MyMz

Harter Rock, Pyrotechnikeinlagen und zarte Liebesduette

Scuderi nach E.T.A. Hoffmann als Rock-Musik-Theater
Von Fred Filkorn, MZ

Thorsten Krohn und Markus Campana in einer Szene von „Scuderi“

Regensburg. Paris Ende des 17. Jahrhunderts: Unheilsschwangere Nebelschwaden durchziehen die dunklen Gassen. Der hell leuchtende Mond gibt nur hin und wieder einen Blick auf die Stadtsilhouette frei. Jack-The-Ripper-Atmosphäre. Und tatsächlich: In der Stadt treibt ein Serienmörder sein Unwesen. Er erdolcht junge adelige Freier, die nachts die Herzen der jungen Damen mit teuren Colliers des berühmten Goldschmieds René Cardillac zu gewinnen versuchen. Verunsichert ob der lebensbedrohlichen Lage, bitten die blaublütigen Kavaliere König Ludwig XIV. um Schutz. Eine Szene, die das Publikum belustigt: Drei junge Adelige in glitzernden, hautengen Glam-Rock-Hosen, halb nacktem Oberkörper und gigantischen Musketierhüten verwandeln sich in eine Sechziger-Jahre-Boygroup und flehen den König in hohen Falsettstimmen um Hilfe an. Die ältliche Schriftstellerin Mademoiselle Scuderi wird um ihren Rat gefragt. Die Dame in feinem Kostüm kritzelt geschwind ihre Antwort auf das Fell der Bassdrum: „Ein Liebender, der die Diebe fürchtet, ist der Liebe nicht würdig.“ Alle Fäden des komplizierten Kriminalfalls laufen fortan bei ihr zusammen.

Den Mittelpunkt des schlichten, düster-atmosphärischen Bühnenbildes bilden drei Musiker der Bananafishbones. Die Bad Tölzer Band hat das Stück nach E.T.A. Hoffmanns Novelle „Das Fräulein von Scuderi“ zusammen mit Regisseur Gil Mehmert entwickelt. Mehmert stand in Regensburg sogar selbst auf der Bühne – ein Schauspieler war erkrankt ausgefallen.

Die Kriminalgeschichte beginnt mit ihrem Ende und wird im Verlauf der Inszenierung in Zeitsprüngen von vorne aufgerollt. Die Protagonisten erinnern sich in Rückblenden an Aspekte der rätselhaften Mordgeschichte. Die dramatische Handlung wird nicht nur durch die Songs der Bananafishbones vorangetrieben: Florian Rein (Schlagzeug), Sebastian Horn (Bass) und Peter Horn (Gitarre) tragen auch sprechend zum Fortgang der Handlung bei. In einer Szene werden die drei Musiker von Akkordeon-spielenden Schauspielern ergänzt, die kreuz und quer über die Bühne marschieren.

Die Bandbreite der Songs reicht vom harten Rock, der auch mal an die Brachialrocker von Rammstein erinnert inklusive sprühender Pyrotechnikeinlage, über zarte Liebesduette der melodramatischen Sorte bis hin zum humoristischen Falsett-Trio.

Der Schurke gibt sich auch äußerlich zu erkennen: Der bleiche Cardillac wandelt mit seinen dünnen Spaghettihaaren wie ein böser Geist über die Bühne und erinnert unweigerlich an Riff-Raff, den buckligen Butler aus der Rocky Horror Picture Show.

Der jugendliche Held Olivier Brusson, der in Cardillacs Tochter Madelon verliebt ist und die Identität des Serienmörders kennt, verschweigt seiner Angebeteten zuliebe die Wahrheit. Nachdem auch Cardillac daran glauben muss, wird Brusson dieser Tat verdächtigt, nur Mademoiselle Scuderis wachem Verstand ist es zu verdanken, dass er nicht sofort hingerichtet wird. Nach einer etwas harmlos geratenen Folterszene meldet sich der wahre Mörder Cardillacs zu Wort: ein potenzielles Opfer des blutrünstigen Goldschmieds, das sich zu wehren wusste.

Die temporeiche Inszenierung begeisterte durch abwechslungsreiche Musik, phantasievolle Kostüme, düstere Krimi-Atmosphäre, unbeschwerte Tanzeinlagen und überraschende choreografische Ideen, wie eine actionreiche Pferdekutschenfahrt.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht