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Mauerfall

Freiheit für Kunst und Künstler

Dr. Ulrike Lorenz ist in Gera geboren und hat in Leipzig studiert. Den Mauerfall erlebte die frühere Direktorin der Ostdeutschen Galerie in der DDR.

Ulrike Lorenz sagt: „Der Mauerfall hat die Isolation der ostdeutschen Kunstszene aufgehoben, neue Künstlerkarrieren begünstigt, alte aber auch marginalisiert.“
Ulrike Lorenz sagt: „Der Mauerfall hat die Isolation der ostdeutschen Kunstszene aufgehoben, neue Künstlerkarrieren begünstigt, alte aber auch marginalisiert.“

Berlin.Wenn man 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer und dem folgenden Verschwinden des Staates DDR aus der deutschen Geschichte Bilanz für die Kunst zieht, dann fällt sie alles in allem positiv aus. Freiheit für die Kunst und für die Künstlerinnen und Künstler sind als Ergebnis an vorderster Stelle zu nennen.

Es ist keine Frage, dass die Wende einen großen, nicht selten auch existentiellen Einschnitt in Künstlerbiographien gebracht hat, die sich in der DDR ausgebildet und die auf dieses System hin zugeschnitten waren. In erster Linie traf es natürlich die Staatskünstler vom Format eines Werner Tübke, eines Bernhard Heisig, eines Willi Sitte und auch eines Wolfgang Mattheuer. Sie hatten sich voll auf das Kultursystem des Staates eingelassen und verloren weitgehend ihre Existenzgrundlage. Mattheuer hat die Vorwürfe, sich allzu sehr in Staatsnähe begeben zu haben, mit einem Argument erwidert, das nicht so ohne weiteres von der Hand zu weisen ist: Was für die Künstler der DDR die Abhängigkeit vom Staat war, ist für die Kollegen im Westen das Ausgeliefertsein an den Kunstmarkt mit seinen nicht minder rüden Zwängen.

Ihren Background haben aber auch Künstler und Künstlerinnen verloren, die als Nonkonformisten dem Staat kritisch gegenüber standen. Sie hatten zum Teil respektable Berufskarrieren im Widerstand zum System aufgebaut und verloren mit dem Ende der DDR ebenfalls die Rahmenbedingungen ihres Schaffens. Die Staatsmacht war weg, gegen die sie künstlerisch gearbeitet hatten. So verloren sie teilweise ihre Kraft und sind in der Bedeutungslosigkeit versunken, zumindest aus überregionaler Sicht.

Einen Glücksfall bedeutete die Wende für die ganz jungen Künstlerinnen und Künstler, die frisch von den Akademien gekommen sind, an denen sie handwerklich im traditionellen Sinn exzellent ausgebildet worden sind, etwa in Leipzig oder in Dresden. Im Umfeld des wohl bekanntesten Ostgaleristen, Gerd Harry „Judy“ Lübke in Leipzig und Berlin konnten sie zum Teil internationale Beachtung erlangen.

Der Maler Neo Rauch ist hier die absolute Leitfigur für eine außerordentlich geglückte Ostkünstlerkarriere geworden. Von Umständen auf dem irrationalen Kunstmarkt, aber natürlich auch von seiner herausragenden künstlerischen Potenz begünstigt, rückte er schnell in die oberste Riege der international agierenden deutschen Künstler mit wachsendem Marktwert auf. Hier trifft er auf Kollegen wie Gerhard Richter oder Georg Baselitz, die in den 60er Jahren die DDR verlassen hatten und sich mit ihrer dort antrainierten Widerstandskraft auch gegen herrschende Systeme und den Mainstream im Westen durchsetzen konnten.

Bei der Betrachtung der Auswirkungen der Wende auf die Kunst darf man nicht außer Acht lassen, dass auch die Museen im Osten enorm davon profitiert haben. Die Berliner Museumslandschaft hat sich völlig neu aufgestellt. Ihre marode Bausubstanz ist gerettet worden. Sie steht heute besser da denn je.

Es war wohl eine Art Wiedergutmachung, dass man auch in anderen Städten des Ostens Millionen in die Museen gesteckt hat. So bekam Leipzig einen Neubau für das Museum der bildenden Künste. Ein anderes Beispiel ist Gera. Das Otto-Dix-Haus wurde saniert und mit moderner Museumstechnik ausgestattet. Für den Aufbau der Sammlung hat das Land Thüringen, aber auch die Bundeskulturstiftung Millionenbeträge zur Verfügung gestellt. In den neuen Bundesländern wurden so ziemlich alle Museen umstrukturiert und modernisiert.

Wer den Gewinn für die Kunst im Osten Deutschlands durch das Ende der DDR ermessen will, sollte einen Umstand mit ins Kalkül ziehen. Anders als Polen, die Tschechoslowakei oder Ungarn war die DDR durch ihre Fronstellung und der Tatsache, dass es zwei deutsche Staaten gab, extrem isoliert. Es gab kaum Kontakte zu internationalen Kunstentwicklungen, vom Kunstmarkt ganz zu schweigen. Das Fehlen der Freiheit und des freien Austausches ließ eigentlich nur eine Regionalszene wachsen.

Unter diesen Umständen verdient gewürdigt zu werden, was in 40 Jahren DDR trotzdem Künstler und Künstlerinnen zustande gebracht haben. Sie haben einen Platz in der gesamtdeutschen Kunstgeschichte verdient.

Kommentar

Grenzerfahrungen

Als die Mauer fiel, war ich Teenager. Berlin war weit weg. Nichts war so weit entfernt wie die DDR. Kein Ausland, kein Urlaub, egal wohin, führte mich...

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