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Liebe, Lust und Leidenschaft im Waschsalon

Das Augsburger Theater überzeugt nur bedingt mit Nummernrevue durch Pop und Oper im „Waschsalon Wunderbar“.
Von Michael Scheiner, MZ

Der smarte Cowboy (André Willmund) rappt den Fanta-4-Song „Das Baby ist der Hammer“. Die Grazien liefern dazu, mit den Köpfen in den Waschmaschinentrommeln, eine originelle mouth-percussion ab. Foto: Theater Augsburg

Regensburg.Joe Strummer hat garantiert vergnügt gegrinst. Aus dem Punk-Orbit, wohin der Clash-Gitarrist und Sänger 2002 Hals über Kopf verschwunden ist, hat er einen guten Blick in den „Waschsalon Wunderlich“ des Theaters Augsburg. Dort stampfte Besitzerin Wunderlich (Eva Maria Keller), zornig über die eigene Unentschiedenheit, heftig auf und krähte Strummers Punkhymne „Should I stay or should I go“ ins voll besetzte Velodrom. Erstes dickes Plus und begeisterte Johler aus dem Publikum, das gekommen war, sich bei Temperaturen zu amüsieren, die sich nach und nach dem wirklichen Zweck des Bühnenaufbaus näherten.

Dixie Chicks hauen auf den Putz

Holzbretter an den Wänden und frisch gestapelte Badetücher vermittelten eher den Eindruck einer Saunalandschaft mit stumpf vor sich hinblinkenden Waschmaschinen als den eines Waschsalons. Das verlor sich mit den Auftritten eines fast schon skurrilen Reigens an Typen später wieder. Der smarte Cowboy (André Willmund), der cool kalkuliert das schmachtende Frauen-Trio mit dem Fanta-4-Song „Das Baby ist der Hammer“ anrappt. Die Grazien liefern dazu, mit den Köpfen in den Waschmaschinentrommeln, eine höchst originelle mouth-percussion ab. Eine der stärksten Szenen des szenisch meist vor sich hindümpelnden Liederprogramms aus der Fuggerstadt.

Eigentlich spielt sich, guckt man erbsenzählergenau hin, szenisch gar nichts ab. Die schicke Stewardess (Ines Kurenbach) kommt links rein, singt und geht rechts ab. Latin Lover Klaus Müller, mit hinreißend italienischem Akzent und noch schöneren Temperamentsausbrüchen, kommt auch links rein, schmettert Matthias Reims „Verdammt ich lieb dich“, dass einem die Ohren pfeifen und – nein – setzt sich schweigend auf die Stufen zum Publikum. Dafür stakst die elegante Ute Fiedler von rechts rein, rezitiert – ein prima Kniff – die Puccini-Arie „Man nennt mich Mimi“ aus „La Boheme“ und bleibt stumm stehen.

Nun ist das Handlungsgerüst bei dieser, Franz Wittenbrinks erfolgreichen Liederabenden nachempfundenen Nummern-Revue naturgemäß dünn. Menschen unterschiedlicher Herkunft und Hintergrunds treffen zufällig im Waschsalon aufeinander und singen sich was. Einsam versponnen, mit trotziger Entschlossenheit, mit Hingabe, romantischem Schmerz, Sehnsucht oder so jämmerlich schräg wie Waschfrau Wunderlichs „Nothing compares to you“ von Prince als absolut hinreißende Parodie. Dagegen wirkt der solariumgebräunte Tennisspieler (Martin Herrmann) mit allen Insignien des Anti-Typs – Goldkettchen, Schnauzbart, Dauerwelle und weißen Socken – mit Roger Ciceros swingend-süß verkappter Männerjammerei „Zieh die Schuhe aus“ überzeugender als der eigentliche Schöpfer und Interpret selbst. Eine Handlung ist hier überflüssig, findet gelegentlich aber über Songs einen Kanal, wenn’s um das leidige Triple-L geht – Liebe, Lust und Leidenschaft. Und das ist häufig der Fall. Mit Liedern quer durch Jahrhunderte und Genres, von Pop bis Oper, Schlager bis Swing, von Georg Händel bis Udo Jürgens.

Auch wenn die Mannsbilder, einzeln oder im Rudel mit einer wirklich entzückenden Version von Elton Johns „Sorry seems to be the hardest word“, scheinbar die Nase vorn haben. In Wahrheit – wie meist auch in der Wirklichkeit – stehlen ihnen die toughen Frauen die Show.

Gefühl von einem Loch im Bauch

Einfach köstlich als grölende Dixie Chicks, „Not ready to make nice“, die ordentlich auf den Putz hauen und sich einen „Kleinen Feigling“ nach dem anderen in den Hals schütten. Oder in einer vergnüglichen Version von Manuelas „Schuld war nur der Bossa Nova“, ein weiterer kleiner Höhepunkt von Frau Wunderbars parodistischem Talent.

Er fasste am Flügel alles im großen Bogen klangvoll zusammen: Matthias Heiling. Gesanglich präsentierte sich das neunköpfige Schauspielerteam mit respektablen, teils gekonnt überzeichnenden und gefühlsstarken, wenn auch nicht durchschlagenden Leistungen. Dennoch bleibt ein Gefühl von einem Loch im Bauch. Viele vergnügliche Momente, die kribbelnde Lust am Ratespiel um weit hinten im Gedächtnis abgelegte Interpreten, Titel und Komponisten und nostalgische Freude.

Die Fragen aber, warum jetzt dieses Lied, weshalb jener Auftritt und weshalb an dieser Stelle die schrullige Atmosphäre mit Discokugel und dort Rio Reisers nachdenklicher „Stiller Raum“ sind unbeantwortet geblieben. Vielleicht sind sie auch nur falsch gestellt?

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