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Die Wahrheit hinter den Bildern

Nach „Pina“ zeigt Wim Wenders erneut eine Dokumentation: „The Salt of the Earth“. Gewidmet ist der Film dem Brasilianer Sebastião Salgado
Von Aliki Nassoufis, dpa

Der deutsche Regisseur Wim Wenders und seine Frau Donata beim Filmfestival in Cannes. Foto: afp

Cannes.Wim Wenders nimmt als deutscher Regisseur eine Sonderrolle beim diesjährigen Filmfest Cannes ein. Seine Fotografen-Doku „The Salt of the Earth“ feierte am Dienstagabend Weltpremiere in der Sektion „Un Certain Regard“. Im Interview der Nachrichtenagentur dpa spricht Wenders über die Wahrheit großer Fotografie, die Nebenreihen in Cannes und die Scheu deutscher Produzenten vor dem französischen Filmfest:

Mit ihren Filmen haben Sie sich international einen Namen gemacht. Was jedoch weit weniger Menschen wissen, ist dass Sie auch als Fotograf arbeiten und Ihre Bilder in Ausstellungen zu sehen sind. Was bedeutet Ihnen die Fotografie?

Die Geschichte der Malerei und der Fotografie sind für mich immer ein wichtiger Einfluss auf meine filmische Arbeit gewesen. Das Fotografieren nimmt inzwischen einen großen Teil meiner Zeit ein und ist zu meinem zweiten Leben geworden. Was den Filmen gut tut. Die dauern ja heute eh immer ein paar Jahre, aber jetzt habe ich nicht mehr das Gefühl, auf irgendwas warten zu müssen. Ich kann mich zwischendurch monatelang auf die Fotografie konzentrieren.

Nun widmen Sie sich in Ihrem Dokumentarfilm „The Salt of the Earth“ dem Brasilianer Sebastião Salgado, einem der renommiertesten Fotografen der Gegenwart. Warum haben Sie sich nach „Pina“ entschieden, wieder eine Doku zu drehen - und dieses Mal in Ko-Regie mit Salgados Sohn Juliano?

Man kann nicht sagen, dass ich das wirklich „entschieden“ habe. Das hat sich so ergeben. Die Filme überlappen sich ja auch immer. Ich kenne Salgado seit vielen Jahren, und er hat mich ganz direkt gefragt, ob ich seinen Sohn und ihn bei dem großen Projekt „Genesis“ begleiten könnte. Daraus ist dann im Laufe von zwei Jahren ein langer Film über seine ganze Karriere geworden. Das ist das Schöne an Dokumentarfilmen: Sie haben ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten, und man kann das nicht immer so im Voraus planen.

Was unterscheidet Salgado Ihrer Ansicht nach von anderen Fotografen unserer Zeit?

Andere Fotografen sind ein paar Tage in einem Krisengebiet, oder nur ein paar Stunden. Salgado hat oft Monate zugebracht, um die Menschen dort kennenzulernen. Oder er war über viele Jahre immer wieder in einem Land. Seine großen Projekte, wie „Exodus“ über Völkervertreibungen und Verfolgungen, oder „Workers“ über Schwerstarbeit in der ganzen Welt, die haben jeweils acht bis zehn Jahre gebraucht. Kein anderer hat sich immer so viel Zeit gelassen und sich dermaßen auf die Menschen und die Regionen eingelassen, wo er hingereist ist.

Haben Sie ein Lieblingsfoto von Salgado? Wenn ja: Was fasziniert Sie daran?

Bevor ich Sebastiao Salgado kannte, vor über 20 Jahren, habe ich zwei Fotografien von ihm in einer Galerie gekauft. Beide hängen seitdem in meinem Arbeitszimmer. Eines zeigt eine Tuareg-Frau, die mit einer unglaublichen Würde und Schönheit, aber auch mit einem großen Schmerz aus dem Bild herausschaut, und erst auf den zweiten Blick ahnt man, dass sie erblindet ist. Das andere zeigt Arbeiter in einer riesigen offenen Bergwerksgrube, einer gewaltigen Szenerie, die einem wie aus biblischen Zeiten vorkommt. Das Ergreifende an beiden Bildern ist für mich ihre Wahrheit. Solche Fotos macht man nicht im Vorübergehen, sondern nur, indem man sich mit diesen Menschen und diesen Situationen lange befasst und identifiziert. Deswegen auch unser Filmtitel: „Das Salz der Erde“. Salgado ist wie kaum ein anderer der Chronist des Menschen am Ende des 20. Jahrhunderts. Das sind WIR in seinen Bildern: die Menschheit.

Mit Frankreich und dem Filmfest Cannes sind Sie schon seit vielen Jahren eng verbunden. Mehrere Ihrer Filme liefen bereits im Wettbewerb, Sie haben wichtige Preise gewonnen, darunter 1984 die Goldene Palme für „Paris, Texas“. Wie ist es dann, jetzt in der Neben-Sektion „Un Certain Regard“ vertreten zu sein?

Das mit der „Neben-Sektion“ ist sprachlich eine merkwürdige Sache. Tausende von Filmemachern weltweit würden sich nichts anderes wünschen als in „Un Certain Regard“ zu laufen. Das heißt nämlich, in der Offiziellen Auswahl des Cannes Filmfestivals zu sein! Die „Nebenreihen“, das sind die „Quinzaine des Réalisateurs“ oder die „Semaine de la Critique“. Ich habe im „Certain Regard“ schon viele Filme gezeigt, über die Jahre. Mit einem Dokumentarfilm im Offiziellen Programm vertreten zu sein, das ist richtig toll. Den im Wettbewerb zeigen zu wollen, wäre vermessen. Also: Unser Film läuft unter den bestmöglichen Umständen in Cannes und wir sind hochzufrieden. Mehr hätten wir uns nicht wünschen können. Natürlich ist man mit anderen Filmen auch gerne im Wettbewerb, und auch da war ich schon oft dabei, aber das müssen dann auch Filme sein, die da hingehören. Der langen Rede kurzer Sinn: Ich bin richtig froh, dass Juliano und ich mit „The Salt of the Earth“ im offiziellen Programm eingeladen sind und der Film dort vor der Weltpresse gezeigt wird, und im Verlauf des Festivals dann auch hoffentlich in die ganze Welt verkauft wird. Man muss da nochmal dran erinnern, dass das ein Hauptgrund ist, warum es so wichtig ist, Filme in Cannes zu zeigen: Damit sie von da aus in die Welt gehen.

Sie sind einer der wenigen Deutschen, die in diesem Jahr beim Filmfest Cannes vertreten sein werden. Liegt das auch an der deutschen Filmszene selbst? Muss sich da etwas ändern?

Es ist nicht das erste Mal, dass ich diese Frage gestellt bekommen habe, und mich in dieser Situation vorfinde. Ich habe das Problem auch schon des Öfteren in Cannes angesprochen. Nein, ich denke nicht, dass es an der „deutschen Filmszene“ liegt, obwohl wir hierzulande natürlich viele Filme machen, die per Definition nicht in Cannes laufen würden. Komödien zum Beispiel. Aber auch französische Komödien sind da nie im Programm. Cannes wählt halt nur eine bestimmte Art von Film aus, die sehr auf das Autorenkino bezogen ist. Oder halt auf Blockbuster, wegen der Starpower, die damit einhergeht. Das Festival in Berlin hat es da nicht einfacher. Und natürlich laufen in Berlin jedes Jahr auch Filme, die es womöglich in Cannes in den Wettbewerb geschafft hätten, wenn deutsche Produzenten nicht schon in vorauseilenden Argwohn, in Cannes nicht angenommen zu werden, auf die Berlinale setzen würden. Das muss man auch sehen.

ZUR PERSON: Wim Wenders, 1945 in Düsseldorf geboren, wurde mit der Romanverfilmung „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ Anfang der 1970er Jahre einem größeren Publikum bekannt. Es folgten international anerkannte Werke wie „Paris, Texas“, „Der Himmel über Berlin“, „In weiter Ferne, so nah!“ sowie die Dokumentationen „Buena Vista Social Club“ und „Pina“. Der 68-jährige Regisseur war für zwei Oscars nominiert und gewann unter anderem die Goldene Palme in Cannes und den Deutschen Filmpreis.

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