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Fünftes „Heimspiel“ für Cineasten

Über 50 Produktionen, zwei Dutzend Regensburg-Premieren: Das „Heimspiel“-Filmfest, das am 20. November beginnt, ist in diesem Jahr aktueller denn je.
Von Fred Filkorn, MZ

Regensburg.Die fünfte Ausgabe des Heimspiel-Filmfestes bringt vom 20. bis 27. November ganz großes Kino nach Regensburg. Nicht unbedingt hinsichtlich der Budgets der Filme, sehr wohl aber hinsichtlich ihrer Qualität. Um die richtigen Streifen herauszupicken, haben Festivalleiter Sascha Keilholz und seine studentische Sichtungsgruppe die großen Filmfestivals in Berlin, Locarno, Toronto und Cannes besucht. Und auch zuhause ging die Sichtungsarbeit weiter: „Ich habe über einen Zeitraum von etwa einem Jahr täglich bis zu vier Filme angeschaut“, berichtet Keilholz.

Aus der getroffenen Auswahl präsentieren die Lichtspielhäuser Andreasstadel und Ostentor die besten und sehenswertesten Filme des vergangenen Kinojahres. Neben den Sektionen Internationale und Deutsche Highlights steht heuer vor allem das unabhängige US-Kino im Mittelpunkt. Dass neben den großen Blockbuster-Movies auch viele interessante „kleine“ Produktionen von dort kommen, beweist die Reihe American Independent Cinema.

Drama erinnert an Rodney King

Hier läuft auch „Fruitvale Station“, der die letzten 24 Stunden im Leben von Oscar Grant III. schildert, der in San Francisco von einem Sicherheitsbeamten erschossen wird. Der anschließende Prozess wird zum Sinnbild für die Zerrissenheit der amerikanischen Gesellschaft. Das Drama, das auf wahren Begebenheiten beruht und das Geschehen um Rodney King in Erinnerung ruft, wurde in Sundance, dem wichtigsten Independent-Filmfestival der Welt, mit den beiden Hauptpreisen bedacht. In der amerikanischen Historie zurück geht James Gray mit seinem hochemotionalen Drama „The Immigrant“. Oscar-Preisträgerin Marion Cotillard („La Vie en Rose“) muss sich als polnische Einwanderin im New York der 1920er Jahre beweisen. Mit Joaquin Phoenix und Jeremy Renner erstklassig besetzt, gilt „The Immigrant“ als heißer Oscar-Anwärter. Beide Filme sind vor ihrem deutschlandweiten Start beim Heimspiel-Festival zu sehen.

Jim Jarmusch, der Godfather des amerikanischen Independentkinos („Down by Law“), steuert mit „Only Lovers Left Alive“ einen höchst eigenwilligen Beitrag zur aktuellen Vampir-Liebesfilm-Welle bei. Der ewig junge Rockmusiker Adam (Tom Hiddleston, bekannt als der Loki aus „Thor“) haust in einer baufälligen Villa am Rande der kaputten Industriestadt Detroit. Mit der depressiven Eve (Tilda Swinton) führt er seit Jahrzehnten eine schwierige Beziehung. Als Eves jüngere Schwester (Mia Wasikowska) auftaucht, wird ihre Liebe auf eine harte Probe gestellt.

Ein Kultregisseur neueren Datums ist Quentin Dupieux. Der Franzose hat als Musik(video)produzent Mr. Oizo so manchen Hit gelandet. Unvergesslich ist das gelbe Plüschtier Flat Eric aus seinem Megahit „Flat Beat“. Mit „Wrong Cops“ liefert Dupieux nun ein abgedrehtes Update der legendären Achtzigerjahre-Reihe „Police Academy“ ab. Die groteske Komödie hält einen Gastauftritt des ungeschminkten Schockrockers Marilyn Manson bereit. Vergleichbar kompromisslos zeigt sich die spritzige Slasher-Komödie „All Cheerleaders Die“, die alle gängigen Genre-Konventionen vor den Kopf stößt. Beide Streifen feiern beim Heimspiel ihre Deutschlandpremiere.

Exotische Leckerbissen

„Wir wollen nicht nur gute, vielfach prämierte Filme zeigen, die vielleicht niemals einen deutschen Verleiher finden werden, sondern auch Entwicklungslinien aufzeigen“, erklärt Keilholz. Derek Cianfrances „The Place Beyond the Pine“ stehe in der Tradition des New-Hollywood-Kinos der 1970er Jahre, so der Medienwissenschaftler von der Uni Regensburg. Ein weiterer Streifen mit Shootingstar Ryan Gosling steht mit Winding Refns „Only God Forgives“ auf dem Programm.

In der Sektion Internationale Highlights erwartet die Zuschauer aber nicht nur die Crème de la Crème des europäischen Autorenkinos, sondern auch exotische Schmankerl wie das sinnliche philippinische Sozialepos „Norte“ von Lav Diaz, Kim Ki-Duks tabuloses Kastrations-Drama „Moebius“ und der rasante israelische Rache-Thriller „Big Bad Wolves“, dessen spannungsgeladenes Katz-und-Maus-Spiel für Nervenkitzel sorgt.

In der Rubrik Deutsche Highlights gibt es ein Wiedersehen mit Roland Klick, dem Heimspiel vor zwei Jahren eine Werkschau gewidmet hat und der heuer über Sandra Prechtels Porträt „The Heart is a Hungry Hunter“ sprechen wird. Erneut in Regensburg zu Gast ist auch Carsten Ludwig, der seinen mit Ulrich Thomsen top-besetzten Amok-Thriller „In der Überzahl“ vorstellt.

Die Regisseure Jan Bonny und Dominik Graf – zwei weitere Heimspiel- „Rückkehrer“ – erläutern ausführlich ihre Münchner „Polizeiruf 110“-Folgen, die Matthias Brandt als Kommissar Hans von Meuffels featuren. „Back to the roots“ heißt es auch für die Münchner Regisseurin Lola Randl, die sich bei der Regensburger Kurzfilmwoche ihre ersten Meriten verdiente. Ihr neuer Streifen „Die Erfindung der Liebe“ hat lange auf sich warten lassen, weil Hauptdarstellerin Maria Kwiatkowsky nach rund der Hälfte der Drehzeit unerwartet im Alter von erst 26 Jahren starb. Doch er wurde fertiggestellt. Aus dem vorhandenen Material und neuen Aufnahmen entstand ein berührender Film über die Liebe, der auch das Filmemachen selbst thematisiert.

Werkschau: Götz Spielmann

Die Werkschau ist dieses Jahr dem österreichischen Ausnahmeregisseur Götz Spielmann gewidmet, der mit „Revanche“ für den Auslands-Oscar nominiert war und in Regensburg seinen neuen Film „Oktober November“ vorstellt. In dem Familiendrama treffen die zwei ungleichen Schwestern Sonja (Nora von Waldstätten) und Verena (Ursula Strauss) aufeinander, die sich in einem Berggasthof von ihrem sterbenden Vater (Peter Simonischek) verabschieden wollen. Das Wiedersehen bringt lange schwelende Konflikte ans Tageslicht.

Abgerundet wird das Programm durch zahlreiche Einführungen und Fachgespräche. Hannes Brühwiler, der Redakteur der Filmfachzeitschrift „Revolver“ und Kurator des Berliner Filmfestivals „Unknown Pleasures“, spricht etwa darüber, wie sich das deutsche Kino vom großen Hollywoodkino unterscheidet.

Einige Highlights im Überblick

Am Mittwoch, 20. November, um 20 Uhr läuft der Eröffnungsfilm „Der Geschmack von Rost und Knochen“ im Ostentor-Kino, gefolgt von einem Auftritt des amerikanischen Singer-Songwriters Desmond Myers in der Kinokneipe.

Am Donnerstag, 21. November, heißt es ab 23 Uhr „Nachtspielzeit“ im Pavo (im Sudclub am Domplatz). Besitzer einer Heimspiel-Dauerkarte haben freien Eintritt.

Am Freitag, 22. November, um 21.30 Uhr präsentiert Markus Prasse, der ehemalige Leiter der Regensburger Kurzfilmwoche, mit dem Programm „German MuVi Award“ prämierte Musikvideos im Kino Wintergarten.

Am Samstag, 23. November, um 21.15 Uhr stellt Österreichs Starregisseur Götz Spielmann seinen neuen Film „Oktober November“ als Gala-Premiere im Ostentor-Kino vor.

Am Montag, 25. November, um 21.30 Uhr läuft „All Cheerleaders Die“ bei seiner weltweit erst dritten Aufführung im Kino Wintergarten.

Am Dienstag, 26. November, um 19.15 Uhr läuft „Wrong Cops“ von Quentin Dupieux als Deutschlandpremiere im Kino Wintergarten.

Unter www.heimspiel-filmfest.de kann man sich über das detaillierte Programm und über alle aktuellen Entwicklungen rund um das Filmfest informieren

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