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Große, starke Bilder eines kleinen, zähen Wesens

„Die drei Leben der Lucie Cabrol“ mit einem grandiosen Gerd Lohmeyer wurde vom Publikum begeistert gefeiert.
Von Claudia Bockholt, MZ

Lucie – umwerfend gespielt von Gerd Lohmeyer – und Jean (Markus Fennert), mit dem sie eine lebenslange, unerfüllte Liebe verbindet. Foto: Metropoltheater München

Regensburg.Eine „Cocadrille“ ist der französischen Sage nach ein Mischwesen, ein Basilisk mit todbringendem Blick, ausgebrütet aus einem Hahnen-ei. Cocadrille ruft die Bergbauernfamilie Cabrol ihre Lucie, die Eltern tun es liebevoll mitleidig, der Bruder aus Abscheu vor seiner zwergenwüchsigen Schwester. 1900 wird diese Lucie geboren, in eine karge Welt, in der die Menschen von der Erde unter ihren Füßen leben und die von ihnen noch mit Respekt behandelt wird. Ein „Kind der Erde“ ist auch das missgestaltete Mädchen, das wie ein Mann ackert und einen Bogen um die weiblich dominierte Küche macht. Trotzdem: „Ich bin eine Frau“, beharrt sie. Und verführt als junge Frau auf der Alm den Kriegsheimkehrer Jean. Sie schmiert sich kostbare Butter auf die Brustwarzen und lässt sie vom Objekt ihrer Liebe und Begierde ablecken.

Magische Theatermomente

Nicht nur, dass Lucie nicht schön ist, sie wird auch von einem Mann, Gerd Lohmeyer, gespielt. Und doch ist diese heikle Szene aus dem ersten Leben der Lucie Cabrol ohne jede Peinlichkeit. Sie ist große Theaterkunst, eine Perle in einer langen Kette magischer Momente, die das Metropoltheater München nach Regensburg gebracht hat.

Große, starke, schöne Bilder entwickelte Regisseur Jochen Schölch mit seinem Off-Theaterteam bereits 2001 für die Umsetzung einer literarischen Vorlage des Briten John Berger. Die Einfachheit des bäuerlichen Lebens findet seine Entsprechung in einer schlicht genialen Ausstattung: Die Schauspieler selbst sind das lebende Inventar und die Requisiten des Stücks. Die Männer sind eben noch Lucies lästernde Brüder, dann lassen sie sich auf alle Viere herab und sind das Vieh, das Lucie mit dem Stecken treibt. Eine Hand zwischen gespreizten Beinen ist das Kuheuter, an dem die Melker ziehen. Drei Spieler ergeben eine am Spinnrad sitzende Mutter, die die Wolle vom Schaf wickelt, fünf Menschen einen stacheligen Beerenstrauch. Das ist witzig, geistreich und nie klamaukig. Die schnellen und doch weich fließenden Verwandlungen sieht man staunend, verzaubert, beglückt.

Mehr als nur ein Leben hat die zu kurz geratene und zu kurz gekommene Lucie. Sie muss es haben. Denn sie glaubt an die Erfüllung ihrer Träume. Ihre Geschichte, die auf der Bühne erzählt wird, ist die eines unbeugsam ertragenen Lebens und Leidens. Von Jean wird sie verschmäht, von der Familie verjagt. Ihr zweites Leben verbringt Lucie einsam in einer Hütte, als Schmugglerin, Pilze- und Beerensammlerin. Sie bleibt ein „Kind der Erde“, wie aus der Zeit gefallen. Die Veränderung der Welt um sie herum bemerkt sie wohl, doch sie kümmert sich nicht darum.

Über die Jahrzehnte rafft sie bauernschlau ein Vermögen zusammen. „Geld macht Zwerge groß“, sagt sie zum verarmten Jean, als sich beide – alt geworden – wiedertreffen. Doch wieder weist er sie zurück. Lucie stirbt – mit gespaltenem Schädel. Ein Raubmörder beendet ihr zweites Leben. Die Lebensenergie indes lebt fort. In Visionen erscheint sie Jean.

In einem letzten, großen, pathetischen Bild erfüllt sich der toten Lucie der Traum von der Rückkehr in die Gemeinschaft, von einem Häuschen auf dem eigenen Land. Die Toten steigen aus der Erde und setzen auf der Bühne schweigend Balken um Balken zusammen. Es erfüllt sich, was Lucie trotzig prophezeit hat: „Eines Tages werde ich Euch zeigen, wer ich wirklich bin. Ich werde euch staunen machen. Ich glaube an das Glück“.

Glänzende Ensembleleistung

Von Beginn an lag Szenenapplaus in der Luft. Die Begeisterung des Publikums entlud sich schließlich in Johlen, rhythmischem Klatschen und Füßetrampeln. Gefeiert wurde der umwerfende Gerd Lohmeyer, der sich die Lucie einverleibt, dieses zähe, kleine Wesen, das sich der Bosheit und dem Leiden mit in die Hüften gestemmten Händen und losem Mundwerk entgegenstellt, seine Wut und seinen Zorn manchmal hinausbrüllt und durch schiere Willenskraft viel größer wird als der Zwerg, als der es aus dem Mutterleib in den Misthaufen fiel.

Doch die – mit dem Bayerischen Theaterpreis dekorierte – Inszenierung lebt nicht von Lohmeyer allein. Sie ist eine glänzende Ensembleleistung. Und sie setzt die Philosophie des kleinen unabhängigen Theaters idealtypisch um: den Kopf über die Gefühle erreichen, mit Sinnlichkeit und Poesie.

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