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Festival

Alles, aber keinesfalls Standard

Mitreißendes und Schräges, gepaart mit Vertrautem, das eine Eigendynamik entwickelt: Dieser Jazz hatte viele Nuancen.
Von Juan Martin Koch, MZ

Zwei Drittel von Latcho Due bzw. Tre: Philharmoniker Frank Wittich (Kon-trabass) und sein 13-jähriger Filius Etienne an der GitarreFoto: Koch
Zwei Drittel von Latcho Due bzw. Tre: Philharmoniker Frank Wittich (Kon-trabass) und sein 13-jähriger Filius Etienne an der GitarreFoto: Koch

Regensburg.Wer in den vergangenen Wochen in der Stadt unterwegs war, dem sind sie vielleicht schon aufgefallen: zwei sehr junge Gitarristen, die sich in der Fußgängerzone mit beachtlichem Gipsy-Swing ihr Taschengeld aufbessern und das Straßenmusik-Niveau deutlich heben.

Andreas Köckerbauer ist 19, Etienne Wittich gerade mal 13 Jahre alt, und beim Bayerischen Jazzweekend bewiesen sie, dass sie problemlos auch einen kompletten Auftritt stemmen und ein konzentriert zuhörendes Publikum in ihren Bann ziehen können.

Latcho Due – unter diesem Namen treten die beiden auf – hatten sich für den Innenhof des „Amore, Vino & Amici“ freilich in Latcho Tre verwandelt, denn am Kontrabass wurden sie von Frank Wittich unterstützt. Das entlastete den jeweils mit der Rhythmusarbeit beschäftigten Junior-Gitarrero ein wenig, der akustische Ensembleklang rundete sich nach unten hin warm ab.

Mit „Honeysuckle Rose“, „Stompin’ At The Savoy“ oder „Sweet Georgia Brown“ ließ man es ordentlich geradeaus swingen, mit dem als Gipsy-Rumba interpretierten „Caravan“ wurde ein bewährter Standard aber auch mal gekonnt in eine unerwartete Richtung gelenkt. Hier zeigte sich wohl auch die Handschrift von Helmut Nieberle, der die jungen Talente als Lehrer begleitet und immer für eine schöne Arrangement-Idee gut ist.

Ein erster feiner Höhepunkt

Ganz nach seinem Geschmack dürfte dann auch Django Reinhardts unsterbliches „Nuages“ gewesen sein: Nach einer einfühlsamen, technisch anspruchsvollen Soloeinleitung Etiennes (ultracool mit schwarzer Sonnenbrille) übernahm Vater Frank Wittich das herrliche Thema, und der Regensburger Philharmoniker zeigte, wie herrlich ein professionell gestrichener Kontrabass klingen kann. Ein erster feiner, nach innen gekehrter Weekend-Höhepunkt für die Jazzfamilie.

Meister der vier Schlägel: Florian Bührich von Callin’ Call aus Nürnberg. Foto: Koch
Meister der vier Schlägel: Florian Bührich von Callin’ Call aus Nürnberg. Foto: Koch

Ein paar Schritte weiter stiegen die Temperaturen zu südamerikanischer Hitze an. Callin’ Call aus Nürnberg verneigten sich auf dem Haidplatz schweißgebadet vor dem Latin-Jazz-Vibraphonisten Cal Tjader, womit die Hauptlast der Verantwortung auf Florian Bührich und seinen vier Schlägeln lag. Dem hielt der technisch versierte Bandleader in Nummern wie „Curacao“ oder dem „Ginza Samba“ problemlos stand. Letzteren kündigte er für die vereinzelten Tanzwütigen dann auch gleich mit allen nötigen Informationen an: „Ein schneller Quickstep, Viertel gleich 240, Lambada geht auch.“ Alexander Köhler an Piano und Orgel, Tobias Kalisch am E-Bass und Drummer Stefan Seegel gaben eine explosive Tanzcombo ab.

Freifliegende Ein-Mann-Combo

Auf dem Weg in die Wahlenstraße konnte man vom Kohlenmarkt ein stimmiges „Georgia On My Mind“ von Sängerin Carolin Roth und dem Christian Schumacher Trio mit ins Degginger nehmen. Dort warteten andere Töne auf eine neugierige Zuhörergruppe. „Der bespielt praktisch eine Installation“, so die treffende Beobachtung eines Vorbeikommenden.

Markus Heinze mit Baritonsax samt Plastikrohr. Foto: Koch
Markus Heinze mit Baritonsax samt Plastikrohr. Foto: Koch

Markus Heinze hatte sein Baritonsaxophon mit einem Plastikrohr präpariert und entlockte ihm entsprechend verfremdete Tiefbassfrequenzen. Das Klappern eines Ventils lieferte den Rhythmus – fertig war die freifliegende Ein-Mann-Combo.

Heinze war offenbar fälschlicherweise davon ausgegangen, in der Oswaldkirche auftreten zu können, und passte angesichts des mittlerweile im Degginger vorhandenen Flügels sein Programm kurzerhand an. So konnte das staunende Publikum sich davon überzeugen, dass eine Hand pro Ins-trument reicht, um mit sich selbst in einen intensiven Dialog zu treten. Für alle, die sich mit der unschuldigen, der rücksichtslosen Mathematikerzunft ausgelieferten Kreiszahl Pi solidarisieren mochten, hatte Heinze außerdem als Klaviersolo noch „Free Pi“ dabei, einen à la Thelonious Monk leicht hinkenden, sperrigen Protest-Swing.

Der Zürcher Gitarrist Samuel Leipold (l.) mit seinem Saxer Toni Bechtold. Foto: Koch
Der Zürcher Gitarrist Samuel Leipold (l.) mit seinem Saxer Toni Bechtold. Foto: Koch

Wer rechtzeitig in Richtung Stadtosten aufgebrochen war, sparte sich das Unwetter und sicherte sich gute Plätze im Saal des Leeren Beutel, wo der Zürcher Gitarrist Samuel Leipold eine Art späte Heimkehr feierte. In den 1950ern waren seine Großeltern aus Regensburg in die Schweiz ausgewandert, nun war Leipold zum ersten Mal hier zu Gast.

Mit Toni Bechtold am Saxophon, Lukas Traxel am Bass und Samuel Büttiker am Schlagzeug bildet er ein ausgefuchstes Quartett, das allerdings bisweilen allzu sehr an den komplexen, mehrseitigen Stücken Leipolds zu kleben scheint.

Der lässt sich gerne von klassischen Komponisten inspirieren und hat zum Beispiel seinem Landsmann Arthur Honegger eine vierteilige Suite gewidmet, die sich weniger an dessen klangsinnlichen symphonischen Werken als vielmehr an dessen teils sperrigem Klavierwerk orientiert. Das ist alles mit bewundernswerter Klarheit und vollkommen klischeefrei durchgearbeitet, entwickelt aber vor allem dann einen unmittelbar mitreißenden Sog, wenn sich freie Flächen auftun. In denen gehen dann vor allem Bassist Traxel und Drummer Büttiker aus sich heraus, durchpulsen das Kollektiv mit unbändiger Energie.

Bei Toni Bechtold ergibt sich eine gewisse Diskrepanz zwischen den intelligent-energetischen Soli und seiner äußeren Haltung. Die wirkt eher so, als würde man ihm beim Üben klassischer Etüden zusehen.

Gerade als man diesen Gedanken entwickelt, eine Ansage des Bandleaders: Das eben gehörte Stück habe er „Etüde“ genannt, sagt Samuel Leipold und setzt umgehend zu einer unwiderstehlichen Kinderlied-Paraphrase an.

Unter deren klarer Linie brodelt Samuel Büttikers Drumset immer heftiger los. Das klingt beinahe wie eine ferne Reminiszenz an Miles Davis’ ähnlich strukturiertes „Nefertiti“. Vielversprechender Jazz-Nachwuchs mit prompter Gegenwartswirkung also auch hier.

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