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Nachlese

Vertrautes und Überraschendes im Wechsel

Magische Momente gab es auch an Tag drei des Jazzweekends zuhauf. Das Thon-Dittmer-Programm war diesmal fest in Männerhand.
Von Juan Martin Koch, MZ

Die Stephan-Max Wirth Experience um Leader Stephan-Max Wirth (Foto) servierte schnörkellosen Jazzrock.Foto: Koch
Die Stephan-Max Wirth Experience um Leader Stephan-Max Wirth (Foto) servierte schnörkellosen Jazzrock.Foto: Koch

Regensburg.„Es ist schon alles gesagt. Nur noch nicht von allen.“ Diese tiefe Weisheit des Karl Valentin kommt einem bisweilen in den Sinn, wenn man dem akademisch ausgebildeten Jazz-Nachwuchs zuhört. Es hat sich da harmonisch eine moderne Standardsprache herausgebildet, die offenbar mehrheitsfähig ist und entsprechend weitergegeben wird. Aufs erste Hinhören ein bisserl vertrackt und ganz interessant, vermittelt sie schnell das Gefühl, das so oder ähnlich alles schon mal gehört zu haben.

Am Sonntagmittag im Thon-Dittmer-Hof gab es hin und wieder solche Momente. Das Antoine Spranger Quintett hatte die undankbare Aufgabe, das Publikum in brütender Hitze in seinen Bann zu ziehen, doch die Eigenkompositionen der exzellenten jungen Musiker waren nicht durchweg dazu angetan. Vielleicht hatte aber auch der fehlende Saxophonist die Band ein wenig aus dem Konzept gebracht. So lastete die melodische Hauptverantwortung in der zum Quartett geschrumpften Formation auf Gitarrist Johannes Mann, was dem allerdings wenig Kopfzerbrechen zu bereiten schien.

Bandleader Antoine Spranger am Klavier hatte seinen besten Moment, als er sein Stück „Remember“ mit einem wunderbaren, Ravel’sche Klarheit verbreitenden Intro eröffnete. Das liedartige Thema war erfreulich schlicht harmonisiert, die Spannungskurve stieg bei den Soli zu mittlerer Erregungsstufe an und beruhigte sich organisch in einen Pianoausgang hinein. Ähnliches gelang Gitarrist Mann mit einer weiteren Nummer, deren Energielevel zur Mitte hin allerdings deutlich stärker abhob.

Bilder vom Jazzweekend sehen Sie hier:

Das Jazzweekend in Regensburg

Frei entwickelte Formgerüste

Spannungskurve und Energielevel sind auch die Stichworte für Lorenz Kellhuber und sein Trio. Der Regensburger Pianist gestaltete den mittleren seiner drei sonntäglichen Auftritte in Form zweier jeweils ziemlich genau halbstündiger Bögen. Es bauten sich frei entwickelte Formgerüste auf, die nicht von einer Songstruktur geprägt waren, sondern sich von kleinen Zellen wiederholter Töne oder Akkorde her ausfalteten. Kellhuber hat die Fähigkeit, dieses freie Fantasieren als einen unmittelbar nachvollziehbaren kreativen Akt zu vermitteln. Man fühlt sich mitgenommen in einer Mischung aus Vertrautheit und Überraschung, was auch daran liegt, dass er harmonisch nachvollziehbar bleibt und immer wieder melodiöse Phasen einstreut.

Das komplette energetische Potenzial wird aber natürlich erst durch das engstens verzahnte Zusammenspiel mit Arne Huber und Gabriel Hahn an Bass und Schlagzeug ausgeschöpft. Wie beide auf Kellhubers intuitives Spiel reagieren, es vorausahnen, ihm rhythmische Kontur verleihen, es klanglich anreichern, das ist die hohe Kunst der Trio-Interaktion.

Virtuose mit eigener Handschrift

Es spricht für die Klasse des Johannes Ludwig Quartetts, dass man seinen anschließenden Auftritt nicht als Spannungsabfall wahrnahm. Der in Köln lebende Saxophonist ist ein mit allen Wassern gewaschener Jazzvirtuose, der auch in seinen Kompositionen mit einer eigenen Handschrift erkennbar bleibt.

Dass diese von Heroen wie John Coltrane oder Wayne Shorter beeinflusst ist, will er gar nicht verbergen und beweist bei Stücken aus deren Feder („Moment’s Notice“, „Fee-Fi-Fo-Fum“), dass mit ihnen auch im Jazz des 21. Jahrhunderts noch einiges zu sagen ist. Die Rhythmusgruppe mit Andreas Feith am Klavier, Max Leis am Bass und Julian Fau am Schlagzeug ist so gut, dass sie auch im heiklen Midtempo-Bereich hart swingt. Stark!

Schörkellosen, mit gelegentlichen Weltmusik-Einsprengseln vitalisierten Jazzrock lieferte zum Weekend-Abschluss die Stephan-Max Wirth Experience. Der renommierte, mehrfach preisgekrönte Saxophonist muss niemandem mehr etwas beweisen und kann mit seinen famosen holländischen Mitmusikern auf höchstem Niveau sein Ding durchziehen.

Gitarrist Jaap Berends ist ein faszinierender Saitenkünstler, der sich bei seinen durch mancherlei Effekte verfremdeten Soloausflügen zwischendurch über die Schulter zu schauen scheint. Dann hält er plötzlich inne und geht in eine ganz andere Richtung weiter.

Die Brillanz, die er und Bandleader Wirth selbst ausstrahlen, lenkt zusammen mit der kraftvollen Beweglichkeit von Drummer Vincent Smeets zunächst ein wenig davon ab, dass die komplette Energie des Quartetts eigentlich im geschmeidig-gelenkigen E-Bass von Bub Boelens komprimiert ist. Mitunter explodiert sie in gemeinsam mit Berends bis zum Exzess gesteigerten Tempoverschärfungen. Ein fulminantes Abschlussfeuerwerk!

Eine Beobachtung sei noch ergänzt: Bis auf die Sängerinnen in Max Andrzejewskis Gospelchor war in diesem Jahr im gesamten Thon-Dittmer-Programm keine einzige Frau zu hören. Das war in der Vergangenheit schon mal anders. Vielleicht mögen Jazzweekend und Bayerischer Rundfunk da im nächsten Jahr mal ein Auge drauf werfen.

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