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Literatur, mal ganz sportlich

Jenseits der etablierten Kunstformen bewegt sich was. Junge Künstler, Musiker und Autoren haben eigene Ausdrucksformen gefunden, die das Kulturleben bereichern.

Ko Bylanzky und Rayl Patzak in Action: Die Slam-MCs heizen die Stimmung an. Sie moderieren Poetry Slams in verschiedenen Städten im deutschsprachigen Raum – regelmäßig auch in Regensburgs Alter Mälzerei. Foto: privat

Von Katharina Kellner, MZ

Freitagabend, Alte Mälzerei. Obwohl die Kombattanten noch gar nicht auf der Bühne sind, herrschen bereits Temperaturen von gefühlten 40 Grad. Keine Chance, durchzukommen, ohne jemanden anzurempeln. Worauf warten all diese Leute? Auf ein Konzert? Einen sportlichen Wettkampf?

Letzteres ist nicht ganz falsch. Denn die Poeten, die auf die Bühne treten, um selbst verfasste Texte vorzutragen, tun das zum großen Teil mit höchstem Körpereinsatz. Mancher Poet rappt seinen Text mit atemberaubender Geschwindigkeit und Schweißperlen auf der Stirn. Wortkaskaden prasseln auf das Publikum nieder, treiben schnelle, bunte Bilder vor das innere Auge. Die Zuhörer sind aktiv, entscheiden per Applaus, wer den Lorbeer errungen hat, feuern die Dichter an und jubeln.

Die Stimmung heizen zwei professionelle Slam-Moderatoren an: Rayl Patzak und Ko Bylanzky. Patzak ist zudem Poetry-DJ. Er legt vor, nach und in den Pausen des Slams auf: mit Gedichten gemischte, tanzbare Musik. Die beiden Münchner kommen regelmäßig nach Regensburg. Im MZ-Interview sprechen sie über das Phänomen Poetry-Slam, die Anfänge und die Fortentwicklung der Slam-Szene.

MZ: Wie erklärt Ihr euch, dass sich Hunderte Menschen zum Poetry Slam drängen, ohne zu wissen, was sie erwartet?

Bylanzky: Poetry Slam trifft einen bestimmten Nerv. Bei einer herkömmlichen Lesung sind die Positionen klar verteilt: Der Dichter sitzt vorne, hat ein Glas Mineralwasser vor sich stehen, die Wilden auch mal ein Bier, auf der anderen Seite das Publikum. Das schafft Distanz. Beim Slam hat jeder nur fünf Minuten Zeit, muss sich also kurz fassen. Entscheidend ist, dass der Dichter aus dem Publikum kommt und nach seinem Auftritt ins Publikum zurückkehrt. Damit wirkt er als Person auf der Bühne viel authentischer, er ist nicht so unnahbar wie einer, der bei einer Dichterlesung als „Halbgott“ behandelt wird.

Patzak: Lyrik erschließt sich nicht von selbst. Beim Poetry Slam ist die Atmosphäre ein bisschen so, als würden junge Leute an einem Lagerfeuer zusammensitzen und einer trägt etwas vor. Damit wird Lyrik an einer Person festgemacht, die Zuschauer identifizieren sich mit dem Poeten.

Wie seid Ihr zum Poetry Slam gekommen?

Patzak: Ich habe Anfang der 90er Jahre mal in der Zeitung von der Spoken-Word-Bewegung gelesen, konnte mir aber noch nicht viel darunter vorstellen. 1995 war ich dann auf einer Show mit drei Spoken-Word-Poeten aus New York. Und da wusste ich: Das will ich auch machen. Wie ein kleiner Junge, der ein Fußballspiel sieht und weiß, dass das sein Leben ist. In den ersten Jahren habe ich selbst Texte geschrieben und bin auf Poetry Slams aufgetreten. Dann spürte ich, dass es mir mehr Spaß machte, andere Leute zu fördern. Ich selber habe dann angefangen, bekannte Gedichte auf Plattenspielern in Beats zu mixen und wurde so zum Poetry-DJ. Das war etwas Neues, was sonst keiner gemacht hat, und war mir bald mehr wert als das eigene Verfassen von Gedichten.

Bylanzky: Ich wusste von Anfang an, dass ich nicht selbst dichten will, sondern andere fördern. Rayl und ich haben dann im Februar 1996 in München den „Substanz“-Slam (regelmäßige Slam-Veranstaltung im Club Substanz, Anm. d. Red.) aufgezogen. Das war damals aber ein riesiger Unterschied zu dem, was es heute ist.

Warum waren die Anfänge so schwierig?

Bylanzky: Die Slams waren damals eine Bühne für jedermann, die Mischung, die heute üblich ist, dass lokale Dichter zusammen mit Gästen auftreten, gab es nicht. Die Leute lasen auch einfach nur vor, es kam aber zu keiner Interaktion mit dem Publikum. Es war harte Arbeit, bis wir die Leute soweit hatten, dass sie zusammen mit den Zuhörern agieren. 1997 gab es die erste deutschsprachige Meisterschaft, die sehr geholfen hat, die Szene zu vernetzen. Ab 1999 haben wir dann zu unseren Slams auch Gast-Poeten eingeladen, denn wir haben uns in der Rolle als „Losfee“, die die Gewinner bestimmt, unterfordert gefühlt. Gäste heben die Qualität eines Slam. Und sie inspirieren die lokale Szene, die sonst nur im eigenen Saft schmort.

Patzak: Früher waren die Slams tatsächlich wie ein Vorlesewettbewerb. Es gab keine Leute, die ihre Geschichten so vorgelesen haben, wie das heute passiert. In den ersten drei Jahren sind Ko und ich durch Deutschland gereist und haben uns Veranstaltungen von Lyrikern oder Rappern angeschaut. Wir haben uns auch quasi artfremde Leute eingeladen, um vom Vorlesen wegzukommen. Für uns war es so, wie wenn man eine Wohnung einrichten will, aber kein Geld hat. Doch dann hat sich langsam der Cocktail von selber gemischt.

Sind denn gleichzeitig mit Euch auch andere Leute auf die Idee gekommen, Poetry Slams aufzuziehen?

Patzak: Ja, wir haben schon früh Bas Böttcher kennengelernt, der als Rap-Poet eine Legende ist. Er kommt aus Bremen und lebt heute in Berlin. Früher haben wir ihn als „Special Guest“ außer Konkurrenz eingeladen.

Um zu erkunden, wie Poetry Slam im Mutterland der Spoken-Word-Bewegung funktioniert, seid Ihr in die USA gereist. Was ist dort anders?

Patzak: Poetry Slam ist nur eine Spielart des großen Universums Spoken Word. In den USA sind die Texte auf den Slams politischer, aber auch stereotyper. Die Performancequalität ist unheimlich hoch. In vielen Colleges und Unis gibt es Workshops, die meisten Poeten durchlaufen sie. Aber natürlich gibt es auch Autodidakten.

Bylanzky: Die Unterschiede liegen im Kulturellen. Die Texte der US-Poeten sind politischer, der Rap-Stil zieht sich durch die meisten Texte. Schwarze oder Latinos thematisieren häufig ihre spezifische Lebenssituation, ihre Probleme. Da liegt der Unterschied zu Deutschland. Hier spricht kein Hartz-IV-Empfänger beim Slam über seine Situation. In den USA haben viele Dichter einen inneren Drang, von sich zu erzählen, in Deutschland sind die Texte eher satirisch.

Haben es nachdenkliche und ruhig vorgetragene Texte schwerer als die, die von lustigen Alltagsgeschichten erzählen und vor Wortwitz nur so sprühen?

Bylanzky: Grundsätzlich haben es Leute mit nachdenklichen Texten schwerer. Ein ernster Text muss seine Wirkung erzielen. So ein Text beim Slam geht ja eher vom Bauch ins Hirn. Das ist dann schwierig, wenn ich wie ein verschüchtertes Reh auf der Bühne stehe oder das Blatt vor dem Gesicht nicht wegbekomme.

Patzak: Es ist nicht so, dass man mit einem nachdenklichen Text keine Chance hat, aber es ist definitiv schwerer. Siebzig Prozent der Gewinner haben einen witzigen Text vorgetragen.

Welche Spielregeln sind Euch wichtig?

Bylanzky: Wir wollen klarmachen, dass jeder Poet Respekt genießen muss. Ausbuhen ist bei uns nicht drin. Vor allem bei Neulingen erfordert es eine gute Portion Mut, sich auf die Bühne zu stellen. Wir haben einmal einen skandalträchtig aufgezogenen Slam in Köln erlebt, wo heftig gebuht wurde. Das war fast ein Hindernislauf für die Dichter. Manchmal gibt es auch Leute, die auf Krawall gebürstet sind oder zur übertriebenen Selbstdarstellung neigen. Die nehmen wir uns dann zur Brust. Eine weitere wichtige Regel ist, dass ein Dichter nicht in einer Stadt zweimal denselben Text liest. Dem kommen wir zuvor, indem wir als Gäste nur Leute aussuchen, deren Repertoire reicht, um mindestens zwei Abende zu bestreiten.

Bei Euren beiden jüngsten Slams in Regensburg platzte die Alte Mälzerei aus allen Nähten. Ist das Regensburger Publikum besonders begeisterungsfähig?

Bylanzky: Wir werden in Regensburg gut aufgenommen. Mehr Leute bekommen wir auch im „Substanz“ nicht. Das Publikum in der Mälze ist enthusiastisch und herzlich. Egal wer auf der Bühne steht, die Leute sind unvoreingenommen und voller Vorfreude. Das macht vor allem Neulingen Mut. Das Niveau der lokalen Poeten in Regensburg ist hoch. Auch wenn wir rund hundert Veranstaltungen in verschiedenen Städten wie München, Salzburg oder Zürich haben: Ich freu’ mich immer auf Regensburg, da ist so viel positive Energie im Raum, dass das Moderieren riesigen Spaß macht.

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