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Nicht nur das Gangster-Ding

Serie Jenseits der etablierten Kunstformen bewegt sich was. Junge Künstler, Musiker und Autoren haben neue Ausdrucksformen gefunden, die die MZ in einer Serie vorstellt.

Sie sind „Blumentopf“: (v.l.) Cajus Heinzmann (Cajus, Master P), Florian Schuster (Flo, Kung Schu), Roger Manglus (Roger, Specht), DJ Sebastian Weiss (Sepalot) und Bernhard Wunderlich (Holunder) Foto: Blumentopf

Von Katharina Kellner, MZ

Hip-Hop ist umstritten: Kritiker sehen in der Szene eine besorgniserregende Abweichung von ihren Wurzeln: Während der ursprüngliche Hip-Hop die sozialen Ungerechtigkeiten thematisiert habe, die Afroamerikaner in den Ghettos von New York erdulden mussten, ist in ihren Augen heutiger Hip-Hop oft reaktionär, gewaltverherrlichend, frauenfeindlich und homophob. Tatsächlich haben Rapper wie Bushido in erster Linie ein gefülltes Bankkonto, die eigene Villa und ein möglichst gangstermäßiges Image im Sinn.

Bei den fünf Musikern von Blumentopf ist das anders: Die Münchner Cajus Heinzmann (Cajus, Master P), Bernhard Wunderlich (Holunder), Florian Schuster (Flo, Kung Schu), Roger Manglus (Roger, Specht) und DJ Sebastian Weiss (Sepalot) brachten 1997 ihr Debütalbum „Kein Zufall“ heraus. Heute haben sie nicht nur eine wöchentliche Radioshow bei on3radio, dem Jugendradio des BR, sondern sind mit ihrer Musik ganz schön herumgekommen. Auf Einladung des Goethe-Instituts traten sie in Tel Aviv, Betlehem, Beirut und Amman auf. Auch für verschiedene Soloprojekte reisen sie viel – nach Marokko, Bolivien oder in den Sudan. Für die ARD kommentierten die Münchner rappend die Fußball-WM 2006 und die EM 2008.

In ihren Texten geht es um Leben und Liebe, Party und Politik, ihre Raps sind mal witzig, mal ernst, mal ironisch – erfrischender Gegenentwurf zu manch drögem Gangster-Rapper. Die MZ sprach mit Cajus Heinzmann über die „Topf“-Musik und die Situation des deutschen Hip-Hop.

Musikalisch seid Ihr im Hip-Hop zuhause. Hat Euch die Jugendkultur des Hip-Hop geprägt?

Auf jeden Fall. Als wir angefangen haben zu rappen, waren wir in unserer Gegend die mit den weitesten Hosen, den dicksten Wollmützen und den schlabbrigsten Karohemden. Wir haben nicht nur Hip-Hop gemacht, sondern uns auch Hip-Hop angezogen. Damals waren wir ja auch noch Teenager. Allerdings kam die Mode ja ursprünglich von Skatern. Und auch wir kamen eigentlich über das Skaten zum Hip-Hop.

Warum habt Ihr Euch entschieden, in deutscher Sprache zu rappen?

Dazu haben wir uns gar nicht groß entschieden, sondern das haben wir automatisch gemacht. Wir kamen auch gar nicht auf die Idee, auf Englisch zu rappen. Wir sind ja nicht die allererste Generation der deutschen Rapper. Wir hatten da also auch gar nicht mehr das Eis zu brechen, das haben Leute wie zum Beispiel Advanced Chemistry vor uns schon getan. Außerdem kann man sich in seiner Muttersprache immer am besten ausdrücken, und zu dem klingt das natürlich auch viel authentischer. Nachdem wir ja auch mit Freestyle Rap angefangen haben und wir das ganze als Kommunikation untereinander genutzt haben war also auch klar, dass wir das auf Deutsch machen.

Lasst Ihr Eurer Musik das Etikett „conscious rap“, also Rap mit politischem Inhalt, aufkleben? Und seht Ihr Euch als Gegenpol zum Gangster-Rap?

Wir wehren uns jetzt nicht, wenn uns jemand als „conscious rap“ bezeichnet. Allerdings haben Leute zu uns auch schon gesagt dass wir doch Ghetto-Musik machen (lacht). Die Leute sollen das bezeichnen wie sie wollen, wir nennen es einfach Topf- Musik. Wir sehen uns auch nicht als Gegenpol zum Gangster-Rap, da wir unseren Style schon hatten, bevor es deutschen Gangster-Rap gab. Unsere Musik entspricht unseren Persönlichkeiten, und da gehört die humoristische, die nachdenkliche und auch die politische Ader rein.

Wie bewertet Ihr die Texte von Bushido und anderen ehemaligen Aggro-Rappern, die sich als besonders harte Kerle geben? Stirbt der deutsche Gangster-Rap aus, nachdem sich das Label Aggro Berlin nun aufgelöst hat?

Ich denke die Zeit des auf Teufel komm raus Fluchens und verbal um sich Hauens ist vorbei. Das wird zwar weiterhin existieren, allerdings wird man das nur von denen hören, die das authentisch bringen, alle anderen werden versinken und nicht mehr groß wahrgenommen werden. Authentischer Gangster-Rap hat ja auch auf jeden Fall seine Daseinsberechtigung.

Wie seht ihr die momentane Situation des deutschen Hip-Hop? Fehlt es an Inhalten?

Um die textlichen Inhalte mach ich mir gar nicht mal so große Sorgen. Ich glaube es ist viel wichtiger, dass Bands sich vor allem musikalisch weiterentwickeln.

Die Musikindustrie macht ihren Hauptumsatz mit Gangster-Rap. Warum hat es intelligenter Hip-Hop schwererer?

Für die Kids ist provokante Musik mit derben Texten natürlich attraktiv. Damals fand ich „Ficken, Bumsen, Blasen“ von den Hosen ja auch geil. Schade ist dann eben nur, dass dadurch Hip -Hop ein komisches Image bekommt, das ihm nicht gerecht wird, da es viele verschiedene Facetten gibt. Die meisten verbinden mit dem Begriff Hip- Hop immer gleich das Gangster-Ding.

Euer Schwerpunkt ist Sprechgesang. Macht Ihr auch Battle-Rap?

Battle-Rap ist ein Teil von Hip-Hop. Wir haben da natürlich auch schon diverse Songs gemacht. Momentan ist das bei uns aber etwas in den Hintergrund gerückt, da wir uns damit gegenseitig nicht mehr so richtig begeistern können. Vielleicht kommt das irgendwann wieder.

Welche musikalischen Vorbilder habt ihr?

So wirkliche Vorbilder haben wir eigentlich nicht. Ich find’ es immer beeindruckend, wenn Bands sich über einen langen Zeitraum behaupten können. Wenn wir jetzt mal im Hip-Hop bleiben, siehe Snoop Dogg.

Blumentopf treten am Freitag, 10. Juli, in der Münchner Muffathalle auf. An jedem dritten Donnerstag im Monat ist die Band ab 22 Uhr auf on3radio, dem Jugendradiosender des Bayerischen Rundfunks, zu hören.

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