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Völkerkunde

Gewalt war ein Ideal der Wikinger

Den Nordmännern eilt ihr brutaler Ruf voraus – zu Recht, sagt Matthias Wemhoff im Interview. Er kuratiert die spektakuläre Berliner Wikinger-Schau.
Von Elke Vogel, dpa

  • Der Nachbau des Wikingerschiffs Seehengst von Glendalough geht am Reichstagsufer in Beriln vor Anker: Es gehört zur Wikinger- Ausstellung im Martin-Gropius-Bau. Foto: dpa
  • Matthias Wemhoff Foto: Arno Burgi dpa/lbn

Berlin.Sie waren brutale Krieger und Eroberer, aber auch geschickte Händler. Die Berliner Ausstellung „Die Wikinger“ (10. September bis 4. Januar) zeigt, wie die Nordmänner neue Länder entdeckten und Kontinente verbanden. „Das, was wir heute als Globalisierung bezeichnen, hat auf gewisse Weise auch bei den Wikingern schon eine Rolle gespielt“, sagt Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte Berlin und Ausstellungskurator, im Interview mit dpa.

Wer waren die Wikinger?

Die Wikinger lebten im Norden Europas – vor allem in Norwegen, Schweden und Dänemark. Ab Ende des 8. Jahrhunderts wurden sie als Angreifer und später Eroberer wahrgenommen. Sie zeichneten sich vor allem durch ihre Schiffe aus. Mit ihnen kamen die Wikinger an weit entfernte Orte – dort tauchten sie auf, überfielen die Bewohner, plünderten Dörfer und verschwanden wieder.

In welchem Zeitraum haben sie gelebt?

Der erste historisch überlieferte Überfall ist der Überfall auf das Kloster Lindisfarne an der Nordostküste Englands im Jahr 793. Das Ende der Wikingerzeit wird von Historikern auf das Jahr 1066 datiert.

Welche Länder haben die Wikinger erobert? Wo haben sie sich angesiedelt?

Das ist das eigentlich Faszinierende: Sie verbanden tatsächlich Kontinente. Das, was wir heute als Globalisierung bezeichnen, hat auf gewisse Weise auch bei den Wikingern schon eine Rolle gespielt. Sie haben die Wege nach Asien neu entdeckt. Sie befuhren die russischen Flusssysteme. Sie schleppten ihre Schiffe über die Wasserscheiden und setzten sie auf der anderen Seite wieder in den Fluss. Die Wikinger kamen bis ins Schwarze und Kaspische Meer und bauten Kontakte entlang der Seidenstraße auf. Sie verbanden das islamische Gebiet mit Europa. Das war mit ausgiebigem Handel verbunden. Halb England war in wikingischer Hand. Von dort ging es rüber auf die einsamen Inseln wie die Orkneys und Shetland – und die Wikinger entdeckten Island, wo sie sich Ende des 9. Jahrhunderts ansiedelten. Dort gab es den berühmten Schritt nach Grönland und schließlich die Entdeckung Amerikas durch die Wikinger. Tatsächlich hatten die Wikinger über einige Jahrzehnte eine stabile Schiffsverbindung nach Amerika. Da hätte die Geschichte durchaus auch anders verlaufen können...

Welche Nationen beziehen sich heute auf die Wikinger?

Dänemark ist direkt wikingisch geprägt. Aber auch Schweden und Norwegen sind eigentlich wikingische Nachfolgestaaten.

Deshalb kommt auch die dänische Königin Margrethe zur Ausstellungseröffnung...

Ja, man kann wirklich sagen, sie steht in der Tradition von König Harald Blauzahn, der Dänemark einte und in unserer Ausstellung eine große Rolle spielt. Die Ausstellung fragt: Wie schafften es die Wikinger von in Gruppen organisierten, nicht gerade friedlichen Gesellen zu Trägern eines der stabilsten Staatswesen in Europa zu werden?

Warum heißen die Wikinger Wikinger?

Viking – das ist die Fahrt, die Handelsfahrt oder ein Raubzug und unter dem altnordischen Begriff vikingr verstand man auch damals schon den Räuber. Aus der Bezeichnung einer kleineren Gruppe ist also eine Bezeichnung geworden, unter der man heute fast alle zusammenfasst, die damals in Skandinavien wohnten.

Haben die Wikinger ihren kriegerischen, brutalen Ruf zurecht?

Ja, da habe ich überhaupt keine Zweifel. Für die Menschen damals war es eine Strafe Gottes, wenn die Wikinger in kriegerischer Absicht auftauchten. Aber nicht alle, die wir heute als Wikinger bezeichnen, sind auch an den Überfällen beteiligt gewesen. Viele sind normale Bauern gewesen.

Was hat die Wikinger so gefährlich gemacht?

Ihre Schnelligkeit. Man sieht das Segel des Wikingerschiffs am Horizont – und eine Stunde später sind die Wikinger da. Wenn man das in der Ausstellung gezeigte Kriegsschiff Roskilde 6 anschaut: Da sitzen 100 Leute drin. Die springen mit Äxten und Schwertern bewaffnet raus. Dem kann man so schnell nichts entgegen setzen. Die Zeit, um Verteidigung zu organisieren, ist einfach zu kurz. Die Menschen waren den Überfällen schutzlos ausgeliefert, zumal man damals eigentlich in einer ganz friedlichen Epoche lebte. Die Städte hatten zum Beispiel noch keine Stadtmauern. Mit Überfällen aus dem Norden rechnete niemand. Wenn man die Segel sah, konnte man nur noch weglaufen.

Warum waren die Wikinger so brutal?

Die Wikinger haben die Chance gesehen, schnell zu Wohlstand und Reichtum zu kommen. Die kinderreichen wikingischen Familien hatten beispielsweise in den norwegischen Fjorden ohne zusätzliche Mittel von außen kein sehr auskömmliches Leben. Und: Kampf und Gewalt waren ein wikingisches Ideal. Das hängt auch mit den in den nordischen Mythen überlieferten religiösen Überzeugungen zusammen. Nur wer im Kampf fällt, kommt nach Walhalla. Manchmal ist die ganz bewusst herausgestellte Gefährlichkeit schon erschreckend: Geschliffene, angemalte Zähne zum Beispiel. Wikinger, die damit die Zähne fletschten, waren sicher ein furchterregender Anblick.

Die Wikinger machten auch Sklaven...

Sklaven wurden in großen Mengen gemacht, sie waren eine wichtige Ware. In der Ausstellung zeigen wir auch Sklavenfesseln, die an wichtigen Umschlagplätzen wie Haithabu in Schleswig-Holstein gefunden worden sind.

Die Wikinger waren aber nicht nur Kämpfer, sondern auch versierte Handwerker und große Händler. Mit was handelten die Wikinger?

Mit Fellen und Stoffen, sogar mit Seide von der Seidenstraße, mit Wein, mit in Barren gegossenem Metall, mit Wachs und Honig, mit Gewürzen und Salz und sogar mit Walross-Elfenbein und Narwalzähnen.

Wie war die Rolle der Frau bei den Wikingern?

Die Rolle der Frau war sehr bedeutend. Weil die Männer oft nicht da waren, waren die Frauen ungeheuer mächtig. Ein Mann, der auf „viking“ ging, der war ein paar Monate weg. Und die Frau wusste auch nicht, ob er wiederkommt. Es gab jede Menge von Frauen geführte Höfe. In der Ausstellung sieht man Trachten und Schmuck von Frauen. Es gibt Überlieferungen, dass die Männer ihren Frauen Silberschmuck schenkten, der dem Gewicht von 10 000 arabischen Silbermünzen entsprach. Der Erfolg der Raubzüge und der Handelsreisen zeigte sich also auch im Schmuck der Frauen.

Hatten die Kinder eine Kindheit – ab wann mussten Jungs in den Krieg ziehen?

Das ist ganz schwer zu sagen. Da fehlen einfach die Quellen. Man wird sich das so vorstellen müssen, dass die Jungen eine ganze Zeit lang auf dem Hof mitlebten und schon sehr früh mitarbeiteten. Im jugendlichen Alter, mit etwa 14 Jahren, wurden sie dann an die kriegerischen Aufgaben herangeführt.

Was bietet die Ausstellung für Kinder?

Für Kinder wird eine ganze Menge geboten! Unsere dänischen Kollegen aus dem Wikingerschiffsmuseum in Roskilde werden parallel zur Ausstellung ein Schiff bauen, das hinterher auch seetüchtig ist. Da können die Kinder mitmachen. Im Extra-Mitmachraum können Kinder auch selbst mal so eine Wikingerausstattung anlegen: Vom Helm über das Kettenhemd bis zu den Schuhen. Es gibt außerdem spezielle Programme für Schulklassen. Die Ausstellung ist sehr anschaulich, man braucht da nicht groß Texte lesen.

Professor Matthias Wemhoff ist seit 2008 Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte in der Hauptstadt und Berliner Landesarchäologe. Wemhoff, geboren 1964 in Münster, war zuvor Leiter des Museums in der Kaiserpfalz in Paderborn und Direktor des Westfälischen Landesmuseums für Klosterkultur in Kloster Dalheim.

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