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Der Heimatdichter, der seine Heimat verrät

Über Hans Watzlik als „Nazidichter“ liegen jetzt literaturhistorische Untersuchungen vor

Hans Watzlik

Von Harald Raab, MZ

REGENSBURG. Vor sechs Jahren ging es turbulent zu um den literarisch-politischen Stellenwert Hans Watzliks (1879-1948). Das Feuilleton der Mittelbayerischen Zeitung mischte bei der bundesweiten öffentlichen Auseinandersetzung engagiert mit. „Hans Watzlik, ein Nazidichter“ lautet damals das so ziemlich einhellige Urteil der einen. „Ein missverstandener Böhmerwalddichter in der Tradition von Adalbert Stifter“ meinten seine alten Verehrer aus dem sudetendeutschen Lager.

Regensburg, die Patenstadt der Sudetendeutschen, hat Watzlik mit einem Ehrengrab auf dem Oberen Katholischen Friedhof gewürdigt. Eine Kapelle nahe der Stadt trägt seinen Namen. Über 40 bayerische Städte und Gemeinden erinnern mit Watzlik-Straßen an den Volksautor. So natürlich auch Regensburg.

Jetzt liegt im Arco-Verlag Wuppertal ein Aufsatzband vor, in dem literaturhistorisch von deutschen, tschechischen und österreichischen Autoren das Thema untersucht wird. Titel: „Hans Watzlik – ein Nazidichter?“ Herausgeber sind der Regensburger Slawist Walter Koschmal und der Tscheche Václav Maidl.

Den völkischen Boden bereitet

Natürlich scheint es müßig zu sein, ob Watzlik ein Nazidichter war oder nicht und was überhaupt ein solcher ist? Andererseits: Wenn er es nicht wäre, wer dann? Das Verdienst des Buches liegt darin, einen weiteren Bogen gespannt zu haben und zu verdeutlichen, wie dem Nazigift mit seiner völkisch-nationalen Vorläuferideologie auch in den Böhmischen Ländern der Boden bereitet wurde.

Die zehn Autoren – Uwe Baur, Peter Becher, Radka Bonacková, Christian Jäger, Walter Koschmal, Václav Maidl, Martin C. Putna, Rolf Rieß, Milan Tvrdik und Gabriela Veselá – zeigen in ihren Beiträgen am Beispiel des politischen Engagements und des Werks Hans Watzliks auf, welche verhängnisvolle Rolle vor allem die Literatur im deutsch-tschechischen Nationalitätenstreit gespielt hat. Gerade Grenzlanddichter wie er trugen mit ihren rassistisch deutschtümelnden Erweckungsbemühungen ganz wesentlich zur Verschärfung der Gegensätze zwischen Deutschen und Tschechen in Böhmen und Mähren bei. Aber auch das wird immer wieder betont: Spiegelbildlich gab es auf der tschechischen Seite die gleichen Brunnenvergifter.

Kultur als Waffe im so genannten Volkstumskampf – nicht zuletzt daran musste die erste tschechoslowakische Republik zerbrechen. Zumindest wurden damit Adolf Hitler die billigsten Propaganda-Argumente zum Einmarsch 1938 frei Haus geliefert.

Verhängnis, opportunistisches Kalkül oder folgenschwerer Irrtum: Hans Watzlik, der in Romanen, Erzählungen und Gedichten das deutsche Element in den Böhmischen Ländern beschwor, wurde im Teufelspakt mit dem Nationalsozialismus konsequenterweise dessen Totengräber. Golo Manns hellsichtiges Urteil in seinem Standardwerk „Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“ ist gültig bis heute und trifft selbstredend auf hoch dotierte, hofierte und mit NS-Ehren überhäufte Figuren wie Watzlik im besonderen Maße zu: „Der Nazismus war das Deutscheste vom Deutschen, hervorgebracht und getragen von einer Schicht der Nation, viel breiter als sie je zuvor ein deutsches Regierungssystem getragen hat; das ist der schwerste Vorwurf, den man den Deutschen machen kann.“

Hans Watzlik, Lehrer und Ortsfunktionär der nazitreuen Henlein-Partei in der tschechoslowakischen Republik und NSDAP-Mitglied seit 1938, hat nicht nur sein in nationalen Kreisen obligatorisches Führergedicht abgeliefert („...Soll es zu Tod, zu Leben sein: / O nimm uns Führer! Wir sind dein.“), er hat 137 (!) Erzählungen und politische Gedichte im NS-Blatt „Völkischer Beobachter“ veröffentlicht so wie diverse Romane und Jugendbücher mit begeisterten Elogen an Adolf Hitler und das Dritte Reich. Er hat auch seinem Tagebuch anvertraut – also dort, wo er eigentlich keinen Kniefall machen musste –, wie sehr er die Errettung des Sudetenlandes durch den Führer herbeigesehnt hat. Dieser persönlich feste Glaube an Hitler als Erlösergestalt für die Deutschböhmen weist Watzliks Rede über Adalbert Stifter 1939 in Oberplan als durchaus ernstzunehmende Überzeugung aus: „...unserem Befreier, dem größten deutschen Willensmenschen, dem flammendsten deutschen Herzen, das Gottes Erde je hervorgebracht hat, einmalig in der Geschichte der Völker: Adolf Hitler!“

Peter Becher zieht in seinem wägend differenzierten Beitrag das Fazit: „Watzlik war nicht nur ein Nutznießer des NS-Regimes, sondern zählte auch eindeutig zu seinen literarischen Repräsentanten.“

Verlogene Folkorepoetik

Walter Koschmal untersucht die vormoderne Ästhetik in Watzliks Werk und macht auf die Verlogenheit jener Folklorepoetik aufmerksam. Watzlik habe sich bemüht, eine ethnisch-ideologische Identität zu schaffen. Seine Schuld als literarischer Rattenfänger – so darf man schlussfolgern – liegt in der „destruktiven Abgrenzung nach außen“. Das ist wohl das Fazit des Sammelbandes: Einer wie Hans Watzlik hat mit seiner Literatur lange vor der Zerschlagung der Tschechoslowakei die Deutschböhmen empfänglich gemacht für die gefährlichen großdeutschen Sehnsüchte. Dieser Heimatdichter hat letztlich seine Heimat verraten. Als die Sudetendeutschen ihr Schicksal mit dem Hasardspiel Hitlers verbunden hatten, wählten sie ihren Untergang.

„Hans Watzlik – ein Nazidichter?“. Hrsg.: Walter Koschmal, Václav Maidl. Arco-Verlag Wuppertal, 36Euro

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