MyMz

Musik

Publikum kann manchmal richtig stören

91 Veranstaltungen an drei Tagen: Die Regensburger haben die vielen Formen des 36. Jazz-Wochenendes förmlich aufgesogen.
Von Peter Themessl, MZ

Eine von unzähligen Bands beim 36. Bayerischen Jazz-Weekend: Justyn Time auf der Bühne am Haidplatz Foto: altrofoto.de
Eine von unzähligen Bands beim 36. Bayerischen Jazz-Weekend: Justyn Time auf der Bühne am Haidplatz Foto: altrofoto.de

Regensburg.Freitagabend hat das Gewitter zwar den Stadtsüden heimgesucht, aber in der Innenstadt sind nach dem kurzen Schauer Bänke abends um halb neun wieder voll. Im Leeren Beutel und Andreasstadel sind die Vorstellungen drinnen gut besucht. Das Samuel Leipold-Quartett spielt, im Publikum setzt es nach jedem Solo braven Applaus. Dann um halb elf versucht nebenan im Restaurant ein Chor zusammen mit Schlagzeug gegen den Geräuschpegel der Gäste anzukommen. Auch das ist Jazz: Essen , trinken, reden, am Rande zuhören.

Nebenan im Andreasstadl rotieren Musiker aus der Region um den Neumarkter Gitarristen Wolfgang Bernreuther. Hier lassen sich viele Typen des Zuhörers studieren: von draußen durch die Glasscheiben, stehend nach innen schiebend, einen Sitzplatz ergatternd, auf der Stuhllehne hocken, oder sich charmant mit zwei Bier durch die Menge schieben. „Ich muss nach vorn“, sagt die Dunkelhaarige, „auf den Fußboden. Ich wohne da.“

Am Samstag frisch und erholt

Der Samstag beginnt frisch und erholt auf den Plätzen. Die Sonne steht steil, am Haidplatz sind beim Collegium Dixicum aus Nürnberg vor allem die Schattenplätze besetzt. Anders der Kohlenmarkt: hier spenden vier Lindenbäume zusätzlichen Schatten, und „Au bord du bleu“ aus Weilheim hat für ihre Posaunenklänge vollen Platz und volle Aufmerksamkeit.

Das Jazzweekend in Regensburg

Nachmittags um vier tosender Applaus auf dem Bismarckplatz. Was ist da los? Ah, ein Mann am Klavier! Blick zur Veranstalter-Fahne: Silke Straub?! „Ist erkrankt, wir haben kurzfristig Dan Popek aufs Podium geholt“, erläutert Sylke Merbold vom Bayerischen Jazz-Institut. Keine andere Band mit Sängerin, sondern nur Popek am Klavier, damit der Unterschied auch auffällt. Der erst 21-jährige begeistert mit mitreißendem Boogie-Woogie, turnt auf dem Klavierstuhl, spielt rückwärts, holt schließlich seinen Vater für eine vierhändige Nummer auf die Bühne. Das Publikum gibt standig ovations. So schön kann ein Ersatz sein!

Weiter flanieren. Das Jazzfest ist als Gesamtkomposition angelegt. Wehe, es spielen zwei Dixie-Bands gleichzeitig! Das gibt Ärger von den gezielt suchenden Jazz-Fans. Also werden die Gruppen nacheinander, und an möglichst unterschiedlichen Stellen der Stadt gesetzt, erzählt Sylke Merbold. „Dann bleibt vielleicht unterwegs auch jemand hängen und entdeckt etwas Neues“.

Für alle die gleiche Gage

„Orientierungslauf“ durch die Stadt mit dem Festival-Programm in der Hand Foto: altrofoto.de
„Orientierungslauf“ durch die Stadt mit dem Festival-Programm in der Hand Foto: altrofoto.de

Die Musiker spielen wie alle für 100 Euro, viele reisen auf eigene Kappe an. Der Bayerische Rundfunk schneidet im Thon-Dittmer-Hof mit. Zu den großen Könnern zählt am Abend „Shake Stew“ aus Wien. Doppelt Schlagzeug, doppelt Bass, zweimal Kontrabass, den mannshohen symphonischen Gong hat kurzerhand die Rhythmuswelt aus Regensburg ausgeliehen. Was diese sechs Wiener da aus Blasinstrumenten herausholen, unterlegt mit einem Musikbett von zwei Kontrabässen, entzieht sich jedem Ordnungsversuch im Kopf. Lauschen, staunen, der ganze Hof ist still, keiner redet.

Weiter, ins Degginger. Hier spielt ab 21 Uhr Christian Gall Piano solo. Seine leisen Eigenkompositionen drohen zunächst bei ungerührt redenden Publikum unterzugehen. „Pscht!“, „Ruhe!“ tönt es erbost, die hinteren Reihen beruhigen sich, Galls minimalistischen Klänge dominieren schließlich im Degginger.

Am Sonntag hat sich der Regenschauer gerade gelegt, da treten zu Beginn im Thon-Dittmer-Hof nacheinander zwei Jubilare mit sehr unterschiedlichen Dirigenten auf: das Uni-Jazz-Orchester wird (mit der Uni zusammen 50 Jahre alt ), das anschließend spielende Landesjugend-Jazzorchester besteht 30 Jahre. Lorenz Kellnhuber dirigiert das UJO mit wenige, lässigen Bewegungen. Nach ihm verbiegt sich vor den jungen Jazzern der zweieinhalb mal so alte Dirigent Ulrich Rüschenbaum. Er windet seinen Körper und fordert das Publikum zum Mitklatschen und Aufstehen auf, was auch prompt gelingt.

Wetter so gemischt wie die Musik

Mehrfach ging es dem Publikum im Freien „nass rein“. Foto: altrofoto.de
Mehrfach ging es dem Publikum im Freien „nass rein“. Foto: altrofoto.de

Am Haidplatz sind zu diesem Zeitpunkt die Biertische nass und die Zuschauer überschaubar. Das ändert sich bis zum Nachmittag. Bei den elektronischen Klängen von „Organ Explosion“ ist es heiß, und es werden wieder Schirme aufgespannt – gegen die Sonne. Einen kühlen Kontrapunkt setzt die musikalische Lesung im Degginger, die den zerbrochenen Traum der Sängerin Inge Brandenburg nachzeichnet. Bis 23 Uhr wird in der Welterbe-Stadt der Jazz gefeiert – Hauptsache, er swingt, ist authentisch und individuell.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht