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Psychoterror in der First-Class-Lounge

Respektable Leistung: Das Fränkische Theater Schloss Maßbach spielt „Das Urteil“.
Von Ulrich Kelber, MZ

Christian Ballhaus (li) spielte von 2000 bis 2006 am Theater Regensburg. In „Das Urteil“ mimt er mit nuancierter Darstellungskunst den glücklosen Antiquar Rabinovicz; rechts Ingo Pfeiffer als „der Fremde“. Foto: Theater Schloss Maßbach

Regensburg. Der Zeuge in einem Mordprozess soll mürbe gemacht und verunsichert werden. Und das mit einer perfide eingefädelten Intrige: Als Holocaust-Überlebender müsse er einfach Vorurteile gegen den deutschen Angeklagten haben, ist der böse Vorwurf. Was ist Wahrheit, wer hat sich getäuscht? Darum geht es in „Das Urteil“, dem diffizilen Dialogstück des österreichischen Autors Paul Hengge.

Hengge ist vor allem ein Mann des Films und des Fernsehens. Er hat das Drehbuch für „Hitlerjunge Salomon“ geschrieben. „Das Urteil“ wurde mit Klaus Löwitsch und Matthias Habich verfilmt, die dafür zusammen mit Hengge den Adolf-Grimme-Preis erhielten.

Wiederbegegnung mit Ballhaus

Zweifellos ein starkes Stück – auch auf der Theaterbühne (Uraufführung war 1999 am Thalia-Theater in Hamburg). Das Fränkische Theater Schloss Maßbach bietet jetzt mit seiner Inszenierung (Regie: Rolf Heiermann) ein spannendes und packendes Erlebnis – vor allem dank Christian Ballhaus. Er spielt den Antiquar Rabinovicz, der in seinem Leben viel Schlamassel und wenig Massel erfahren hat.

Es ist eine schöne Wiederbegegnung, denn Ballhaus war vom Jahr 2000 bis 2006 am Regensburger Theater engagiert. Nun kann er in dieser großen Rolle hier noch einmal zeigen, über was für eine feine und nuancenreiche Darstellungskunst er verfügt.

Der Name Ballhaus und das Theater in Maßbach: Der 1944 geborene Christian Ballhaus ist der Neffe des Theatergründers Oskar Ballhaus, der zusammen mit seiner Partnerin Lena Hutter 1946 aus Berlin nach Franken gekommen war, um dort eine Tournee-Truppe aufzubauen. Solche Neugründungen gab es in den Nachkriegsjahren zuhauf – in Oberbayern etwa die Lore-Bronner-Bühne. Doch allein überdauert hat das Fränkische Theater, das seit 1960 in dem zwischen Schweinfurt und Bad Kissingen gelegenen Schloss Maßbach residiert. Und wenn es auch längst zu den öffentlich subventionierten Theatern gehört, stellt es immer noch eine Besonderheit dar als eine Art Theater-Kommune, wo gemeinsam gelebt und gearbeitet wird. Nicht nur in Maßbach, wo es mit dem „Intimen Theater im Schloss“, dem „Theater im Pferdestall“ und der Freilichtbühne drei Spielstätten gibt, finden die Aufführungen statt, sondern es gibt 25 „Abstecher-Orte“ von Aschaffenburg bis Fürth.

Bescheidenere Möglichkeiten

Ein kleines Theater sicherlich, das aber seine Sache bestens macht. Gerne sieht man darüber hinweg, dass das bescheidene Bühnenbild nur mit viel Phantasie als Flughafen-Lounge für Erste-Klasse-Passagiere durchgehen kann. In diesen Raum ist Rabinovicz mit einem Trick gelockt worden. Für die Umbuchung seines Fluges ist er von einer Unbekannten mit einer seltenen Haggada-Ausgabe beschenkt worden, nach der er lange vergeblich gesucht hatte. Neben der Flughafen-Hostess (Inka Weinand) befindet sich nur noch ein weiterer Wartender in der Lounge. Zwischen Rabinovicz und diesem Fremden (Ingo Pfeiffer) entwickelt sich ein Gespräch, das aber unvermittelt zu einem mit viel Psychoterror geführten Verhör mutiert.

Schnell wird klar, dass es der Fremde gezielt auf dieses Treffen angelegt hat, auch wenn seine Beweggründe zunächst unklar bleiben.

Gezielt lenkt er das Gespräch auf den bevorstehenden Mordprozess, über den die Medien groß berichten. Es ist Mischung aus Krimi und Gerichtsdrama, auch wenn hier der Richter fehlt. Der Kronzeuge ist alleingelassen mit einem glühend-überzeugten Verteidiger des Mordverdächtigen. Und Ingo Pfeiffer ist darin beängstigend: Gespielte Freundlichkeit, raffiniertes Einschleichen ins Vertrauen steht am Anfang, doch dann geht es mit einer zynischen Durchtriebenheit nur noch darum, Zweifel in dem Zeugen zu wecken, ja ihn in seiner ganzen Persönlichkeit zu erschüttern. Rabinovicz, von Christian Ballhaus sympathisch als freundlicher und gutmütiger älterer Herr gezeichnet, bricht schließlich wirklich zusammen. Ballhaus schafft es sehr fein, diese großen Gefühle zu vermitteln.

Nachdenken über Deutschland

Doch wer hat sich nun wirklich getäuscht? Das Stück hat eine überraschende Wendung parat: Nun ist es an dem „Fremden“, sich selbst Fragen zu stellen, sich zu offenbaren. Ingo Pfeiffer spielt diesen demaskierenden Stimmungswandel gut aus. „Das Urteil“: Ein fesselndes Wortgefecht, gut fürs Nachdenken über deutsche Vergangenheit und Gegenwart.

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