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Thriller

Dann steht das Riesenrad plötzlich still

Was wäre, wenn russische Elite-Soldaten auf dem Oktoberfest 70000 Geiseln nehmen? Christoph Scholder macht daraus mehr als einen spannenden Krimi.
Von Jochen Dannenberg, MZ

Das Rad dreht sich– bis Terroristen in Christoph Scholders Thriller das Oktoberfest in den Klammergriff nehmen. Foto: dpa

Wer es spannend mag, das bekannte Krimi-Einerlei satt hat und darüber hinaus politische Bezüge bei Kriminalgeschichten mag, greift für gewöhnlich zum Thriller. Wer nach dem nächsten Thriller sucht, sollte sich einen neuen Namen merken: Christoph Scholder. Der hat gerade sein Erstlingswerk vorgelegt und damit ein Buch geschrieben, das wunderschön in die seit Jahren in der Bundesrepublik bestehende Sicherheitsdebatte und in die aktuelle Diskussion um Wehrpflicht und Freiwilligenarmee passt.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Es geht insoweit in Christoph Scholders Buch „Oktoberfest“ zunächst natürlich um eine sehr spannende Handlung. Er kombiniert fein an unterschiedlichsten Orten und Ländern wie München, Prizren, Afghanistan, Bremerhaven und Grosny seine Personen, beschreibt Charaktere und entwickelt daraus seine Handlungsstränge. Daneben geht es aber auch um die Frage, wie sicher unser Leben zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist. Die alten Machtgefüge zwischen den großen Militärblöcken sind zerfallen, die Bundeswehr engagiert sich inzwischen fast wie selbstverständlich mit militärischen Einsätzen im Ausland und der einstige große Gegner, die Sowjetunion, was wurde aus dem?

Vernachlässigte Bedrohung

Scholder lenkt den Leser auf Fakten, die in der öffentlichen Diskussion der letzten Jahre leicht übersehen wurde: Ist die Sowjetunion als Militärmacht wirklich von der politischen Landkarte verschwunden? Nur zu gern möchte man glauben, dass die rostigen Schlachtschiffe der Nordmeer- und der Schwarzmeerflotte, die man immer wieder im Fernsehen sieht, gleichbedeutend für den Niedergang stehen. An diesem Punkt setzt Scholder an, und das macht seine Geschichte spannend.

„Oktoberfest“ schildert die Geschichte einer Gruppe von russischen Elite-Soldaten, die nach dem Ende des Kalten Krieges in einem chaotisch gelenkten Russland ihr Eigenleben entwickelt. Statt in den unendlichen Weiten der ehemaligen Sowjetunion für den Ernstfall zu trainieren, gibt deren Kommandeur seinen Männern den Befehl, in einem Bierzelt auf dem Oktoberfest in München Betäubungsgas freizusetzen. Am Ende hat die Truppe 70 000 Menschen in ihrer Gewalt.

Man mag diese Idee, die dem Thriller zugrunde liegt, für reichlich starken Tobak halten. Man mag sich fragen, wie eine entsprechende Aktion durchgeführt werden soll. Man kann auch bezweifeln, dass die für die Aktion notwendige Logistik zu realisieren ist. Geschenkt! Denken wir nur mal an die Geiselnahme im Dubrowka-Theater in Moskau, als 41 Terroristen während einer Vorstellung am 23. Oktober 2002 rund 800 Zuschauer als Geiseln nahmen, um das Ende des Tschetschenien-Krieges gewaltsam zu erpressen. Lassen wir uns also auf den Plot von „Oktoberfest“ ein.

Grenzen der Verteidigung

Wer das Buch liest, wird an vielen Stellen merken, dass dieses Szenario gar nicht so abwegig ist. Christoph Scholder hat sorgfältig recherchiert. Ihm geht es nicht nur darum, die Anfälligkeit demokratischer und freiheitlicher Staaten für terroristische Angriffe aufzuzeigen. Die ist hinlänglich bekannt. Scholder geht es um mehr. Er zeigt auch die Grenzen von Bundeswehr, Polizei, GSG 9 und KSK-Truppen auf. Es geht ihm um die Verteidigungsmöglichkeiten, die ein Land wie die Bundesrepublik hat. Dabei spielen nicht nur die kämpfenden Einheiten und ihre Waffen, sondern auch der föderale Aufbau des Staates, die Zuständigkeiten von Behörden und nicht zuletzt persönliche Eitelkeiten und Fähigkeiten eine wichtige Rolle.

Auch wenn Scholder es in seinem Roman letztlich auf einen Konflikt zwischen zwei Männern hinauslaufen lässt, handelt es sich nicht um ein Hollywood-Epos à la Rambo. Scholder benutzt die Figuren nicht nur aus dramaturgischen Gründen. Er zeigt damit auch die Grenzen bestehender Institutionen auf. Außerdem hält er ein Plädoyer für das oft und gern kritisierte Expertentum. Wobei Scholder insofern nicht an Fachleute denkt, die ihre kriminalistische Arbeit auf ein Leben vor dem Computer beschränken (mit bestem Gruß an alle Vorratsdatensammler!).

Zugleich – und da wird es bei aller Dramatik fast schon komisch – zeigt der Autor auf, wie Oberbürgermeister, Ministerpräsidenten und andere Volksvertreter in derartigen Krisensituationen reagieren könnten. Man mag das für unstatthaft halten, aber so viel „comic relieve“ braucht die Geschichte zwischendrin durchaus.

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