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Literatur

Ein Unterwegskind und das kleine Glück

Ilma Rakusa las im Rahmen der donumenta im Slowenischen Lesesaal aus ihren Erinnerungspassagen „Mehr Meer“.
Von Claudia Böckel, MZ

Regensburg.. „Die innere Kompassnadel zeigt nach Osten.“ So beginnt Ilma Rakusa eines der ersten Kapitel ihres Buches „Mehr Meer“. Geboren 1946 in der Slowakei als Tochter eines slowenischen Chemikers und einer ungarischen Apothekerin lebt Ilma Rakusa nach Stationen in Budapest und Triest in Zürich, arbeitet dort an der Universität, als Übersetzerin, für die Neue Zürcher Zeitung, für die Zeit, ist Essayistin und Lyrikerin. Ihr Buch „Mehr Meer. Erinnerungspassagen“ ist ein umfangreiches Werk, berichtet in sehr intensiven Bildern vom Empfinden des Kindes, das zwischen bzw. in verschiedenen Sprachen und Kulturkreisen aufwächst. Wenn sie mit Kindern oder Tieren spreche, sagt sie, dann nur in Ungarisch. Das sei ihre Kindersprache, so spreche sie auch heute noch mit ihrem erwachsenen Sohn.

Kniesocken und Abendbad

„Ich war ein Unterwegskind... Vater und Mutter hatte ich. Ein Kinderzimmer hatte ich nicht. Aber drei Sprachen, drei Sprachen hatte ich. Um überzusetzen, von hier nach dort.“ Ihre Erinnerungen seien sowohl visuell, als auch akustisch oder olfaktorisch. Sie zöge sie auch aus den Fotos der Familie oder aus Gesprächen mit ihrer Mutter, ergänze sie durch Recherche, auch durch Fantasie. Erinnerung lebe aus den kleinen Dingen. Das kleine Glück.

Die Suche nach dem großen Glück führe oft in die Irre, sagt sie im Gespräch nach der Lesung im Slowakischen Lesesaal, die auf Einladung der donumenta und dem Wissenschaftszentrum Ost- und Südosteuropa zustande kam. Das Kapitel „Kniesockenglück“: aus der Empfindung der Frühlingsluft an den jetzt unbekleideten Knien entsteht eine Abhandlung zum Thema Glück. „Das kleine Glück dauert eine kleine Weile. Es kommt, geht, kommt wieder, in dieser oder jener Gestalt. Es hat Namen wie: Kniesocken, Schaukel, Abendbad im Meer, küssen, verbotene Lektüre. Je nach Jahreszeit.“

Das Buch sei halb- bis dreiviertel-fiktional, sagt sie und hält es mit Goethes Titel „Dichtung und Wahrheit“. Aus Erinnerungspartikeln können zum einen ganz subjektive Gedanken entstehen, ein andermal essayistisch Ausgesponnenes, eine Textur, ein Gewebe. Leitmotive tauchen auf, wie der Wind.

Die Spuren des Windes

„Nicht zu fassen: Da, und wieder weg, und hinterlässt doch Spuren, wenn er will. Der Wind, der Wind, das himmlische unhimmlische Kind. Bergwind, Talwind, Landwind, Seewind, Höhenwind, Fallwind, Wirbelwind, Sturmwind, Ostwind, Westwind, Brise, Lüftchen, Meerwind, Wüstenwind, Föhn, Scirocco, Tramontano, Maestrale, Bora, Mistral“, schreibt Rakusa, und: „Die Bora in Triest – ferne Nachfahrin des Nordwindgottes Boreas – fauchte wie ein wildes Tier. Stürzte vom Karst hinab zum Meer und riss mit, was ihr in den Weg kam. Ich lernte sie fürchten, klein, wie ich war. Wenn sie am Haus rüttelte, das Meer aufwühlte, Regen in Eis verwandelte, dass die Menschen auf allen Vieren krochen.“

Einige der 69 Kapitel, dessen letztes ausschließlich dem Wind gewidmet ist, sind dialogisch, andere betrachtend, reflexiv, wie ein Gedicht, wie ein Dramolett, wie ein Essay. Ganz bewusst arbeitet Ilma Rakusa mit diesem Wechsel innerhalb ihres Textes. Nur diese bewusste Entscheidung für kurze Kapitel habe ihr, die eher kurzatmig arbeite, erlaubt, mit der Fülle des Stoffes umzugehen. Wie ein Kaleidoskop, bunt, beweglich, prismatisch sollte der Text sein. Es sollte ein atmender Text werden, sagt sie.

Sie wollte keine Memoiren schreiben, etwas ganz anderes schwebte ihr vor: Kein Rückblick, ein fragender Text, nicht auf Gewissheiten basierend. Die Reflexionen über kindliche Gefühle aus einer erwachsenen, gar nicht mehr kindlichen Position heraus tragen dieses Buch, ein Erinnerungsbuch, das Metaphern und Leitmotive nutzt, um den Bogen über ein bewegtes und bewegendes Leben eines jungen Menschen zu spannen. Sprachbilder von großer Kraft lassen den Leser innehalten, schärfen den Blick:

„Der Tag gescheitelt. Wenn die Sonne im Zenit stand, ging es zurück ins ochsenblutfarbene Haus, in die kühlen, gefliesten Räume. Wir aßen eine Kleinigkeit, dann war Siestazeit. Ausgeklinkte Stunden, ein Slow-down und Calm-down, ein Pssst, das selbst die lautlos-flinken Eidechsen ins Versteck trieb. Nur die Lichthasen zitterten, zitterten auf dem Boden.“

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