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Tribute

Jazz Lady singt Inge Brandenburg

Anne Czichowsky und Marc Boettcher erinnern in einer Lesung an eine Einzigartige: die Jazzsängerin ohne Kompromisse.
Von Susanne Wiedamann, MZ

Anne Czichowsky singt und spricht in zwei Lesungen Inge Brandenburg. Foto: Marina Kloess
Anne Czichowsky singt und spricht in zwei Lesungen Inge Brandenburg. Foto: Marina Kloess

Regensburg.Wer nach einer der besten und interessantesten Gesangsinterpretinnen des deutschen Jazz der Gegenwart sucht, stößt unweigerlich auf Anne Czichowsky. „A real jazz lady!“, jubelte „Jazzrytmit“ in Finnland über die mehrfach ausgezeichnete, in der Schweiz geborene und in Stuttgart ansässige Musikerin, die als erste Jazzsängerin überhaupt den Jazzpreis des Landes Baden Württemberg erhielt.

Das gesamte Programm des Bayerischen Jazzweekends in Regensburg 2017 finden Sie hier.

Beim Bayerischen Jazzweekend kommt es zu einer besonderen Begegnung: In der ersten Lesung in der Geschichte des Jazzweekends singt „Jazz Lady“ Anne Czichowsky Stücke der „Lady Jazz“ Inge Brandenburg – und erinnert damit an eine Ausnahmekünstlerin der Nachkriegszeit. „Sie war das, was man eine kompromisslose Jazz-Sängerin nennt. Und da war sie wirklich gut“, sagt Udo Jürgens in Marc Boettchers Film „Sing! Inge, Sing!“.

Tribute für Europas Beste

Autor und Regisseur Marc Boettcher hat nach dem Film 2011 im vergangenen Herbst die Biografie „Sing! Inge, Sing! Der zerbrochene Traum der Inge Brandenburg“ als Buch vorgelegt und mehrfach in musikalischen Lesungen präsentiert. In Regensburg würdigt er die einst als „beste europäische Jazzsängerin´“ gefeierte Vokalistin erneut mit einer Lesung und hat dabei im Degginger mit Anne Czichowsky und dem Pianisten Andreas Kissenbeck Partner erster Klasse.

Anne Czichowsky mit ihrer Vorliebe für Straight Ahead Jazz, Bebop, Improvisation und Scatgesang war Inge Brandenburg natürlich schon vor der Anfrage des Bayerischen Jazzinstituts, bei der Lesung mitzuwirken, ein Begriff. „Sie sollte kommerziell sein, wollte aber Jazz machen und hat sich gewehrt“, sagt Czichowsky. „Sie hat ihren eigenen Kopf gehabt, einen ganz großen Gestaltungswillen. Ich höre da ein bisschen Ella Fitzgerald raus. Diese Leichtigkeit hatte auch Inge Brandenburg.“

Eröffnet wird das Jazzweekend dieses Jahr mit Jazz-Heimatsound mit persichen Wurzeln: Golnar und Mahan im Gewerbepark.

Dass die deutsche „Lady Jazz“, obwohl sie mit den ganz großen US-Jazzsängerinnen mithalten konnte, mit ihrer Karriere scheiterte, berührt Czichowsky sehr. Ebenso wie Brandenburgs persönliches Schicksal, „dass die Eltern im Dritten Reich umgebracht wurden“, ihre Kindheit im Heim, dass sie dem Alkohol verfiel, ihre Männergeschichten, wie sie von der Musikindustrie durch die Mangel gedreht wurde, das Ende in Einsamkeit. „Mich berührt am meisten, dass sie so gekämpft hat, dass sie sich nicht dem kommerziellen Druck gebeugt hat und sogar für ihre Überzeugungen vor Gericht gegangen ist.“

Einspielungen und Scat

Czichowsky, die auch Zitate der Inge Brandenburg liest, während Marc Boettcher größere Passagen aus seinem Buch vorstellen wird, will Brandenburg sängerisch nicht kopieren. „Ich habe mich in den Tempi, der Stilistik, den Tonarten an ihr orientiert. Wir werden da relativ nah rankommen. Doch schon aufgrund der Besetzung, nur im Duo mit Andreas Kissenbeck, wird das anders klingen.“ Und wegen Czichowskys eigener Kunst, die Standards wie „It’s allright with me“, „Lover man“, „All of me“ oder „Love me or leave me“ interpretiert und einge Scatsoli bringt. „Auch Einspielungen der Inge Brandenburg wird es geben“, sagt Anne Czichowsky.

Auch die Universität Regensburg ist zum 50-jährigen Jubiläum gut vertreten: Sie präsentiert ihre Ensembles auf dem 36. Bayerischen Jazzweekend.

Das Konzept für die rund 90-minütige Lesung mit anschließender Diskussion stammt von Marc Boettcher. Ihn für den neuen Spielort des Jazzweekends, das Degginger, zu gewinnen, lag laut Sylke Merbold vom Bayerischen Jazzinstitut nahe. Denn Boettcher hat für seinen Film wochenlang im Institut den Nachlass von Inge Brandenburg gesichtet und ausgewertet.

Für das Degginger, das Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft, suchten Merbold und Uli Schwarz vom Institut etwas, das der Multidimensionalität des Hauses und des Jazzweekends entspricht. Diese Performance aus Lesung, Film- und CD-Einspielungen und Konzert ist im Degginger in der Wahlenstraße als feinem, geschütztem Raum des Jazzfests gut aufgehoben. Die erste Jazzweekend-Lesung kann man gleich zweimal erleben: am 8. und 9. Juli um 15 Uhr.

Hier finden Sie alle Meldungen rund um das Jazzweekend 2017.

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