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Bayreuth: Protest und Standing Ovations

Dass Frank Castorf in Bayreuth ausgebuht wird, war klar. Dass er nach der „Götterdämmerung“ aber auch Standing Ovations bekommt, ist überraschend.

Lance Ryan konnte das Publikum in Bayreuth auch in der „Götterdämmerung“ nicht überzeugen. Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Bayreuth.Der Bayreuther „Ring“ endet mit einer Überraschung: Dass Regisseur Frank Castorf sich einen Proteststurm anhören muss, war zu erwarten. Die begeisterten Standing Ovations von einem gar nicht mal so kleinen Teil des Publikums aber hatte wahrscheinlich nicht einmal er selbst für möglich gehalten. Nach der „Götterdämmerung“, dem letzten Teil von Richard Wagners Mammutwerk „Der Ring des Nibelungen“, mischt sich deutlich hörbare Begeisterung in die wütenden Buh-Rufe. Das Publikum tobt, in Ablehnung so gut wie vereint wie noch im vergangenen Jahr oder auch nach dem „Siegfried“ am Mittwoch, ist es aber keineswegs.

Dabei hat Castorf an seiner umstrittenen Inszenierung auch in Teil vier nicht viel geändert. Auch die „Götterdämmerung“ ist ein Konglomerat an amüsanten Ideen, kleinen Provokationen und spannend anzuschauenden, oft aber nur bedingt aussagekräftigen Bildern. Ausgerechnet im vielleicht stärksten Bild, dem Moment, in dem hinter dem verhüllten Reichstag die New Yorker Börse und die durchaus berechtigte Frage, wer eigentlich die Macht hat in diesem Land, zu Tage tritt, hakt das weiße Laken kurz.

Inszenierung zu betont provokativ

Das ist symptomatisch für Castorfs Interpretation, die nach einem knallbunten „Rheingold“, einer fast langweiligen „Walküre“ und einem kuriosen Kommunismus-“Siegfried“ ihre stärksten Momente allerdings tatsächlich in der „Götterdämmerung“ hat. Als Castorfs Assistent Patric Seibert einen Kinderwagen und damit Brünnhildes Familienwunsch die Treppe hinunter stößt, in das gleiche, hoffnungsvolle Hochzeits-Outfit gekleidet wie noch im „Siegfried“, da blitzt Castorfs Können eindrucksvoll auf.

Leider ist die vollgepackte Inszenierung trotzdem zu oft effekthascherisch, ohne aussagekräftig zu sein, zu betont provokativ, um ernst genommen zu werden. Oft lenken in die „Ring“-Handlung schwer zu integrierende Nebenaspekte zu sehr von Wagners Geschichte ab. Warum der Chor mit Alliierten-Flaggen wedelt und sich jubelnd über Essen aus der Luft freut (die Luftbrücke lässt grüßen), das bleibt Castorfs Geheimnis – ebenso wie die Frage, warum ihm zu Wagners Frauenfiguren eigentlich nichts anderes einfällt, als sie als Huren zu inszenieren, oder als treu ergeben Liebende. Dazwischen, so scheint es, gibt es für ihn nichts.

Castorf hackt auf den „Ring“ ein

Der Werkzertrümmerer ist auch in Bayreuth in seinem Element und tut das, was er immer tut. Er hackt gnadenlos auf den „Ring“ ein. Spätestens in Teil vier wird sein selbst ernanntes Grundthema, das Öl, zur Farce. Dass die Rheintöchter irgendwann zum Ende hin den Ölstand ihres Cabrios checken, ist ebenso amüsant wie angebracht. Denn viel öfter wird das schwarze Gold nicht zum Thema. Nur einmal sticht Hagen (Attila Jun) in ein Fass.

„Herr Castorf sagte, er brauche so ein bisschen Konfrontation, damit er ordentlich arbeiten könne“, sagte Festspielleiterin Katharina Wagner dem Deutschlandradio Kultur. „Und die hat er, glaube ich, gesucht.“ Im Vorfeld der Festspiele hatte er zum Rundumschlag gegen die Leitung ausgeholt. Sympathien gekostet hat ihn das anscheinend nicht – eher im Gegenteil. Wenn man Frank Castorf engagiere, so sagt Katharina Wagner, „kriegen Sie auch Herrn Castorf“.

Merkel kommt diesmal ganz in bunt

Inzwischen hat Castorf Fans in Bayreuth, auch wenn es sich dabei nicht um das klassische Stammpublikum zu handeln scheint. Ein anderer scheint dagegen Sympathien zu verspielen: Schwer hat es in diesem Jahr der kanadische Tenor Lance Ryan als Siegfried, der nach der „Götterdämmerung“ für eine zugegebenermaßen ausbaufähige Gesangsleistung noch deutlich hörbarer als im vergangenen Jahr ausgebuht wird. „Ich habe noch nie ein Publikum erlebt mit so viel Hass, so viel Wut und so viel Rache“, hatte er kurz vorher im Interview der Nachrichtenagentur dpa gesagt. „Die nehmen alles sehr persönlich. Es macht ein bisschen Angst, und es ist einfach schrecklich.“

Die Stars des Abend sind Catherine Foster als Brünnhilde und natürlich erneut Dirigent Kirill Petrenko, der sich nach dem letzten Teil des „Rings“ die Krone als Publikumsliebling von „Lohengrin“-Sänger Klaus Florian Vogt zurückholt. Der Tenor war am Donnerstag frenetisch gefeiert worden.

Mit der „Götterdämmerung“ geht die Premierenwoche der Bayreuther Festspiele unter den Augen von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Ende. Sie kommt am letzten Abend – passend zu Castorfs Inszenierung und den Reaktionen darauf – ganz in bunt. (dpa)

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