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Botschafter des Jamaika-Sound

Jenseits der etablierten Kunstformen bewegt sich was. Junge Künstler, Musiker und Autoren haben neue Ausdrucksformen gefunden, die die MZ in einer Serie vorstellt.

Drei Selectors und ein MC: Markus „Herti“ Herterich, MC Ussama „U-cee“ Soleman, Florian „Flo“ Marek und Martin „Moatl“ Straube vom Mortal Kombat Soundsystem aus „Reggaensburg“ (von links). Foto: Privat

von Fred Filkorn, mz

. Seit Jahren ist Reggae unter Jugendlichen in Deutschland eine der beliebtesten Musikrichtungen. Von der karibischen Insel Jamaika kommen regelmäßig Weiterentwicklungen dieser ureigenen jamaikanischen Musikform: Vom Ska und Rocksteady der Sechziger Jahre über Roots Reggae und Dub der Siebziger Jahre bis zum heute noch vorherrschenden Dancehall, der in den frühen Achtziger Jahren seinen Anfang nahm.

Die Freunde Markus „Herti“ Herterich und Martin „Moatl“ Straube hatten Mitte der Neunziger Jahre ihre Liebe zum Dancehall-Reggae entdeckt. 2000 starteten sie mit ihrem Soundsystem „Mortal Kombat Sound“ und legten jeden Samstagabend im Club „Suite 15“ auf. 2002 stießen Ussama „U-cee“ Soleman und Florian „Flo“ Marek hinzu. Das Soundsystem ist eine originär jamaikanische Darbietungsform des Reggae, es wird auch kurz „Sound“ genannt. In der jamaikanischen Musikkultur versteht man darunter eine mobile Diskothek, die im Freien aufgebaut wird. Plattenspieler, Verstärker, Effektgeräte und vor allem gigantische Lautsprechertürme sorgen für einen extrem basslastigen Sound. Heute besitzen die Soundsystems selten eine eigene Musikanlage. Meist werden die existierenden Anlagen eines Clubs oder einer Disko genutzt. In Deutschland wurden die ersten Sounds in den frühen 80er Jahren gegründet.

Fans der fernöstlichen Kampfkunst

Da waren Herti, Moatl und Flo noch sehr jung. Das Reggae-Virus infizierte sie in den Neunzigern. Bei einem Auftritt ihres Sounds suchen sie die Platten heraus und werden so im Reggae-Kontext als „Selector“ bezeichnet. Umgangssprachlich würde man sie wohl DJ nennen. U-cee ist der MC („Master of Ceremony“) der Crew; er sagt die Stücke an, kommentiert sie oder singt und rappt über Instrumentalversionen, die häufig auf den B-Seiten der Singles zu finden sind. Traditionell legt der Reggae-Selector mit den kleinen schwarzen Platten auf, die im Fachjargon aufgrund ihrer Größe auch „7-inches“ genannt werden.

Mortal Kombat Sound nennen sich im Untertitel „The Martial Arts Sound“. In den Siebziger Jahren waren fernöstliche Kampfkunstfilme („Martial Arts“), wie die Kung Fu-Filme mit Bruce Lee, auch auf Jamaika sehr beliebt. Doch das Regensburger Soundsystem hat sich nicht deshalb so genannt. Herti und Flo: „Mortal leitet sich einfach vom Namen unseres Mitstreiters Moatl ab – außerdem haben wir früher gerne das Computerspiel Mortal Kombat gespielt“, sagt der 1,90 Meter große Herti.

Mortal Kombat Sound ist das einzige Regensburger Soundsystem, das regelmäßig in der Stadt zu hören ist. Bei ihren monatlichen Veranstaltungen „Friendly Fire“ und „Dub Club“ in der Mälzerei bekommen die einhundert bis 350 Besucher neben Klassikern auch die neuesten Platten aus Jamaika und den USA zu hören, wo eine große jamaikanische Community lebt.

„Friendly Fire“ findet am jeweils dritten Freitag des Monats im Underground, dem Kellerclub der Alten Mälzerei statt. Der Abend trägt nicht zufällig seinen Namen: Um die im Reggae-Business häufig anzutreffende Konkurrenzsituation – wo jedes Soundsystem mit exklusiven „Dubplates“ um die Gunst des Publikums buhlt – zu entschärfen, lassen die vier Jungs von Mortal Kombat bewusst Dubplates aufnehmen, die nicht nur das eigene Soundsystem preisen, sondern ebenso dasjenige der Gäste. Die Dubplate ist eine spezielle Schallplatte, die als Einzelstück oder in sehr geringen Stückzahlen gefertigt wird. Ursprünglich stellte ein Musikproduzent einem Soundsystem ein noch nicht veröffentlichtes Musikstück zur Verfügung, um zu testen, wie es beim Publikum ankommt. Eine Dubplate gilt als Statussymbol: das Soundsystem bezeugt damit seine guten Beziehungen zu wichtigen Produzenten. Heute beauftragen Soundsystems einen Sänger, die individuelle Version eines Stückes einzusingen, in dem das Soundsystem mehrmals positive Erwähnung findet.

Nachdem Herti in den frühen Neunziger Jahren noch als MC der Hip-Hop Formationen „Die Adretten Fetten“ und „Vers Anabolika“ aktiv war, hat er ab Mitte der Neunziger Jahre angefangen, Dancehall-Reggae-Platten zu kaufen. Der digital produzierte (im Vergleich zum Roots Reggae) harte Sound aus den Studios der jamaikanischen Hauptstadt Kingston erlebte mit populären Sängern wie Sean Paul oder Elephant Man mit Beginn der 2000-er Jahre in Deutschland einen regelrechten Boom. Deutsche Eigengewächse wie der Kölner „Gentleman“ oder die Berliner Combo „Seeed“ verstärkten diesen Trend noch, Dancehall Reggae war total „in“.

Anfang des Millenniums waren die Mortal Kombat-Veranstaltungen in der Suite 15 „bumsvoll“, wie Herti sich erinnert: „Die deutschen Soundsystems der ersten Generation wie Soundquake, Sentinel oder Pow Pow zogen damals problemlos 350 bis 500 Besucher an“. Heute hat sich der Hype um Dancehall gelegt. Das Mortal Kombat Sound muss wegen der hohen Fluktuation in der Universitätsstadt Regensburg immer wieder Aufbauarbeit in Sachen Reggae leisten: „Wir bringen mittlerweile der dritten Generation von Partygängern unsere Musik nahe“. Neben einer eingeschworenen Fangemeinde von etwa 50 Besuchern setzt sich laut Herti das typische Publikum eines Abends aus 18- bis 30-Jährigen zusammen, die zwar früh anfangen zu tanzen, aber bei der Musikauswahl den schon oft gehörten Hits den Vorzug vor den unbekannteren, neuen Stücken geben. Deshalb hätten es Gäste aus der weitverzweigten deutschen Soundsystem-Szene, die zu Mortal Kombats zweitem regelmäßigen Abend, dem „Dub Club“, geladen sind, tendenziell schwer, das Publikum für sich zu gewinnen.

Dubplates aus dem Big Belly Studio

Gute Kontakte haben Mortal Kombat nicht nur zur deutschen Szene.

Im Laufe der Jahre haben sie ein Netzwerk bis nach Tschechien, Ungarn, Italien, Spanien, Österreich und der Schweiz aufgebaut. Wichtig ist den Regensburger „Soundboys“ dabei stets der persönliche, freundschaftliche Kontakt zu anderen Soundsystems. Auch bei der Produktion von Dubplates legen sie großen Wert auf den direkten Kontakt zum jeweiligen Künstler. So sind Herti und Moatl „extra mal nach Hamburg gefahren, um einen jamaikanischen Sänger persönlich kennenzulernen“. Künstler, die nach Regensburg kommen, laden sie zu Dubplate-Sessions entweder in Hertis Heimstudio oder ins befreundete Big Belly Studio von Produzent Robert „Rob Rocker“ Zierhofer nach Neutraubling ein. Neben dem Tonstudio betreibt Rob Rocker noch das Label „Big Belly Records“, wo 7-inch-Schallplatten bzw. downloadbare Tracks veröffentlicht werden, die auf den eigenen „Riddims“ basieren.

Unter Riddim (Patois für Rhythm) wird ein Instrumentalstück verstanden, über das verschiedene Sänger ihre Songs singen. Von jedem Riddim gibt es ein Original, alle weiteren Aufnahmen sind „Versions“, und zwar vokale, instrumentale oder effektgesättigte Dub Versions. Die meisten Singles aus Jamaika enthalten auf der B-Seite eine Dub Version, das heißt eine Instrumentalversion, die mit Echoeffekten, Ein- und Ausblendungen von Instrumenten sowie kurzen Einblendungen von einzelnen prägnanten Gesangszeilen angereichert ist. Der Soundsystem-Mann am Mikrophon, der MC, nutzt die B-Seite, um dazu zu singen oder zu rappen.

Ende 2008 veröffentlichte Big Belly Records den „Picker Riddim“ , der von Mitgliedern der Regensburger Reggaeband „King Banana“ eingespielt wurde – eine Band, die Regensburg während der vergangenen 14 Jahre mit sämtlichen Stilrichtungen des Reggae beglückte. Das „Reggae & Dancehall Orchestra King Banana“, das von Herti für seine exzeptionelle Bläsersektion gepriesen wird, läutet nun einen neuen Abschnitt in der Bandgeschichte ein und benennt sich in „U-cee & The Royal Family“ um. So schließen sich die Kreise: U-cee, der MC von Mortal Kombat singt bei King Banana.

Um die Regensburger Szene besser zu vernetzen und jüngeren Sounds wie „Inna Di Air“ oder „Ping Pong“ die Möglichkeit zum Auflegen zu geben, denken die Jungs von Mortal Kombat zur Zeit an neue Modelle der Kooperation. So könnte der frühe Abend der Reggaeveranstaltungen in der Mälzerei als Plattform von jungen Soundsystems genutzt werden. Aber auch die „Veterans“ von Mortal Kombat Sound sind noch lange nicht müde. Im Sommer wollen sie sich mit dem Kieler Soundsystem „Soulfire Hi-Fi“ an Wochenenden in wechselnden deutschen Städten zwischen Regensburg und Kiel treffen, um gemeinsam aufzuspielen.

Das Allergrößte wäre für Mortal Kombat Sound jedoch, einmal im Mutterland des Reggae aufzutreten. Bei einer zweiwöchigen Reise im vergangenen Jahr hat Herti bereits seine Fühler ausgestreckt ...

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