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Nachruf

Ihr Leben war großes Theater

Renate Hünlich hat 40 Jahre auf der Regensburger Bühne große tragische und kleine feine Rollen gespielt. Am Montag ist sie mit 86 Jahren gestorben.
Von Harald Raab, MZ

Renate Hünlich auf einem Foto von 2001: Die große alte Dame des Stadttheaters starb am Wochenende im Alter von 86 Jahren. Foto: MZ-Archiv

Regensburg.Es war vor vier Tagen. Michael Bleiziffer, früher Oberspielleiter am Theater Regensburg, sah sich die Videoaufzeichnung seiner legendären Faust-Inszenierung von 1996 an. Sein fulminanter Bilderbogen des großen Menschheitsdramas beginnt damit, dass Renate Hünlich, die Grande Dame des Regensburger Schauspiels, als Theaterdirektor den Kopf zum Vorhang hinausstreckt. „Es ist seltsam, am Montag bekam ich einen Anruf, dass Renate Hünlich gestorben ist. Das Video war für mich so etwas wie ein letztes Adieu. Sie war für mich nicht nur eine großartige Schauspielerin, sondern auch eine Freundin. Ihre Leidenschaft, ihre Professionalität, mit der sie Theater gemacht hat: das hat mich immer wieder fasziniert. Das Theater war ihr Leben. Ihr Leben war großes Theater“, so fasst Bleiziffer zusammen, was 40 Jahre lang Regisseure, Schauspielerkollegen und natürlich auch das Publikum begeistert hat.

Renate Hünlich gehörte zur alten Garde, als Theater neben dem Musikleben das Kulturereignis Nummer eins in Regensburg war. Die Regensburger und Regensburgerinnen begeisterten sich für ihr Theater, fieberten mit dem Bühnengeschehen, liebten und verehrten die Schauspieler und Schauspielerinnen, die Sänger und Sängerinnen. Die Nachwelt flicht den Mimen zwar keine Kränze, doch die Älteren denken noch gern an ihre Bühnenlieblinge. Die meisten spielen schon im himmlischen Theater: Willi Graf, Hans Schrade, Dolf Tippmann, Jochen Paulmann. Michael Heuberger und Michael Haake sind die letzten Aktiven des Ensembles, mit denen die Hünlich - wie sie respektvoll vertraut von allen genannt wurde - auf der Bühne agierte.

Renate Hünlich war die große alte Dame auf den Brettern, die ja die Welt bedeuten sollen - auch in Regensburg. Für sie jedenfalls ist diese Metapher passgenau. Unvergesslich ihre Rolle als Claire Zachanassian in Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“. Verletzlichkeit und Kälte, Gerechtigkeit und Rache, Stolz und Zynismus: Renate Hünlich hat diesen schillernden Charakter in all seinen Facetten, Spiegelungen und Brechungen in der großartigen Bleiziffer-Inszenierung ausgeleuchtet.

Es war so etwas wie Vertrauen und Sympathie auf den ersten Blick: 1987 sind sich Renate Hünlich und Michael Bleiziffer zum ersten Mal begegnet. Er als Gastregisseur und Renate Hünlich in ihrer Paraderolle als Marthe in Edward Bonds Gesellschaftsdrama „Sommer“. Beide hatten sie dieselbe Auffassung von der tragischen Frauenfigur einer Todkranken, die sich noch einmal mit beiden Beinen auf die Erde stellt, um ihr ein Stück Leben abzutrotzen.

Es waren die komplexen Charaktere, denen Renate Hünlich Gestalt gab, in einer Fülle klassischer und moderner Stücke. Bleiziffer: „Sie hatte Mut zum Abgründigen, zum Hässlichen, auch zum Bösen, zur Kälte. Sie war aber auch fähig, menschliche Wärme ausstrahlen zu können.“

„Sie war ein großes dramatisches Talent“, erinnert sich Michael Heuberger. „Sie war so etwas wie das personifizierte Theater. Noch 2012 hat sie sich im Container der neuen Intendanz gezeigt, nach dem Motto: Ich muss doch einmal nachschauen, was ihr im Theater treibt. Meine letzte Begegnung mit ihr war nach der Generalprobe des Brandner Kaspar. Ich habe den Boandlkramer gespielt. Ich gehe runter und da sitzt sie in ihrem großen roten Mantel in einer der vorderen Reihen und sagt zu mir: ’Na, das wollt ich jetzt aber schon gesehen haben, wie ihr das spielt.‘ In Erinnerung wird mir ewig bleiben: Renate Hünlich mit ihren mit Schlangen besetzten großen Brüste als Oberhexe im Faust. Das war eine so unglaublich pralle Rolle, wie sie sich so lasziv am Boden gewälzt hat.“

Die Hünlich war das Gewissen und die kritische Instanz des Ensembles. „Sie war ein Vulkan“, urteilt Heuberger. Das Wichtigste aber war ihr die Sprache. „Es ging ihr dabei nicht nur um die Technik und dass sie auch auf dem letzten Platz im Zuschauerraum verstanden wurde“, sagt Michael Bleiziffer. „Sie besaß die Fähigkeit, die Emotionalität einer Figur perfekt in Sprache umzusetzen.“ Sechs Intendanzen hat sie erlebt. Für ihre Lebensleitung am Theater wurde sie 2007 mit dem Regensburger Kulturpreis geehrt.

Geburtsjahrgang 1927, das signalisiert eine Jugend, die von Krieg und Nachkriegswirren gekennzeichnet war. Die gebürtige Oberschlesierin hat ihr persönliches Schicksal immer wieder in ihr Rollenverständnis eingebracht. Wer Bühnencharakteren glaubwürdig Gestalt geben will, muss das Auf und Ab des Lebens erfahren haben. Wer wie sie im August 1945 im zerbombten Dresden eine Ausbildung als Schauspielerin begonnen hat, konnte das mimische Handwerk nicht als ästhetisches Glasperlenspiel verinnerlichen. Theater musste das reale Leben widerspiegeln, auch in seinen Utopien, Hoffnungen und Widersprüchen.

Erste Engagements gab es in Zwickau, Bautzen und Halle. Theater hat viel mit Freiheit zu tun, die im Osten Deutschlands jedoch immer mehr eingeschränkt worden ist. Renate Hünlich flüchtete 1953 aus dem kommunistischen Machtbereich und fand an Theatern in Nordrhein-Westfalen neue Aufgaben. Ein Stückvertrag als Gräfin Orsini in Lessings Emilia Galotti führte sie zum ersten mal nach Regensburg. Intendant Walter Storz bot ihr ein Engagement für vier Jahre an. Nach einem Zwischenspiel an der Bühne in Rheydt, holte sie und ihren Mann, Joschi Hermann, Intendant Volker von Collande 1966 wieder nach Regensburg.

Ihre letzte und schwierigste Rolle: Sie hatte die Widrigkeiten des Alters bettlägerig zu meistern. Trotz aller Handicaps dieses letzten Akts war sie immer noch zu große Emphase fähig. Bei seinem letzten Besuch streckte sie Michael Bleiziffer die Arme entgegen und formulierte begeistert nur ein finales Wort – Vermächtnis und Abschied zugleich: „Theater!“

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