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Film

Gefangen im Schicksal einer fremden Frau

Michael Krummenacher von der HFF München zeigt bei der Berlinale sein Thrillerdrama „Sibylle“ – eine starke Arbeit.
Von Fred Filkorn, MZ

Anne Ratte-Polle (links) als Sibylle im gleichnamigen Krummenacher-Film
Anne Ratte-Polle (links) als Sibylle im gleichnamigen Krummenacher-Film Foto: Passanten Filmproduktion/Jakob Wiessner

Berlin.„Die Dinge ändern sich“, ist das letzte, was die unbekannte Frau Sibylle zuflüstern kann, bevor sie stirbt. Sie ist freiwillig von der Klippe gesprungen und sieht Sibylle zum Verwechseln ähnlich. Bei diesem kurzen Aufeinandertreffen scheint ein Virus auf Sibylle übergesprungen zu sein, denn alles, was der Toten widerfahren ist, scheint sich jetzt bei Sibylle zu wiederholen.

Der Arzt verschreibt der Frau absolute Ruhe, ihr Mann nutzt die neu gewonnene berufliche Freiheit – die beiden betreiben gemeinsam ein Architekturbüro – und profiliert sich bei den Kunden. Am deutlichsten zeichnen sich die Veränderungen aber an dem Sohn David ab: Der Junge fängt an, ins Bodybuildingstudio zu gehen, er guckt heimlich Hardcore-Pornos und macht generell einen aggressiven Eindruck. Ist das die Pubertät oder eine ungewöhnliche Wesensveränderung?

Beunruhigendes Rauschen

„Sibylle“, der Abschlussfilm von Michael Krummenacher, der an der HFF München Film studiert hat, zieht seine Spannung aus der Ungewissheit, ob die Geräusche, Stimmen und visuellen Veränderungen nur Sibylle wahrnimmt oder ob sie tatsächlich vorhanden sind. Leidet die junge Frau an psychischen Störungen oder hat sich die Umwelt gegen sie verschworen? Der Film ähnelt in diesen Momenten der Paranoia in Roman Polanskis Meisterwerk „Rosemary’s Baby“. Die menschenleere Ferienanlage in Italien, wo der Film zunächst spielt, erinnert an Stanley Kubricks „Shining“. Sibylle fühlt sich beobachtet, aus Fernsehen und Radio kommen nur beunruhigende Störgeräusche, aus dem Wasserboiler quillt Blut.

Michael Krummenacher gehört einer neuen Generation junger deutscher Filmemacher an, die keine Scheu hat, sich dem Genrekino zuzuwenden. In seinem Zweitlingsfilm stoßen Elemente aus Horror, Psychothriller und Familiendrama aufeinander. Man könnte „Sibylle“ auch als deutschen Giallo-Film sehen. Das italienische Thriller-Horror-Subgenre hatte in den 1970er Jahren seine Hochphase und sorgt mit einem expressiven Filmscore für Suspense. Auch „Sibylle“ ist ohne Tonspur kaum vorstellbar. Schrille Töne der Angst wechseln sich mit einem dumpfen unterschwelligen Dröhnen ab, das das nächste Unheil verkündet. Ständig hört Sibylle, die von der tollen Theaterschauspielerin Anne Ratte-Polle gespielt wird, ein Knacksen und ein Poltern. Visuell setzt der Film auf abruptes Heranzoomen an Gesichter, observierende Kameraeinstellungen von ganz weit oben und auf abgedunkelte Räume.

Auch im Spätprogramm des BR

„Sibylle“ war jetzt bei der Berlinale in der Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ zu sehen – die optimale Plattform, um einen deutschen Verleih für sich zu erwärmen. Auch im Spätprogramm des BR wird das Thrillerdrama irgendwann zu sehen sein: Die Sendeanstalt hat den Film koproduziert. „Sibylle“ macht Lust auf mehr. Gar nicht auszumalen, was passieren könnte, wenn Regisseur Michael Krummenacher mal ein höheres Budget zur Verfügung hat.

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