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Närrische Träume von den Schattenseiten

Armin Mueller-Stahls kafkaeske Erzählungen

Von Susanna Gilbert-Sättele, dpa

Mit dem „Kettenkarussell“ katapultiert Armin Mueller-Stahl seine Leser in fantastische Welten. Die neuen Erzählungen des Geigers, Malers, Autors und Filmstars handeln von Freiheit, Grenzüberschreitung und Tod. In ihnen vermischen sich Wirklichkeit und surreale Sequenzen, Sinnliches und Übersinnliches zu eigenartigen Textgebilden, die manchmal an einen Franz Kafka heran reichen.

„Ich folge den närrischen Träumen, die auf der Schattenseite des Lebens stattfinden“, heißt es einmal. Diese Art Literatur fordert heraus: Manche Leser werden verstört, andere fasziniert sein von der Imaginationskraft des Autors, und einige werden sich ärgern, weil Mueller-Stahl Gefühle weckt, die zu benennen schwer fällt.

Im Zentrum des Bandes steht die Titelgeschichte: Eduard, Jakob und Jurek, drei junge Juden, werden vor der Deportierung durch die Nazis ausgerechnet von dem ehemaligen Klassenkameraden bewahrt, den sie als Kinder so gern verspottet haben. Ernst Machuleit ist nämlich ein Zauberer mit großem Talent, Menschen verschwinden und wieder auftauchen zu lassen: „Nur so bin ich Gott nahe.“ Indem er die drei Männer mit einem undurchschaubaren Trick vor dem sicheren Tod rettet, liefert er, das ehemalige Klassenschlusslicht, „ein Meisterstück der Macht“.

Wie fast alle Erzählungen des Bandes lässt sich auch diese Geschichte nicht allein rational erfassen, zum Verdruss all jener Leser, die zu gern hinter das Geheimnis der Rettung kommen würden. Überhaupt geht es nicht mit rechten Dingen zu in den Geschichten des 76-jährigen Mueller-Stahl. So thematisiert der Allroundkünstler, der als Schauspieler in unzählige Rollen geschlüpft ist, immer wieder Entgrenzungen – wie in den Erzählungen „Die Psychotherapeutin“ und „Die Automatik des Atems“. Zudem geht es um die Gefahr, sich selbst zu verlieren oder gar zu zerstören, wenn man sich zu intensiv in den Anderen versetzt.

Seiner Auseinandersetzung mit dem Tod räumt der Schriftsteller viel Raum ein – sei es in der Erzählung „Der Mörder“, in der ein Mann sein Ende wie einen Traum erlebt, und in der Geschichte „Die eiserne Möwe“, in der ein Älterer sein Leben beenden will. Wirklich kafkaesk mutet die Situation in „Poshner und Passmann“ an. Hier fühlt sich einer der Willkür einer sinnlosen Bürokratie ausgesetzt, der er sich aber mit aller Kraft widersetzt.

Armin Mueller-Stahl: „Kettenkarussell“. Aufbau Verlag Berlin, 152 Seiten, 17,90 Euro

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