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Ausstellung

Kreative Endlosschleife aus freien Künstlerköpfen

Aktuelle Kunst aus Ungarn: Teil zwei der „donumenta“-Ausstellung „Liberation formula“ eröffnet am Sonntag im Kunstforum Ostdeutsche Galerie.
von Gabriele Mayer, MZ

  • Kamilla Szííj vor einer ihrer unbetitelten Zeichungen
  • Die Direktorin des Kunstforums, Dr. Andrea Madesta, und donumenta-Leiterin Regina Hellwig-Schmid vor dem Bild „Anti-Space“ von János Korodi
  • Staunen über Attila Csörgös „Möbius Space“: Das Werk, eine zur unendlichen Schleife zusammengefügte, mit einer 360°-Lochkamera aufgenommenen Fotografie, ist bei Csörgös donumenta-Stipendiats-Aufenthalt im Oberpfälzer Künstlerhaus in Schwandorf entstanden. Fotos: altrofoto.de

Regensburg.. Ungarns Schicksal im Lauf der Geschichte war eher das Dazwischen- und Zerrissensein, die historische Heterogenität, der Kampf um eine halbwegs gesicherte Identität. Das ist nicht gemütlich, aber es macht erfinderisch. Ungarische Kunst war im letzten Jahrhundert oft Avantgarde.

Das Interesse für Medien und Methoden war groß: Das kann man auch bei der eindrucksvollen donumenta-Ausstellung im Kunstforum Ostdeutsche Galerie beobachten. Viele Künstler sind zudem Grenzgänger zwischen den Genres. Sie überschreiten ihr eigenes Metier, die Bildende Kunst, und machen sich die Perspektiven und Verfahren der Mathematik, der Physik oder der Musik zu eigen.

Attila Csörgö beispielsweise ist Kuratorin Adele Eisenstein zufolge mehr Alchimist oder Ingenieur als Künstler. Das erinnert an die Renaissance, an eine vitale Zeit vor der Ausdifferenzierung der Disziplinen, an die Ära der Universalgenies à la Leonardo da Vinci, dem wir nicht nur die Mona Lisa, sondern auch ein frühes Modell des Hubschraubers und Reflexionen über die menschliche Anatomie verdanken.

Csörgö aber bleibt auch dort, wo er unbezweifelbar produktiv ist, eher so etwas wie ein postmoderner Parasit, ein belesener Polyhistor, der sein Publikum verblüfft, indem er sich in einen technophilen Zauberer verwandelt: So also sind wir, so funktioniert unsere Sinnlichkeit, unser Denken. Csörgö gibt sich nicht mit einfachen Lösungen zufrieden, er konstruiert lieber einen Möbiusraum, wo alles mit allem zusammenhängt und zur Not auch Kopf steht. Zu dieser Art von szientifischer Seriosität gehört auch, dass er das Zeichnen an einen Apparat delegiert („drawing machine“).

Bei Zsolt Asztalos wird selbst das Abbild einer Frau, die trauert, Teil des Blueprints einer Hightech-Innenwelt und die tröstende Hand ist eher Muster als wirkliche Geste. Bei Dániel Erdély scheint die Virtualisierung der Welt auf die Spitze getrieben. Seine „spidronischen“ Projekte, ganz egal ob es sich um simple Kuben, um unruhige Reliefe oder in sich verwirbelte Kosmen handelt, zitieren den legendären Zauberwürfel von Ernö Rubik.

Geometrische Gebilde und Algorithmen aller Art erweitern die Welt und vervielfältigen die Möglichkeiten des Wahrnehmens und Agierens. Die Desorientierung der Sinnlichkeit bzw. ihr „relaunch“ spielt in vielen der gezeigten Arbeiten eine Rolle. Das Weiche, Haptische, „Warme“ verschwindet, der Mensch wird zum verstörten Besucher oder Gast in einer Welt, die längst nach anderen Regeln funktioniert als denen seiner archaischen evolutionären Programme.

Auch dort, wo auf den ersten Blick vergleichsweise herkömmlich gearbeitet wird, wie in Hajnalka Tarrs Zeichnungen, verstört bei genauerem Hinsehen eine Art Doppelbelichtung. Diese äußerst reduzierten und stilisierten, manchmal schon beinahe abstrakten Akte haben als Basis ein mit Blindenschrift versehenes Papier, das für „Sehende“ nicht entzifferbar ist. Die regelmäßigen Muster der Braille-Schrift, die ansonsten ertastet werden, machen die Welt für uns nicht sichtbar, sondern erheben sie in den Geheimniszustand. Es kommt eben immer auf den Kontext, den Standort und das eigene Vermögen an.

Kamilla Szíjs Zeichnungen sind so nachhaltig „dereguliert“, dass das Auge im Ozean der Linien untergeht. Diese Ausstellung führt den Betrachter fast immer an die Schnittstelle von Sinnlichkeit und Reflexion, von körperhafter Welt und den oft nur fantasierten, fast immer in der einen oder anderen Weise mathematischen Modellen, die ihr zugrunde liegen oder die zumindest unser begrenzter Verstand ihr unterschiebt. Eine Art Konterbande des Geistes, die sich dem „Verzollen“ durch die Kritik einstweilen weitgehend entzieht.

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