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Auftritt

Der wilde Ritt der jungen Jazz-Göttin

Monika Roscher begeistert in Regensburg mit tollem Stilmix und musikalischer Leidenschaft. Die 29-Jährige macht sich Fans von Berlin bis Amerika.
Von Michael Scheiner, MZ

  • Hier mit königsblauem Federschmuck: Monika Roscher, eine ungemein wandelbare, hinreißende Gitarristin Foto: Michael Scheiner
  • Monika Roscher im kanarienvogelgelben Outfit Foto: Michael Scheiner
  • Sehr lebendig, sehr charmant: Monika Roscher Foto: Michael Scheiner

Regensburg.Wie die vielarmige indische Göttin Kali steht Monika Roscher leicht gekrümmt vor ihrem Orchester und fuchtelt scheinbar gleichzeitig mit vier, sechs oder gar acht Armen. Sie lässt ihre Fender-Gitarre auf der voll gepfropften Bühne im Leeren Beutel aufheulen, dirigiert knackige Bläsereinsätze, blättert in der Partitur und dann singt sie auch noch mit elektronisch verzerrter Stimme ins Mikrofon.

Als furchteinflößende große Zerstörerin, wie Kali meistens gesehen wird, erlebt man die junge Bandleaderin aber nicht: Es ist vielmehr die andere Seite der großen Muttergöttin, die wilde Kraft zur Erneuerung, die in der Musik von Monika Roscher zum Vorschein kommt.

Die 29-Jährige löst Begeisterungsstürme aus, wo immer sie auftaucht. Auch beim Jazzclub-Konzert durften die fränkische Musikerin und ihre Big Band nur mit Zugaben von der Bühne. Strahlend und charmant lenkte sie die Gier des bunt gemischten Publikums nach „mehr, mehr“ auf „unsere erste Platte“: „Da sind alle Songs, fast alle Songs drauf, die wir heute gespielt haben.“ „Failure in Wonderland“ ist beim renommierten Enja-Label erschienen. Roscher signierte die Scheibe nach dem mitreißenden Konzert so charmant und eifrig, wie sie zuvor mit ihren 16 Jungs und einem Mädel aufgespielt hatte. Jasmin Gundermann, Saxofon und Flöte, ist – das nebenbei – die Tochter von Thomas Gundermann, einst geschätzter Schlagwerker bei der Kultband „Negerländer“.

Offen für viele Einflüsse

Beim Jazzweekend 2012 stellte Roscher ihre Musik erstmals einem breiteren Publikum vor. Das schlug ein wie eine Bombe. Inzwischen wird die Gitarristin überall besprochen. Stern, SZ, Zeit online und jüngst sogar das Downbeat Magazine widmeten ihr Stories. Auftritte beim Jazzfest Berlin, beim Münchner Klangfest, dem Südtirol Jazzfestival und einigen wichtigen Crossover-Festivals verbreiteten zusätzlich ihren Ruf als musikalischer Springteufel, als eigenwillige Komponistin und unabhängige Künstlerin.

Tatsächlich verblassen herkömmliche Bigbands neben den kreuz und quer durch Genres und Stile preschenden, lustvoll zelebrierten bildhaften Songs ein wenig – selbst wenn sie technisch brillanter und ausgereifter sind.

Die manchmal mal ein wenig ausufernden Songs gehen häufig von einfachen repetitiven Motiven aus und sind rhythmisch komplex verzahnt. Roscher fängt in ihnen oft einen halben Film ein, so assoziativ bildhaft wirken fette Bläser-Tutti und kühn verschachtelte Grooves. Der wilde Ritt vom Trip-Hop über Reggae, Rock, Fusion und Jazz bis hin zu Singer-Songwriterelementen hört sich dann manchmal an, als sei das unbedarfte Gör vom Land von Frank Zappa mit der Flasche aufgezogen worden und bei Carla Bley in die Vorschule gegangen. Irgendwo unterwegs ist sie noch Kurt Weill, bösen Buben aus der Heavy-Metal-Welt, süßen Popflöten, Electro-Fricklern und dem englischen Filmmusikkomponisten Michael Nyman begegnet.

Roscher hat, animiert von all diesen Einflüssen, für den Abschluss an der Musikhochschule München Arrangements geschrieben, bei denen ihren Kommilitonen, die das Zeug spielen sollten, die Augen übergingen. „Wir dachten alle: Das kann doch kein Mensch spielen!“, erzählt Trompeter Dominik Glöbl in der Pause. Er war mit Roscher in einer Kompositionsklasse und ist im Leeren Beutel kurzfristig für den Leadtrompeter eingesprungen. Die meisten Stücke, wie das „Failure in Wonderland“ – mächtige Brassklänge, scharfe Attacken und eine vocodergestützte Geisterstimme – hat die Band bis heute im Repertoire.

Ständig im Spannungsfeld

Das melodisch eingängige, irrlichternde „Future3“, das sich mit einem Stratocaster-Solo pathetisch aufbäumt; der Trauermarsch „Die Parade“, der sich nach angemessenem Ernst ins wüste Chaos stürzt; die theatralische Botschaft von „Human Machines“, das maliziöse „Schnee in Venedig“: Die bildhaften Songs oszillieren zwischen Harmonie und Disharmonie, Einzelstimmen und Tutti, ständig im Spannungsfeld von laut und leise, rhythmisch packend und farbenprächtig. Stimmungen flammen auf und fallen wieder zusammen.

Das gewitzte Ensemble verfügt über exzellente Solisten, die ganz bei der Sache sind und ihrer auch optisch hinreißenden Bandleaderin bedingungslos folgen. Roscher setzt dem musikalischen Feuerwerk mit ihrer Lust zu Inszenierung – sie trägt Gesichtslarve, Federschmuck und ein kanarienvogelgelbes Kleid – auch noch optisch die Krone auf. Orchestraler Jazz im Hier und Heute. Prachtvoll.

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