielt er auf die Tagespolitik an: Während Harpagon sich vor der Steuerfahndung fürchtet, zeigt er dem Publikum hinter dessen Rücken eine CD in Schweizer Nationalfarben.

Während Élise blass bleibt, zeigt sich Cléante rührig: Er versucht, über seinen Freund La Fléche (Vivian Frey) an Geld zu kommen. Dieser ein Energiebündel: Sein Spiel ist temporeich, mal singt er „Ich wär’ so gerne Millionär“ von den Prinzen, mal rappt er „Geld macht glücklich“. Er und Fischbach heizen dem Publikum ein: Fast alle Zuschauer erheben sich von den Plätzen, schwenken die Arme und grölen den Refrain mit.

Die Schauspieler meistern die doppelte Herausforderung, gleichzeitig zu spielen, zu singen und zu tanzen. Besonders fällt Kathrin Molsberger auf, die sich nicht nur wunderbar fließend bewegt, sondern auch hinreißend „Diamonds are forever“ von Shirley Bassey singt. Für gute Stimmung und Augenschmaus sorgen neben den Sing- und Tanzperformances die abwechslungsreiche Lichttechnik und die barock-poppigen Kostüme. Nur das Bühnenbild ist schlicht: Es besteht aus einer teilbaren Treppe, auf der die Akteure performen. Erhöht im Hintergrund sitzen die Band JR & Friends und der musikalische Leiter Jan Reinelt, die Live-Musik machen.

Diese Inszenierung hat das Publikum am Bismarckplatz buchstäblich von den Stühlen gerissen. Das Stück macht einfach Spaß. Wer nach diesem fetzigen Spektakel nach Hause geht, hat allerdings das Räsonieren über Geld und Krise längst vergessen.

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