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Geschichte und große Geschichten

Geisterhaftes, Goldrausch und interessante Gäste wie Roland Klick standen am Wochenende auf dem Programm des Regensburger Heimspiel-Festivals.
Von Fred Filkorn, MZ

Regensburg.Zum günstigen Dauerkartenpreis von 35 Euro bietet derzeit das Heimspiel-Filmfest die perfekte Gelegenheit, dem schmuddeligen Novemberwetter zu entfliehen. Deutsche und internationale Film-Highlights sowie selten gesehene Perlen des amerikanischen Independentkinos bieten mannigfaltige Möglichkeiten in fremde Welten einzutauchen.

Einer der bekannteren Vertreter des American Independent Cinema ist James Gray, dessen neuester Streifen „The Immigrant“ gezeigt wurde. Das armutpittoreske New York der 1920er Jahre, das den Hintergrund bildet, stellt der New Yorker Regisseur nicht mit großen Schauwerten heraus, sondern streift es lediglich im Vorbeigehen. Dass Gray den Film ganz für seine Hauptdarstellerin Marion Cotillard geschrieben hat, ist ihm in jeder Sekunde anzumerken. Wie Cotillard als strenggläubige Polin anfängt, widerwillig ihren Körper zu verkaufen, um die kranke Schwester vor der Abschiebung zu bewahren, ist bemerkenswert. Gray hat hier ein Stück der eigenen Familiengeschichte verarbeitet: seine russisch-jüdischen Großeltern emigrierten in den 1920er Jahren in die USA. Gray konzentriert sich ganz auf seine Figuren. Die Geschichten, die er erzählt, sind von einer großen Wahrhaftigkeit geprägt. Sie berühren, ohne sentimental zu sein.

Ein schwacher Trip: „Gold“

Um Auswanderung geht es auch in Thomas Arslans „Gold“. Ein Trupp deutscher Auswanderer begibt sich auf einen strapaziösen Treck nach Klondike, wo das Edelmetall wartet. Arslan steht für die Berliner Schule, die auf Reduktion und magischen Realismus setzt. Das hat in seinem ökonomisch erzählten Krimidrama „Im Schatten“ noch bestens funktioniert. Allzu schematisch werden in „Gold“ jedoch alle Gefahren abgehakt, die auf einem Trip in die Wildnis lauern können. Dass ein ernstzunehmender deutscher Western nicht gelingen will, hängt vielleicht auch mit unserer Karl-May-Film-Sozialisation zusammen. Die etwas gestelzten Dialoge tragen ebenfalls zur Bad-Segeberg-Haftigkeit des Filmes bei. Nina Hoss, Darling der Berliner Schule, gibt erneut die spröde, wortkarge Einzelgängerin.

Das filmische Pendant zur geisterhaften Musik der britischen Library Music liefert US-Regieneuling Clay Jeter. In „Jess + Moss“ stromert ein Geschwisterpaar in tagträumerischen Sequenzen durch Abbruchhäuser, die die Natur sich zurückerobert. Erinnerungsfetzen an die verstorbenen Eltern, die auf abgegriffene Kompakt-Kassetten gebahnt sind, durchwehen den Film. Spooky Sounds passen kongenial zu der wechselhaften Textur der Bilder: grobporig wie ein Polaroidbild, psychedelisch wie ein impressionistisches Gemälde. Jeter erzählt vom Verschwinden, vom Sich-Auflösen – und von denjenigen, die zurückbleiben.

Die Militärdiktatur wirkt nach

Das Verdrängte und die Nachwirkungen der Geschichte hängen auch im brasilianischen „Neighboring Sounds“ wie magische Leerstellen in der Luft. Die aufstrebende Mittelschicht der Millionenstadt Recife versorgt sich mit den neuesten Statussymbolen, das soziale Gefüge zwischen den Have’s und Have-Not’s ist fein austariert. Der Wohlstandslangeweile entkommt die bekiffte Hausfrau mit vibrierendem Waschmaschinensex. Das Materielle soll derweil ein Sicherheitsdienst verteidigen. Mit den alten, zweistöckigen Häusern, die durch moderne Apartment-Hochhäuser ersetzt werden, verschwindet auch ein Teil des historischen Gedächtnisses. Aber einige haben noch lange nicht vergessen, wie der Patron des Viertels zu seinem Geld kam. Am Ende seines Langfilmdebüts setzt Kleber Mendonca Milho einen Racheakt für etwas, das 1984 während der Militärdiktatur geschah.

Politisch motiviert in seinen Arbeiten war auch die deutsche Regielegende Roland Klick. Von den Protagonisten des Neuen Deutschen Films dafür gescholten, sich mit seinen Genreanverwandlungen an den Mainstream zu verkaufen, steckt in Klicks psychedelischen Spagettiwestern „Deadlock“ auch eine Spur RAF. „An der Oberfläche musste immer alles stimmen, darunter brodelte es“, fasst Klick in Sandra Prechtels Dokumentarfilm über ihn die bundesrepublikanische Stimmung der 1950er und 1960er zusammen. Als Gast des Festivals steuert der 74-Jährige noch das ein oder andere Anekdötchen bei. Etwa wie „Deadlock“ 1967 in einer Feuerpause des Sechstagekriegs auf israelischem Territorium entstand. Oder wie Klick tagelang vor dem Anwesen Fellinis herumlungerte, um dem Großmeister seinen Kurzfilm „Ludwig“ zu zeigen. Für solche Momente sind Filmfestivals gemacht.

Die Geschichte steht über allem

Und natürlich für die Möglichkeit das Oeuvre eines Regisseurs wie Götz Spielmann kennenzulernen, der sein neuestes Werk „Oktober, November“ im Gepäck hatte. Beim sonntäglichen Werkstattgespräch berichtet der Wiener Regisseur, wie ihm Wolfgang Borcherts Erzählung „Die traurigen Geranien“ die Welt der Kunst erschloss und wie wichtig ihm ein gutes Drehbuch und ein leidenschaftliches Filmteam sind. Aber über allem steht: „eine persönlich empfundene Geschichte.“

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