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Kino, das wahrhaftig Geschichten erzählt

Am 20. November beginnt das Heimspiel 5 in Regensburg. Die MZ sprach mit Festivalleiter Sascha Keilholz über unabhängiges Kino und seine Favoriten.
Von Fred Filkorn, MZ

Regensburg.Herr Keilholz, Sie haben kürzlich mit ihrer Frau Silke Roesler-Keilholz beim Schüren Verlag einen Band über den amerikanischen Regisseur James Gray herausgebracht. Wie sind Sie auf Gray gestoßen?

Erstmals bin ich Mitte der 90er Jahre auf Gray gestoßen, sein Erstlingswerk Little Odessa genoss einen Ruf als großartiger VHS-Titel. Damals haben mich vor allem dessen Hauptdarsteller Tim Roth, Maximilian Schell und Vanessa Redgrave interessiert. Einige Jahre später habe ich dann in Paris fast zufällig „The Yards“ gesehen, der in Deutschland gar keinen Kinostart hatte. Damals begann meine Verehrung für den Auteur Gray. Während er in Frankreich frenetisch gefeiert wird, führt er bis heute in Deutschland als Filmemacher ein Außenseiterdasein, insofern machte die Publikation Sinn. Ich hatte mich vorher schon in einem Buch mit dem American Independent Cinema auseinandergesetzt, damals mit einem Schwerpunkt auf den Filmen Sean Penns. Meine Frau wiederum interessiert sich sehr für die Inszenierung von Städten im Film, insbesondere im Fall New York. Da gab es eine gute Schnittmenge.

Was schätzen Sie an Gray besonders?

Wir beide schätzen die Geradlinigkeit, Schnörkellosigkeit und Ehrlichkeit seiner Filme. Das gilt für die Dramaturgie und die Ästhetik. Jedes Detail hat seine Aufgabe, seinen Ort. Es gibt keine Überfrachtung. Einen Gray-Film erkennt man nach wenigen Einstellungen, das macht einen Autorenfilmer aus. Und er distanziert sich vom postmodernen Kino, das ich persönlich zunehmend kaum noch ertragen kann, wo alles reine Posse und Pose, reines Zitat, ein einziger Scherz ist. Gray erzählt nur von Dingen, die ihn selbst existenziell beschäftigen und berühren: Familie, Glaube, Loyalität…

Auch in Grays neuem Streifen „The Immigrant“stehen mit Marion Cotillard und Joaquin Phoenix echte Hollywood-Größen vor der Kamera. Dabei läuft der Film in der Reihe „American Independent Cinema“. Passt das zusammen?

Die Frage „Independent oder nicht“ macht die Sektion, diesen Wirtschaftszweig und diese Stilrichtung ja so besonders. Man kann den Begriff völlig unterschiedlich fassen und definieren. Zunächst einmal sagt er aus, dass der Film unabhängig von den Studios in Hollywood produziert wurde. In „The Immigrant“ stecken viele französische Gelder und Einflüsse.

Low-Budget ist er jedenfalls nicht.

Das Budget von wahrscheinlich knapp 20 Millionen Dollar ist im Vergleich zu kleinen Low-Budget-Mumblecore-Produktionen natürlich hoch, im Vergleich zu Blockbustern aber Peanuts. Spannend finde ich, wenn in einer solchen Konstellation dann unterschiedlichste internationale Größen ihres Fachs zusammenkommen, wie die französische Schauspielerin Marion Cotillard - die wir auch im Eröffnungsfilm „Der Geschmack von Rost und Knochen“ zeigen, für den sie eine Golden Globe Nominierung erhielt, ebenso wie der iranische Kameramann Darius Khondji. Beide können mit ihren Leistungen auf eine Oscarnominierung spekulieren. Cotillard hat ja bereits einen für ihre Rolle als Edith Piaf erhalten, Khondji war für „Evita“ nominiert. Wie er diesmal in „The Immigrant“ das New York der 1920er Jahre in Licht und Bild setzt ist schon außergewöhnlich und beeindruckend. Diese Vision, wie etwas auf der Leinwand aussehen könnte, das verbinde ich auch mit dem American Independent Cinema. Ein unabhängiger Film wie „The Immigrant“ entsteht eben nicht nur oder in erster Linie, um damit möglichst viel Geld zu machen und Kid-Toys bei Fast-Food-Ketten zu verkaufen, sondern weil es das Bedürfnis gibt, eine Geschichte zu erzählen.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Filme des Heimspielfestivals mit ihrer Sichtungsgruppe ausgesucht?

Heimspiel definiert sich schon klar über Cinéphilie, also die gewissermaßen uneingeschränkte Liebe zum Film und zum Kino. Das heißt, dass man nicht mit Scheuklappen schauen darf, nicht nach reinem Fantum aussucht. Ein Festival sollte den Blick schweifen lassen: Was gibt es momentan im Weltkino – und was davon hat es vielleicht noch nicht regulär in unsere Kinos geschafft? Wir haben beispielsweise „Entdeckungen“ aus Brasilien, Israel und den Philippinen. Der philippinische Regisseur Lav Diaz wird weltweit von Kritikern als einer der wichtigsten Filmemacher seiner Generation gefeiert. Dennoch hat es keiner seiner Filme bislang regulär ins deutsche Kino geschafft. Also ist jemand wie er auf Festivals angewiesen, damit die Leute sein Werk kennen lernen können – dafür ist Heimspiel da. Dem Amerikaner Shane Carruth geht es ganz ähnlich. Sein Debütfilm „Primer“ ist Kult und das Nachfolgewerk „Upstream Color“ wird von den internationalen Kritikern gefeiert wir kaum ein anderer Film in diesem Jahr. Einen deutschen Verleih findet er dennoch nicht. Also zeigen wir ihn!

Was sind Ihre persönlichen Favoriten?

Meine ganz persönlichen Favoriten sind unser Eröffnungsfilm „Der Geschmack von Rost und Knochen“, unser Abschlussfilm „Blau ist eine warme Farbe“ und vielleicht Joachim Triers „Oslo, 31. August“ – da gehen mir viele Bilder einfach nicht mehr aus dem Kopf. Beim American Independent Cinema muss man meines Erachtens „The Place Beyond the Pines“ hervorheben, der bislang gnadenlos unterschätzt wurde. Dessen Regisseur Derek Cianfrance scheint mir, um es mal pathetisch auszudrücken, die Zukunft des Kinos zu sein. Auch hier gibt es wie bei Gray eine Wahrhaftigkeit. Das ist das neue New Hollywood. Ich bin mir sicher, dass der Film in einigen Jahren als Klassiker gezählt wird. Von den deutschen Filmen hat mich am meisten „Tore tanzt“ beeindruckt. Der ist wirklich kompromisslos, davor habe ich größten Respekt.

Sie haben wieder zahlreiche Gäste geladen. Auf wen freuen Sie sich besonders?

Besonders wird sicherlich der Besuch von Roland Klick. Er ist eine absolute Ikone des deutschen Films. Seine Reflexionen über Film sind spannend, geistreich und individuell. Er ist ja irgendwie auch immer „independent“ gewesen, ein Außenseiter, ein Unangenehmer, ein Unangepasster. Das imponiert mir. Bereits vor zwei Jahren haben wir ihm eine Werkschau gewidmet, er konnte damals krankheitsbedingt nicht kommen. Umso mehr freue ich mich jetzt. Außerdem freue ich mich, dass jemand wie Dominik Graf, den ich als Filmemacher und darüber hinaus sehr schätze, ein zweites Mal zum Heimspiel kommt – obwohl wir „nur“ einen bereits ausgestrahlten Polizeiruf zeigen. Aber es ist eben der sechs Minuten längere Director’s Cut und manchmal kommt es einfach auf genau diese sechs Minuten an. Das definiert für mich auch ein Festival. Wir zeigen etwa „The Act of Killing“ einmal in der regulären Kinoversion und einmal im Director’s Cut zum Vergleich. Das ist ungewöhnlich und so etwas kann nur ein Filmfestival. Ein besonderer Ehrengast ist natürlich Götz Spielmann, dem wir dieses Jahr die Werkschau widmen und der neben seinem Meisterwerk Revanche auch seinen neuen Film „Oktober November“ persönlich vorstellen wird, außerdem für ein ausführliches Gespräch zur Verfügung steht. Emotional ist sicherlich auch die „Rückkehr“ von Lola Randl nach Regensburg. Ich mochte „Die Besucherin“ sehr gerne und freue mich, dass sie jetzt ebenfalls ihren neuen Film „Die Erfindung der Liebe“ vorstellt.

Zum ausführlichen Programm des Heimspiel-Filmfests geht es hier

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