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Stilmix

Sie sind eine Art „magisches Dreieck“

Das Tübinger Trio „Flüstertüte“ lädt seinen tanzbaren Jazz mit groovigem Funk und rhythmischem Sprechgesang auf.
Von Fred Filkorn, MZ

Die drei Mann von der Tübinger Band „Flüstertüte“ – Stefan Höfele, Lukas Pfeil und Anselm Krisch – erzeugen einen vielschichtigen Sound, der klingt, als stünde ein ganzes Orchester auf der Bühne. Foto: Thommy Mardo
Die drei Mann von der Tübinger Band „Flüstertüte“ – Stefan Höfele, Lukas Pfeil und Anselm Krisch – erzeugen einen vielschichtigen Sound, der klingt, als stünde ein ganzes Orchester auf der Bühne. Foto: Thommy Mardo

Tübingen.2009 haben sich „Flüstertüte“ in ihrer Heimatstadt Tübingen gegründet. Weil Keyboarder Anselm Krisch kein Klavier zur Verfügung stand und ein vom Keyboard produzierter Fake-Klavier-Sound nicht in Frage kam, ließ sich das Duo gleich auf einen artifizielleren Synthie-Sound ein. „Wie ihn seinerzeit Musiker wie die Brecker Brothers, Joshua Redman oder Medeski, Martin & Wood spielten“, erinnert sich Saxofonist Lukas Pfeil, der auch für die deutschsprachigen Raps zuständig ist.

Waren das anfangs noch die obligatorischen „Hey, was geht?“-Motivationssprüche, sind die zum Trio angewachsenen „Flüstertüten“ nach acht Jahren des kontinuierlichen Zusammenspiels auch in textlich-inhaltlicher Hinsicht gewachsen: „Heute sind meine Texte persönlicher.“ Das kann mal ein Liebeslied sein oder ein Bericht darüber, wie es ist, nach dem Gig nach Hause zu fahren.

Das gesamte Programm des Bayerischen Jazzweekends in Regensburg 2017 finden Sie hier.

„Eigenes Ding durchziehen“

Durch den Besuch von Musikhochschulen in Mannheim, Köln, Stuttgart und New York haben sich Krisch, Pfeil und der aus Augsburg stammende Schlagzeuger Stefan Höfele auch in musikalischer Hinsicht weiterentwickelt und ein gutes Stück weit von ihren Vorbildern gelöst. In ihrem Repertoire, das anfangs nur aus Coverversionen und Neuarrangements funkiger Jazznummern bestand, findet sich heute gerade noch ein Cover – Russell Gunns „East St. Louis“. Ein innovativer afroamerikanischer Musiker, der ohne Bedenken Jazz mit Hip-Hop, Rock und Metal kombiniert.

Eröffnet wird das Jazzweekend dieses Jahr mit Jazz-Heimatsound mit persichen Wurzeln: Golnar und Mahan im Gewerbepark.

Ein Multi-Genre-Ansatz, den auch „Flüstertüte“ verfolgen. „Wenn es etwas gibt, das ich in meiner Zeit am New Yorker Queens College gelernt habe, dann, dass man sein eigenes Ding durchziehen muss, egal was die Jazz-Polizei dazu sagt“, erzählt Pfeil. Die „Grenzen des guten Geschmacks“ sollte man selbst definieren und nicht selbst ernannten Gralshütern des Jazz überlassen. Dass „Flüstertüte“ funkigen Jazz, wie man ihn aus „Blue Note“-Veröffentlichungen der Sechzigerjahre kennt, mit Hip-Hop-Beats und Rap-Passagen verbindet, habe nichts damit zu tun, einen gefälligeren oder kommerzielleren Sound zu suchen. Sondern ist schlichtweg der persönlichen Vorliebe für Hip-Hop geschuldet. Als Referenzgröße nennt Pfeil die Formation „The Roots“ aus Philadelphia, die nicht nur Jazz-Samples verwendet, sondern ihren Hip-Hop im originären Jazzgewand auf die Bühne bringt.

Wer da noch laut „Verrat!“ ruft, hat nicht kapiert, dass sich Musik weiterentwickeln muss, um zu überleben. Ansonsten verstaubt sie irgendwann im Museum.

Wie eine Plastikklarinette

„Flüstertüte“ haben sich in den vergangenen Jahren immer stärker der Soundforschung gewidmet. Nicht nur Krischs Keyboard übernimmt den Bass-Part, auch Pfeil mit seinem Electronic Woodwind Instrument (Ewi) ist dazu in der Lage. Der Saxofon-Synthesizer ähnelt einer Plastikklarinette und erlebte in den Achtzigerjahren eine erste Hochphase. Die Titelmusik der amerikanischen TV-Serie „Starsky & Hutch“ wird vom Ewi-Klang geprägt, der einen großen Frequenzbereich abdeckt und über die Atemstärke modulierbar ist. „Wir sind so ne Art magisches Dreieck“, sagt Pfeil. Drei Mann erzeugen einen vielschichtigen Sound, der klingt, als stünde ein ganzes Orchester auf der Bühne.

Hier finden Sie alle Meldungen rund um das Jazzweekend 2017.

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