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Ausstellungen

Befreiung: Unbeirrter Vorstoß zum bitteren Kern

Spannende Einblicke in die ungarische Gegenwartskunst bietet die gestern eröffnete „donumenta“ im Leeren Beutel und der Minoritenkirche.
Von Ulrich Kelber, MZ

  • János Korodis „Heliocentric Carpet“
  • „Yellow House“ (Ausschnitt) von Csaba NemesFotos (2): Katalog
  • Bei der Eröffnung in der Minoritenkirche: (v.l.) Dr. Márton Méhes, Leiter des ungarischen Instituts in Wien, donumenta-Leiterin Regina Hellwig-Schmid, der ungarische Staatssekretär Dr. Gergely Pröhle, Regierungspräsidentin Brigitta Brunner sowie Budavárs Bürgermeister Dr. Gábor Nagy Foto: altrofoto.de
  • Der Biennale-Teilnehmer Balázs Kicsiny, hier vor einer seiner Installationen der Ausstellung „Human Resurrection“ in der Minoritenkirche, ist einer der Stars der donumenta.Foto: altrofoto.de

Regensburg.. Viele ungarische Schriftsteller sind auch in Deutschland populär geworden, wie Imre Kertész, György Konrád oder György Dalos. Bekannte Namen bei den Künstlern zu finden, ist schwerer. Bis in die Bauhaus-Zeit muss man da zurückdenken an Laszlo Moholy-Nagy oder an den Op-Art-Pionier Victor Vasarely. Zwar sei Ungarn mit seinen zehn Millionen Einwohnern ein kleines Land, aber es bestehe „sicherlich eine Kluft zwischen der Qualität der lokalen zeitgenössischen Kunstproduktion und ihrer internationalen Sichtbarkeit (und damit ihrer internationalen Anerkennung)“, beklagt die Kunsthistorikerin Judit Angel denn auch in ihrem Textbeitrag zum „donumenta“-Katalog.

Erstaunlich hohe Qualität

Die „donumenta“ will für diese Sichtbarkeit sorgen. Regensburg bietet jetzt die bisher größte Präsentation ungarischer Gegenwartskunst in Deutschland. Schon zu Beginn des Ausstellungsreigens lässt sich sagen: Diese Begegnung lohnt sich. Die (teils recht jungen) ungarischen Künstler können gut mithalten in der internationalen Konkurrenz. Auffallend sind der oft kritische Ansatz und die engagierte Auseinandersetzung mit der aktuellen gesellschaftlichen Situation. Und überraschend ist die Vielfalt der eingesetzten Mittel: Malerei, Grafik, Fotografie, Installationen, Videoarbeiten, sogar die alte Stickerei feiert Urständ in einem neuen Kontext.

Besonders imponierend sind die Installationen von Balázs Kicsiny in der Minoritenkirche. Unter dem Titel „Temporary Resurrection“ hat der 1958 geborene Künstler, der in Budapest und London lebt, drei in den vergangenen Jahren entstandene Installationen für diesen Raum neu arrangiert. Kicsiny ist der prominenteste Künstler; 2005 gestaltete er den ungarischen Pavillon bei der Biennale von Venedig. Die Installation „Das Missverständnis“, die in der Minoritenkirche im Mittelpunkt steht, war vor wenigen Monaten in Berlin zu sehen.

Kicsiny hat seine Werke schon häufig in Sakralbauten präsentiert. So weiß er die Raumsituation der gotischen Kirche effektvoll zu nutzen. Bei „Das Missverständnis“ handelt es sich um die ungewöhnliche Interpretation eines Fotos, das der (übrigens auch aus Ungarn stammende) Kriegsfotograf Robert Capa im April 1945 in Leipzig gemacht hatte: ein sterbender amerikanischer Fallschirmspringer auf dem Balkon eines Wohnhauses.

Mechanismen kollektiver Traumata

Bei Kicsiny wird daraus eine surreal anmutende Szene: Eine Tischrunde mit vier schwarzen Gestalten – die Köpfe unter bemalten Helmen verborgen – sitzt vor leeren Tellern. Umgeben werden sie von vier abgestürzten, verkrümmt am Boden liegenden weißen Figuren, deren Fallschirme sich in der Empore der Kirche verheddert haben. Sie tragen keine Waffen, sondern sind nur – so verrät der Künstler – mit „Henkelmännern“, also Speisebehältern, ausgerüstet, deren Inhalt wie in Blutlachen zerfließt. „Mechanismen der kollektiven Traumata“ will Kicsiny beschwören. Seine Arbeiten sollen offen sein für Interpretation.

Eine immense visuelle Wucht besitzt auch die Installation „The Flying Dutchman“ von 2004. Zehn lebensgroße Puppen liegen ausgestreckt am Boden – eine Szene, wie man sie von Priesterweihen kennt. Doch die Figuren sind gesichtslos: Statt Kopf, Händen und Beinen besitzen sie ankerartige und wie Waffen wirkende Gebilde, die im Kontrast zu der Unterwürfigkeitsgeste Aggressivität signalisieren.

„Liberation Formula“ heißt es im Leeren Beutel. Rund zwei Dutzend Künstler – einige mit dem Esterhazy-Preis oder Essl-Award ausgezeichnet – haben die Kuratoren Adèle Eisenstein und Áron Fenyvesi ausgewählt. Besonders interessant ist der Raum, in dem die kritischen Arbeiten konzentriert sind. In den letzten Jahren scheint die Auseinandersetzung mit den politischen Spannungen und dem Rechtsruck in Ungarn für die Künstler zum wichtigen Thema geworden zu sein.

Martialisch ausgerüstete Polizisten tauchen mehrfach in den Bildern auf, so bei „Police Line“ von Eszter Ágnes Szabó (wie bittere Ironie wirkt hier die sonst so biedere Stickerei-Technik) oder in den Ölbildern von Adrián Kupcsik („Tränengas“, „Some Kind of Demonstration“). Und Szabolcs KissPál schafft mit seiner aus einem Absperrgitter und zwei Spiegeln bestehenden Installation „The Other Crowd“ eine beklemmende Atmosphäre. Auf schreckliche Weise trügerisch sind die scheinbaren Dorfidyllen, die Csaba Nemes malt. Doch dann erkennt man Brandruinen, Absperrungen und verschreckte Menschen – es geht um eine von Rechtsextremisten 2008 und 2009 verübte Mordwelle, der neun Roma zum Opfer fielen.

Terrorismus, Krieg in Afghanistan, der Gazakonflikt: Zu allen diesen Themen gibt es sehr eindringliche Arbeiten. Provozierend ist schließlich das „Habemus Papam“ des Künstlerpaares Borsos Löinc: Man sieht nur den prunkvollen Ornat – wo der Körper wäre, ist nur düsteres Schwarz.

Landschaft, Umwelt, Ökologie: Auch darum geht es in vielen Bildern. Dániel Horváth mit seinen geheimnisvollen Wald-Bildern ist hier zu nennen, Gábor Arion Kudász mit seinen Fotos von den Kehrseiten der Wohlstandsgesellschaft oder Ákos Siegmund mit seinen hyperrealistischen Architektur-Bildern. Mehr experimentelle Arbeiten im dritten Ausstellungsraum: Das Spektrum reicht von Mária Chilf und ihren „Gastarbeitern“, den ironischen Zeichnungen von Beatrix Szörényi (darunter eine Variation des schießenden Hasen aus dem „Struwwelpeter“) bis zu der im wahrsten Sinne doppelbödigen Video-Installation „Loss in Memory“ von Gyula Várnai.

Eine opulente und überaus faszinierende Ausstellung!

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