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Baukunst

„Er wollte das perfekte Haus“

„Gott ist im Detail“ war ein Leitspruch von Mies van der Rohe. Sein Enkel Dirk Lohan war damals engster Mitarbeiter.
Von Chris Melzer, dpa

  • Dirk Lohan, Architekt und Enkel von Ludwig Mies van der Rohe, vor dem Farnsworth House in Plano bei Chicago Foto: Chris Melzer/dpa
  • Dirk Lohan, Architekt und Enkel von Ludwig Mies van der Rohe, vor dem Farnsworth House in Plano bei Chicago Foto: Chris Melzer/dpa

Plano.Die Ähnlichkeit mit seinem Großvater ist verblüffend, nicht nur äußerlich: Dirk Lohan hat schon früh mit Ludwig Mies van der Rohe zusammengearbeitet und wurde engster Vertrauter des früheren Bauhaus-Direktors, bis zu dessen Tod 1969. Lohan pflegt das Erbe der Architekten-Legende, lebt und arbeitet aber nach einem eigenen Stil. Im Interview erklärt der in Chicago lebende Architekt, welches Vermächtnis das Farnsworth House hat, das er selbst mehr als 30 Jahre betreute.

Herr Lohan, welche Bedeutung hat das Farnsworth House noch für die Architektur?

Das Haus ist völlig reduziert auf das Wohnen, auf das Zusammensein mit der Natur. Ich kenne kein Haus, das so viel Offenheit ausstrahlt. Es ist eine der Ikonen des 20. Jahrhunderts, jeder Architekt kennt es. Und es kommen jedes Jahr Tausende Besucher, obwohl es etwas abgelegen ist.

Edith Farnsworth wollte einen Rückzugsraum, wollte Privatheit, aber bekommen hat sie ein Haus, das nur aus Glaswänden besteht.

Ja, das klingt nach Widerspruch. Aber das Haus steht mitten im Wald. Gerade im Sommer kann man kaum reinschauen, von der Straße bestimmt nicht. Und darum ging es ja gerade: Einssein mit der Natur, mittendrin sein.

Aber Farnsworth hat sich doch über das Haus mit Ihrem Großvater zerstritten...

Da ging es aber nicht um das Haus selbst. Sie war von Anfang an begeistert, schon vom Modell. Bei dem Rechtsstreit später ging es vor allem um die Kosten, die sich in der Tat deutlich erhöht hatten.

Wir wohnen heute nicht so. War das Farnsworth House also eine architektonische Sackgasse?

Es war nie als direktes Wohnhaus gedacht, erst recht nicht für eine Familie. Es war maßgeschneidert für eine Person und die zeitweilige Nutzung, eben zumeist ein Wochenende, kaum länger. Dafür ist es perfekt. So ist in der Tat kaum noch gebaut worden. Aber trotzdem fasziniert es seit Generationen so viele Menschen.

Mies hat aber offenbar nicht an die Bedürfnisse seiner Klientin gedacht. Viele sagen, er habe das Haus so gestaltet, als ob er es für sich gemacht hätte.

Ja, das habe ich oft gehört. Tatsächlich wollte er aber das perfekte Haus bauen. Und eben nicht nur das Äußere, sondern bis ins kleinste Detail, auch die Ausstattung, den Boden und selbst die Möbel.

Die Sie ja dann entworfen haben. Ihr Bett zum Beispiel ist von drei Seiten von außen einsehbar. Kann man so schlafen?

Ich konnte. Ich habe mehrfach im Farnsworth House übernachtet. Es gibt ja auch Vorhänge. Wer will, zieht die einfach zu.

Wie wohnen Sie denn?

Hier in Chicago, 880 Lake Shore Drive...

... ein Haus, das Ihr Großvater entworfen hat...

... ja, genau, ein Meilenstein der Architektur. Ich wohne ganz oben in einem Penthouse im 26. Geschoss. Nein, das ist nicht wie das Farnsworth House. Aber ich genieße einfach den großartigen Blick über Chicago.

Dirk Lohan wurde 1938 als Sohn von Ludwig Mies van der Rohes Tochter Marianne in Rathenow geboren. Früh arbeitete er als Architekt und zählte zu den engsten Vertrauten seines Großvaters. Seit 1962 lebt er in den USA und hat in Chicago zum Beispiel das Fußballstadion, das Planetarium und das Aquarium entworfen. An der Ausstattung des Farnsworth House arbeitete er mehr als drei Jahrzehnte mit. Derzeit ist Lohan Berater für die Restaurierung der Neuen Nationalgalerie in Berlin.

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